Montag, 4. Juli 2016

Die 39. SONNE-Tagung in Kirchheim

Die diesjährige Tagung der Amateursonnenbeobachter der VdS führte mich schon zum 2. Mal in diesem Jahr ins thüringische Kirchheim. Mein Begleiter war dieses Mal Michael Steen, außerdem nahmen auch Klaus-Peter Daub und Ralf Pagenkopp an dem Treffen teil.

Wir reisten zu unterschiedlichen Zeiten bereits am Freitag an, um sich ncht unmittelbar vor der Tagung auf die Autobahn begeben zu müssen. Gegen 14:30 Uhr kamen wir in Erfurt an, holten den Schlüssel bei Jürgen Schulz ab und fuhren erstmal zur Sternwarte. Danach ging es zum traditionellen Einkauf nach Rudisdleben. Abends holten wir dann noch Michael Delfs aus Erfurt ab, der mit dem Bus zur SONNE-Tagung gekommen war. Später traf noch ein niederländischer Sternfreund ein, der von allen die weiteste Anreise hatte, und so wurde der Abend ganz gemütlich, zumal wir ab 21 Uhr das EM-Spiel gucken konnten.

Am Samstag begann nach dem Eintreffen der restlichen Teilnehmer*innen – am Ende waren wir 16 Leute - offiziell die SONNE-Tagung mit einer kurzen Eröffnung von Michael Delfs, der auch gleich die Gelegenheit wahrnahm, einen alten Film von Bernard Lyot über Sonnenprotuberanzen und Sonnenflecken durch einen Koronographen aus dem Jahr 1935. 

Im ersten Vortrag berichtete Ralf Pagenkopp über seine eigene Ausrüstung, zeigte Aufnahmen der Sternwarte und ein paar prominente Deep-Sky-Objekte, bis er das von ihm entwickelte Programm SunMAP zur automatisierten Bestimmung von Fleckenpositionen aus Übersichtsaufnahmen der Weißlichtsonne vorstellte.

Klaus-Peter Daub berichtete danach über seine Erfahrungen mit dem Programm anhand einer Aufnahme der Sonne vom 27.09.2015, verglich die gemessenen Positionen mit denen des Debrecen HeliophysicalObservatory in Ungarn und fand bei der beispielhaft vermessenen Aktiven Region Nr. 12422 nur geringe Abweichungen gegenüber den veröffentlichten Daten. Diese waren so gering, dass sie vernachlässigbar waren und sich innerhalb der üblichen Fehlertoleranz bei solchen Messungen bewegten. Einer Einsendung zur Auswertung stünde damit nichts mehr im Wege.



Nach einer kleinen Pause, die witterungsbedingt noch nicht zur praktischen Beobachtung genutzt werden konnte, zeigte Michael Delfs eine ganze Reihe von Sonnenaufnahmen von Flecken beim Sonnenuntergang, die mit bloßem Auge zu sehen waren und ging auf die großen Flecken des Jahres 2003 ein. Diese offenbarten viel Feinstruktur in der Granulation, in den Flecken – wie die umbral dots – und wie sich Regionen innerhalb kürzester Zeit verändern können. Dabei zeigte sich, dass bei hochaktiven Gruppen aus rudimentären Penumbren ganz runde werden können, wenn sich vorher da noch ein anderer Fleck oder eine Penumbra reingeschoben hatte. Beeindruckend waren auch die Filme des Big Bear Solar Observatory, die im H-alpha-Licht Entwicklungen von Protuberanzen und Filamenten zeigten. 

Nach einer kleinen Pause führte Heinz Hilbrecht in das nur auf den ersten Blick skurrile Thema »Warum die Beobachter vorher wissen müssen, was sie sehen« ein. Dabei ging es vor allem um die Wahrnehmungsphysiologie und die Wahrnehmungspsychologie. In letzter gibt es den durchaus radikalen Ansatz, dass man nur das sehen kann, was man sehen will, bzw. was man erwartet. Man kennt das von der Suche nach verlorenen Gegenständen, für die man trotz der Fokussierung auf das Objekt schlicht blind ist. Hier erwartet man etwa den nicht auffindbaren Schlüssel an einer ganz bestimmten Stelle zu sehen, liegt er aber woanders, finden wir ihn nicht. Auf die Astronomie und hier speziell die Sonnenbeobachtung heißt das streng genommen, dass wir nur dann etwas sehen, wenn wir wissen, wie es aussieht. Auf die derzeit fleckenfreie Sonne bezogen heißt das nichts anderes, als dass wir Flecken nur dann erkennen können, wenn man weiß, wie er prinzipiell aussieht, sonst übersehen wir ihn. Man kann sich aber selbst kalibrieren. Da bei der Sonnenbeobachtung das Gehirn auf einen Schwarz-weißen Kontrast trainiert ist, muss man auf den Sonnenrand gucken, wo der Hintergrund schwarz ist und die Fackeln weiß und dann kann man in der Tat einen Fleck leichter erkennen. Um es astronomisch zu nennen: unser Denkapparat speckelt - es erkennt Muster - besser als jeder Hochleistungsrechner!




Danach wurde eine weitere Pause eingelegt und viele der Teilnehmer*innen brachen zur Besichtigung der Sternwarte des Sternfreunds Günter Loibl in Espenfeld auf. Einige – wie ich – blieben in Kirchheim und konnten nach Durchzug eines Regengebietes an den Instrumenten der Sternwarte die Sonne im H-alpha-Licht und im Weißlicht beobachten. Insbesondere im letzten Wellenlängenbereich zeigte sich die Sonne eigentlich fleckenfrei. Allerdings erkannten einige Beobachter am 130/100 mm TOA-Takahashi-Refraktor in der Schiefspieglerhütte eine fleckenartige Struktur westlich des Sonnenmeridians. Allerdings war sich keiner sicher, dass da auch wirklich was zu sehen war. Unter Zuhilfenahme des vorher gehörten erkannten einige die Struktur, andere wiederum nicht. Bei meinem eigenen Beobachtungen mit meinem 80/400er-Refraktor schien mir an der Stelle auch was sichtbar zu sein. Da ich es aber nicht halten konnte, wertete ich die Gruppe bei der Relativzahlbestimmung nicht. Letztlich gab es bei den gängigen Internetseiten mit aktuellen Sonnenfotos auch keinen Eintrag einer neuen Fleckengruppe. Möglicherweise war diese so schwach, dass ihr Magnetfeld nicht ausreichte, um auch im Weißlicht kräftigere Strukturen herauszubilden. Ein typisches Merkmal für einen zu Ende gehenden Fleckenzyklus.




In der Zeit vor dem Grillen – hier gilt der Dank vor allem den Sternfreunden um Jürgen Schulz und seiner Frau, die uns hier exzellent versorgte – lud Heinz Hilbrecht zu einem zweiten Vortrag ein: »Was wirklich hinter den n-Lichtbrücken in Sonnenflecken steckt«. Auf dieses Phänomen wurde 1982 Michael Seebörger-Weichselbaum bei der Lichtbrückenbeobachtung aufmerksam und hielt dies in einem kurzen Beitrag für SONNE fest. Was damals niemand auch nur in Erwägung gezogen hatte: es gibt sie wirklich! Bekanntlich sind in hochauflösenden Sonnenfotos in den Umbren von Sonnenflecken manchmal kleine helle Flecken zu sehen, die heißen »umbral dots«. Diese bilden offenbar die Vorstufe zu Lichtbrücken, die sich dort bilden, nach außen greifen und mit der Granulation in Verbindung treten. Auf SDO-Bildern können sie mehrfach nachgewiesen werden, wenn man weiß, wie sie aussehen – den Hintergrund hatten wir im vorhergehenden Vortrag gelernt. Nach bisherigen Erkenntnissen sind n-Lichtbrücken, wie diese Erscheinungsform offiziell genannt wird, Ansammlung von »umbral dots«, aus denen dann eine Lichtbrücke entstehen kann. Die SDO-Bilder zeigen noch ganz andere Formen von n-Lichtbrücken, etwa helle Linien am Rande von Umbren, wo man sie in der Längsachse von oben sieht. Meist gleichen sie einem y oder einem x, aber es sind auch andere Strukturen denkbar. In verschiedenen Fachzeitschriften wie »Sterne und Weltraum«, »VdS-Journal« oder »SONNE« wurde mittlerweile darüber berichtet. 




Der Abend klang aus mit Grillen vor der 6m-Kuppel und dem EM-Viertelfinalspiel zwischen Deutschland und Italien sowie der zeitgleich stattfindenden SONNE-Redaktionssitzung.

Für den Sonntag – wir hatten rechtzeitig vorher gefrühstückt und das Auto beladen – standen noch vier mehr oder weniger kurze Beiträge auf dem Tagungsprogramm. Als erstes berichtete Steffen Fritsche über »Astrobeobachtung am Johann-Christian-Reinhart-Gymnasium in Hof«. Er berichtete von seinen astronomischen Anfängen und erläuterte, wie er heute mit seinem Schüler*innen – auch im Rahmen von verschiedenen Projekten – praktische Sonnenbeobachtung betreibt. Außerdem besuchte er verschiedene Sternwarten (z.B. Planetarium und Sternwarte Rodewisch) und beobachtete im Rahmen der Schularbeit die Sonnenfinsternis vom 20.3.2015, die Mondfinsternis vom 28.9.2015 oder den Merkurtransit am 9.5.2016. Im Wettbewerb »Schüler experimentieren« belegte eine Gymnasiastin den 2. Platz bei der landesweiten Ausscheidung mit einem astronomischen Thema!

Seine eigenen Versuche bei der Sonnenfotografie schilderte Steffen Fritsche in seinem zweiten Vortrag unter dem Titel »Sonnenfotos mit einfachen Mitteln«, wobei er mit einer kleinen Ausrüstung die Sonne im Weißlicht fotografiert. Schon die ersten Aufnahmen waren sehr beeindruckend und zeigen, wie man selbst mit bescheidenen Mitteln heutzutage zu sehr ansprechenden Sonnenbildern gelangen kann.

In einer kleinen Pause konnte nochmals die Sonne mit Sternwarteninstrumenten beobachtet werden, zumal es ab 10 Uhr – wie jeden Sonntag bei klarem Wetter – eine öffentliche Sonnenbeobachtung gab.





Im Anschluss daran berichtete Steffen Fritsche in seinem dritten Beitrag über »Das A-Netz von SONNE – Sonnenbeobachtung ohne Fernrohr« und nahm sich der aktuellen Auswertung von Beobachtungen mit dem bloßem Auge und Sonnenfiltern, wie den unverständlicherweise in Verruf geratenen Schweißergläsern höherer Dichte an. Unser Tagesgestirn wird hier nur mit dem Auge ohne Vergrößerung durch optische Hilfsmittel beobachtet. Trotz der Tatsache, dass man mit dieser Methode nur die größten Flecken erfassen kann, lassen sich anhand nur dieser Daten, die seit 1984 erhoben werden, die Verläufe der letzten zweieinhalb Sonnenfleckenzyklen sehr schön dokumentieren. Zwar gibt es leichte Abweichungen bei den Maxima und Minima, was aber nicht weiter tragisch ist. Interessant ist eher der Vergleich zwischen fleckenfreien Tagen mit Fernrohr und bloßem Auge, die durchaus auch voneinander abweichen können. Normalerweise müsste man annehmen, dass fleckenlose bzw. fleckenarme Zeiträume direkt miteinander korrelieren. Das ist aber nicht immer der Fall. So ging in den Jahren nach 2001 die Zahl der A-Flecken stark zurück, während die Relativzahlen anstiegen, was auf das Fehlen großer Gruppen hindeutet. Dafür bestand beim letzten Minimum eine fast völlige Übereinstimmung zwischen beiden Zahlenreihen. Während des flachen Maximums 2014 gab es dann wieder viele fleckenfreie Tage bei der A-Zahl, weil es nicht durch große spektakuläre Gruppen, sondern durch wesentliche kleinere, die in größerer Zahl auftraten, gebildet wurde. Momentan gehen die Kurven wieder auseinander, da wieder nur viele kleine Gruppen die Höhe der Relativzahlen bestimmen und es nur ganz wenige Flecken gibt, die man auch mit dem bloßen Auge sehen kann. Zuguterletzt wurde noch die Zahl der Beobachter erwähnt, die anfangs recht hoch war, dann aber wieder stark zurückging, sich aber durch neue Beobachter – auch aus der GvA (!) - wieder stabilisierte.

Anschließend führte Michel Delfs ein kleines Video vom Merkurtransit im H-alpha-Licht vor, das er auf dem Sternwarten-Rechner gefunden hatte. Was den meisten Betrachtern des Videos entgangen waren, die nur auf den kleinen schwarzen Punkt des Planeten achteten: im Norden der Sonne löste sich spektakulär ein Filament auf! 

Danach gab Andreas Bulling eine Übersicht zum aktuellen Stand des SONNE-Relativzahlnetzes, dessen Mitglieder mittlerweile nur noch zu einem geringen Teil aus Deutschland stammen. Die größte Beobachtergruppe stellt dabei inzwischen die GvA mit 8 Relativzahlbestimmern (5 davon als Bezugsbeobachter), die fast 10% der ausgewerteten Daten lieferten. Insgesamt sind die Zahl der teilnehmenden Beobachter, der Beobachter/Instrumenten-Kombination und der eingesandten Beobachtungen leicht rückläufig, wobei die der Beobachtungen im Verhältnis weniger stark abnimmt. Daraus ergibt sich, dass sich die Beobachter auf weniger Instrumente konzentrieren, dafür aber mehr damit beobachten. Er ging dann noch auf den aktuellen Zyklus ein, der an Merkwürdigkeiten reich ist, zumindest im Vergleich mit den vorangegangenen. Letztlich könnte es in der Tat so sein, dass wir eher mit einer größeren Zahl schwacher Zyklen rechnen müssen, als mit hohen. Da man aber im Voraus nie weiß, welche Entwicklung ein Zyklus nimmt, wird man abwarten müssen.

Im letzten Vortrag ging Michael Delfs auf die Entwicklung der Amateurastronomie und speziell der Sonnenbeobachtung ein. Schon bei der Gründung des Wilhem-Foerster-Instituts als Vorläufer der Wilhelm-Foerster-Sternwarte konzentrierte sich deren Gründer Hans Mühle auf die Sonnenbeobachtung, die aber schon nach ein paar Jahren endete, als ihr Initiator die Stadt verließ. Mitte der 60er Jahre kam es zu einen erneuten Aufschwung der Sonnenbeobachtung durch sie bereits 1917 gegründete DARGESO (=Deutsche Arbeitsgemeinschaft für Sonnenbeobachtung mit Sitz an der Treptower Sternwarte (heute: Archenhold-Sternwarte). Sie löste sich 1965 auf. 1977 wurden zeitgleich das SONNE-Netz in Westdeutschland und West-Berlin (Sitz an der Wilhelm-Foerster-Sternwarte) und der Arbeitskreis Sonne im Kulturbund der DDR (Sitz auf der Sternwarte Crimmitschau) gegründet. Beide bestehen bis heute!

Danach verabschiedete man sich und es wurde verkündet, dass die nächste SONNE-Tagung 2017 in Hamburg stattfinden wird.

Wir machten uns kurze Zeit später auf den Heimweg und kamen nach gut 6 Stunden wieder zu Hause an. Diese Tagung hatte uns allen viel Spaß gebracht und viele neue Erkenntnisse und Eindrücke hinterlassen, die auf die eine oder andere Weise nicht nur in die persönliche, sondern auch in den Sonnenworkshop einfließen. Wir freuen uns schon auf das nächste Jahr, wenn wir einen kurzen Anreiseweg, aber auch viel Arbeit haben werden!