Donnerstag, 1. Oktober 2015

Peenemünde: Historische Rundfahrt

Ein paar Tage, nachdem ich das Historisch-Technische Museum Peenemünde besucht hatte, kehrte ich dorthin zurück, genauer gesagt, auf den Flugplatz, der heute von Kleinflugzeugen genutzt wird und früher zum Testgelände Peenemünde-West gehörte, der nach dem 2. Weltkrieg zerstört, von der Roten Armee wieder aufgebaut, von der NVA von 1955 bis 1990 genutzt und von der Bundeswehr binnen zwei Jahren abgewickelt wurde. Dort beginnen nämlich die Historischen Rundfahrten, auf die im Museum immer noch nicht so richtig hingewiesen werden. Nur durch Zufall und Internet-Recherchen bin ich darauf gestoßen, dass der Museumsverein Peenemünde e.V. jetzt sogar 3x täglich Rundfahrten (im Winterhalbjahr 2x am Tag) und auch Sonderfahrten unternimmt. Diese ging jedoch nicht, wie beim letzten Mal, nur zu den Stätten der V1 und dem berühmten, aber zerstörten und nicht wieder aufgebauten Prüfstand VII, sondern zu anderen Orten, die auf die früher immer verschwiegenen Seiten der faustischen Geschichte der „Geburtsstätte der Raumfahrt“ hinwiesen. In dem zur gesamten Museumslandschaft gehörenden Areal rund um die ehemalige Heeresversuchsanstalt sind heute noch sehr viele Überreste ehemaliger Prüfstände und Gebäude vorhanden, die man aber tunlichst nicht ohne fachkundige Begleitung erkunden sollte, weil es an vielen Stellen Bodensenken, Löcher, eingestürzte Tunneleingänge oder gesprengte Unterstände gibt, an denen man sich verletzen kann. Auch ist anhand der Trümmerberge und zusammengestürzten Gebäude nicht immer deren ehemalige Bedeutung zu erkennen.

Die Fahrt ging zunächst am Müggenhof, dem künftigen Standort des Museumsvereins und den Überresten des KZ-Außenlagers Karlshagen 1 vorbei – von denen die alten Peenemünder angeblich nichts wussten – bis zu einer kleinen Toreinfahrt an der Landstraße zum Flugplatz, wo wir in einen alten militärgrünen Robur-Bus der ehemaligen ostdeutschen VEB-Robur-Werke Zittau umstiegen, der für das unebene und teilweise überflutete Gelände bestens geeignet war, uns aber dennoch an manchen Streckenabschnitt ordentlich durchschüttelte.

Bei der Fahrt durch den dichten Wald sah man beiderseits des Fahrzeugs Hügel und viele Mauersteine und Gebäudereste auftauchen, die man aus Sicherheitsgründen nur vom Bus aus sehen und fotografieren konnte. Erst die Erläuterungen während der Fahrt ließen erahnen, was sich hier im Wald verbarg. So fuhren wir an den kläglichen Überresten des Entwicklungswerks, der alten Halle der Werkbahn und dem Standort des seinerzeit ersten und größten Windkanals der Welt vorbei, der sich heute in den USA in einem Museum befindet, bis wir am Prüfstand VIII anhielten, von dem aus die ersten Boden-Luft-Raketen verschossen wurden. Übrig geblieben sind davon die hier überall vorhandenen Mauerreste, Gesteinsauftürmungen sowie eine Treppe, die in die Tiefe führt und wo man vermutet, dass es sich um den Zugang zu einem unterirdisch angelegten Unterstand handeln könnte. Hier befand sich einstmals auch ein Beobachtungsposten, von dem aus die vom Prüfstand VII aufsteigenden Testraketen verfolgt werden konnten. 

Bereich um den Prüfstand VIII
Von dieser Stelle aus kann man auch heute noch zur Greifswalder Oie, dessen markantestes Objekt der 49m hohe Leuchtturm ist, der von Peenemünde aus auch als Peiler für Raketenflüge verwendet wurde. Auf der Insel selbst wurden 1937 mehrere erfolglose Starts des Aggregats 3 durchgeführt, später 28 A4/V2- und einige A5 verschossen sowie am 24. Januar 1945 der erste – und einzige – erfolgreiche Teststart einer A4b mit Flügeln – durchgeführt. Dem waren zwei Fehlversuche am 27.12.1944 und 13.01.1945 vorausgegangen.

Vor dem Wall auftauchende Gleise, über die die Raketen in den Prüfstand geschoben wurden

Tafel am Eingang zum Prüfstand VII


Überreste im Eingangsbereich zum Prüfstand VII
Danach ging es zum legendären Prüfstand VII, vom dem aus am 3. Oktober 1942 der erste Start einer V2 gelang. Vorhanden ist davon so gut wie nichts mehr. Vom großen Prüfturm sind nur noch schwer auszumachende Stellen im Boden zu sehen, die Gleichanlagen, auf denen die Raketen ins Innere des umgebenden Walls befördert wurden, kommen scheinbar aus dem Boden und verschwinden im Nirgendwo. Der Wall ist durch die dichte Bewaldung nur noch schwer als solcher zu erkennen. Und neben der breiten, von Grundwasser gefüllten Abgasschurre, die den Feuerstrahl der Rakete auffangen soll, befindet sich noch ein zweiter Kanal. Dieser war damals begehbar und enthielt vor allem für die Startanlage wichtige Kabelschächte. Durch Sprengungen sind die Decken aufgewölbt und mit Wasser gefüllt. Da sich im Innern der beiden Wasserkanäle dicke Strahlträger befinden, wird dringend von irgendwelchen Tauchversuchen abgeraten. Ein Gedenkstein erinnert heute übrigens an den (angeblich) exakten Ort, wo die Rakete im Oktober 1942 aufstieg. Allerdings wurde dieser schon mehrfach verschoben …

Blick auf die weitgehend zugewucherte Abgasschurre

Aufgesprengter Untergrund am Prüfstand
Immerhin ist das Gebiet inzwischen museumspädagogisch soweit erschlossen, dass Hinweisschilder auf die ehemaligen Gebäude aufmerksam machen. Überdies sind die Anlagen gegenüber meinen früheren Besuchen Anfang der 1990er Jahre mittlerweile weitgehend zugewuchert und man muss hier auf die allgegenwärtige Tierwelt Acht geben. Neben zahlreichen Kriechtieren versammeln sich an den Tümpeln Myriaden von Insekten und so manches Wildschwein. Schließlich wurde das ganz Gelände, nachdem die militärische Nutzung beendet war, sich selbst überlassen und stellt heute ein einzigartiges Biosphärenreservat dar.

Danach fuhren wir wieder zurück zum Ausgangsort im Wald, stiegen in den Bus um und wurden zur Ausgangspunkt am Flugplatz zurückgebracht. Auf dem Rückweg hielt ich noch kurz am Haltepunkt Werk-Ost der Peenemünder Werkbahn an, der rechtsseitig bei der Fahrt in Richtung des Flugplatzes auftaucht. Ein Stückchen weiter in Richtung Süden ist ein Teil der unterirdischen Haltestelle Karlshagen heute noch vorhanden, aber nicht mehr begehbar.

Überreste der Werkbahnstation Werk-Ost

Mittlerweile sind heute – trotz Verbote an anderer Stelle – viele historische Stätten der ehemaligen Heeresversuchsanstalt begehbar gemacht worden. Nur eines sollte sicher sein: man arbeitete hier keineswegs an Raketen, die den Mond oder den Mars erreichen sollten, sondern an Waffensystemen, auch wenn in mancher Biografie der alten Peenemünder über diesen Aspekt ihrer Tätigkeit gerne hinweggesehen wurde.