Sonntag, 1. Mai 2016

Frühjahrs-NAFT in Lübeck


Die Versammlung im Musiksaal einer ehemaligen Schule
Das Frühjahrstreffen der norddeutschen Astrofotografen wurde am 23. April 2016 am alten Standort der Lübecker Sternwarte ausgetragen und bot wieder einmal einen schönen Überblick über die Aktivitäten von Sternfreundinnen und Sternfreunden aus dem Norden der Bundesrepublik.

An diesem zunächst sonnigen Samstagvormittag kam Christian Harder bei mir vorbei, sodann holten wir Michael Steen aus Bergedorf ab und fuhren hernach in einer kleinen Fahrgemeinschaft in die Hansestadt an der Trave, wo wir gegen 12 Uhr ankamen.

Auf dem Freigelände vor der Sternwarte hatten die Sternfreunde des ASL (Arbeitskreis Sternwarte Lübeck e.V.) einige Fernrohre zur Sonnenbeobachtung aufgestellt, und während es in Hamburg bereits stürmte und hagelte, konnten wir hier noch die beiden einsamen Sonnenflecken im Weißlicht und die Gesamtsonne im H-alpha-Licht beobachten. Im Gebäude, das vor kurzem noch von der „Schule an der Wakenitz“ im Teil „Johannes-Kepler-Schule“ in Lübeck-Eichholz genutzt wurde, war im Aufenthaltsraum das Büfett aufgebaut, wo man sich vor Beginn der Veranstaltung kräftig stärken und nebenbei klönen konnte.


Sonnenbeobachtung auf der Wiese vor der Sternwarte
Pünktlich um 13 Uhr begann das Frühjahrs-NAFT vor rund 50 Teilnehmerinnen und Teilnehmern im ehemaligen Musiksaal der Schule mit einer kurzen Ansprache des Vorsitzenden Oliver Paulien, der auf den bevorstehenden Umzug in ein noch zu errichtendes Neubaugebiet hinwies und an den Gründer der Sternwarte, den baltischen Astronomen Dr. Peter von der Osten-Sacken erinnerte. Dieser hatte 1957 mit einem kleinen Linsenfernrohr den ersten Erdsatelliten SPUTNIK-1 beobachtet, das hier vor Publikum präsentiert wurde. Am neuen Standort wird die Sternwarte auf einem 19 m hohen Turm erreichtet, der einen 360°-Rundumblick bietet und so Beobachtungen in alle Himmelsrichtungen ermöglichen wird. Die übrigen Räumlichkeiten der neuen Lübecker Sternwarte, die tief im Kulturleben der Stadt integriert ist – anders als bei der GvA in Hamburg – und in die Neubauplanungen mit einbezogen wird, sollen barrierefrei ausgestaltet sein.

Das Programm des Frühjahrs-NAFT
Im ersten Vortrag wusste Ralf Biegel mit Aufnahmen von Leuchtenden Nachtwolken (NLC) und/oder Polarlichtern der letzten Monate zu begeistern, die er mit musikalischer Untermalung darbot. Aufgenommen hatte er die Bilder am Ostseestrand bei Kühlungsborn, wo sich das Leibniz-Instituts für Atmosphärenphysik e. V. an der Universität Rostock (IAP) befindet, auf deren Internetseiten man sich über aktuelle Entwicklungen und Vorhersagen zu Polarlichtern und NLC informieren kann.

Dirk Zachow berichtete danach über seine Erfahrungen auf verschiedenen Internationalen Teleskoptreffen (ITT) mit der Emberger Alm in Kärnten, die durchweg positiv ausfielen, und zeigte Aufnahmen von M42, M45, California-Nebel, M31, Skorpion vor Sonnenaufgang, Pferdekopf-, Rosetten-, Trifid-, Lagunen-, Adler- und Omeganebel, NGC 253 sowie Landschafts- und Panoramaaufnahmen. Die Astroaufnahmen entstanden dabei mit Optiken von 419 mm und 800 mm Brennweite.

Erik Wischnewski führte danach in die Polarisationsastronomie ein. In diesem speziellen Fall geht es darum zu untersuchen, welche Objekte polarisiertes, also beispielsweise an interstellarer Materie oder interstellarem Gas gestreutes Sternenlicht aussenden, und ob man dies als Amateur überhaupt messen kann. Der Effekt wurde 1949 von den Astronomen William Hiltner und John S. Hall erstmals beobachtet und wird von der professionellen Astronomie genutzt, um Rückschlüsse auf die Art der aussendenden Quelle ziehen zu können. Zum einen sind es Objekte, die Synchrotonstrahlung aussenden, zum anderen die Kerne sog. Starburst-Galaxien, Supernova-Überreste etc. Die Idee war, mittels eines Polfilters derartige Messungen zu wiederholen. Dies misslang aber in allen oben genannten Fällen, auch, weil der Filter während der Aufnahme zu viel Licht schluckte. Es wurde berechnet, dass man wohl mindestens ein 60cm-Spiegel und einen ausreichend dunklen Himmel braucht, um die Messungen an Aktiven Galaxien und Reflexionsnebeln zumindest im Ansatz zu ermöglichen. Daher wich der Referent auf den Mond als Empfänger polarisierten Lichtes von der Sonne aus und bearbeitete seine Mondbilder mit dem Programm IRIS. Das Ergebnis verblüffte im negativen Sinne, denn die stärkste Polarisation sollte in einigen der Mondmeere auf Grund der chemischen Zusammensetzung des Mondbodens auftreten, wurde aber erstaunlicherweise überwiegend in den hellen Regionen am Mondsüdpol registriert. Eine Untersuchung ergab, dass man hier selbst beim Mond mit einer Subpixelgenauigkeit in den Aufnahmen und der anschließenden Bildverarbeitung arbeiten muss, denn schon die geringste Abweichung führt zu völlig falschen Ergebnissen. So ist auch bei den Beobachtungen am Mond – es eignen sich hierfür auf Grund der gegenseitigen Stellungen von Sonne, Erde und Mond am besten die beiden Halbmondphasen – kein wirklich vernünftiges Ergebnis visuell darzustellen. Anscheinend sind aber die Daten der Polarisationsmessungen, die in IRIS abgelegt werden, durchaus brauchbar. Unterm Strich ist die Idee sehr gut, mit Amateurmitteln aber (noch?) nicht umsetzbar.

In der anschließenden Pause konnte man sich weiter mit kostenlosen(!) heißen und kostenpflichtigen kalten Getränken, belegten Brötchen, Würstchen und selbst gebackenem Kuchen versorgen. Anlässlich des letzten NAFT an der Sternwarte, gab es Kuchen in Form einer kleinen Sternwarte, einer Kamera und ein Kuchenblech mit einem Tortenguss in Form des Observatorium von 1957 - 2016. Außerdem stellten wir uns für das Gruppenfoto auf der Grünfläche vor der Sternwarte auf. Und wer wollte, konnte immer noch einen Blick auf die Sonne werfen, denn die aus Westen heranrückende Schlechtwetterfront mit Temperatursturz, Gewitter, Regen, Eis und Schnee war noch nicht in Lübeck eingetroffen. Die kam erst während des letzten Vortragsblocks an.

Im ersten Vortrag nach der Pause stellte Bruno Mattern seine Sternwarte und seine neuesten Galaxienaufnahmen sowie einige Testergebnisse mit der Sony Alpha 7R im Vollformat vor, die schon sehr beeindruckend waren. Auf Grund des anhaltend schlechten Wetters im Norden, konnten nur wenige Nächte astrofotografisch genutzt werden, sodass er dieses Mal vergleichsweise wenige Aufnahmen dabei hatte: Pferdekopfnebel, NGC 2683, M 106 (mit 16 Stunden Belichtungszeit), NGC 4485-90, M108. Einige Aufnahmen mit kurzbrennweitigen Optiken, die er mit der Canon 60Da aufgenommen hatte, waren auch dabei, und zwar vom Nordamerikanebel, Komet Lovejoy, NGC 4725 („nur“ 9,5 Stunden belichtet) und NGC 5709.

Mathias Levens berichtete anschließend über seine Reisen mit den Hurtig-Routen und schilderte die Eindrücke der letzten Tour im Februar 2016. Wieder konnte er viele beeindruckende Polarlichtaufnahmen vorweisen, die vom Schiff aus aufgenommen worden waren: Polarlichtoval, sich bewegende Vorhänge, Polarlichter mit Hintergrundsternen in Farben von grau bis grün waren die am häufigsten vorkommenden Erscheinungsformen. Ein weiteres seiner Betätigungsfelder ist die Fotografie mit Schmalbandfiltern und hier mit H-alpha und OIII und oft auch beides zusammengemixt, was einen vollkommen andersartigen Blick auf die Objekte gestattet, die er vom heimischen Garten aus fotografierte: NGC 6888, IC 410, IC 1805, IC 443. Im „normalen“ Spektralbereich hatte er M97 und M108, Komet Catalina, Komet Wild 1 und als Highlight das Leo Triplett samt Komet 67P/Churyumov-Gerasimenko und Kleinplanet (394) Arduina fotografiert.

Uwe Freitag war danach an der Reihe, unter dem Motto „Atmosphärisches und Astronomisches aus dem Land zwischen den Meeren“ Fotos mit musikalischer Untermalung zu präsentieren: Aufnahmen vom Airglow, von Polarlichtern, Leuchtenden Nachtwolken, der Sonnenfinsternis vom 20.03.2016, der Mondfinsternis vom 28.09.2016, Venus und Jupiter (mit der DMK31), Komet 2014Q2 Lovejoy sowie M42/43, M21/22, M16/17 etc.

Über die erfreuliche „Wiedergeburt des Aschberg Frühjahrs-Teleskoptreffen (AFT)“ berichtete Carsten Jonas. Im Umfeld des alten und neuen Beobachtungsplatzes hatte sich die Globetrotter-Akademie etabliert und es war befürchtet worden, dass die Wiese nun in einer Lichtflut ertrinken würde, was aber nicht unbedingt der Fall ist. Man nimmt auf die Sternfreunde während des AFT Rücksicht, und so kamen zum 2016er Treffen schon wieder mehr Sternfreundinnen und Sternfreunde als 2015.

In seinem „Rückblick auf 2015“ berichtete Carsten Jonas anschließend von seinem Polarlichtbeobachtungsflug, bei dem er mit einer Sony Alpha 7S bei ISO 20000 und 1 Sekunde Belichtungszeit Polarlichter fotografieren konnte. Er zeigte Aufnahmen des Polarlichts vom 17.03.2016 aus Kiel, Leuchtenden Nachtwolken aus der Saison 2015 und sehenswerten Animationen aus Einzelbildern.

Im letzten Vortrag des Tages gab Mario Lehwald einen kleinen Überblick über die allgemeinen Kenndaten des Saturnmondes Titan sowie die Raumsondenmissionen zu ihm, und führte danach einen mit dem Programm terragen 3 simulierten Flug über die Mondoberfläche aus originalen NASA-Aufnahmen vor.


Nach den Schlussworten des Veranstalters übergab Marco Ludwig an Oliver Paulien symbolisch den Schlüssel für die Neumünsteraner Sternwarte als Domizil für die Zeit vom Auszug aus der alten und den Einzug in die neue Sternwarte! Wann und wo das Herbst-NAFT 2016 ausgetragen wird, wurde noch nicht festgelegt, wird aber über Astrotreff.de und die entsprechenden Mailinglisten bekannt gegeben werden.

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