Sonntag, 21. Juni 2015

Die 38. SONNE-Tagung in Uslar

Seit 1977 treffen sich die Sonnenbeobachter regelmäßig einmal im Jahr an wechselnden Orten irgendwo im Land - zweimal auch in Hamburg im Planetarium. War diese Zusammenkunft früher dem langen Himmelfahrts-Wochenende vorbehalten, ist man in den letzten Jahren dazu übergegangen, diese Treffen am Wochenende rund um das Sommersolstitium auszurichten.

Anfangs hatte ich gehofft, mit einer größeren Delegation der Hamburger Beobachter dort aufschlagen zu können, doch zeitgleiche Veranstaltungen in Gudensberg und Rhede machten das wahrscheinlich zunichte. Es wurde lange diskutiert was man machen sollte, ich hatte mich, wenn ich losfahren würde, für die SONNE-Tagung entschieden. Und so kam es dann auch.

Am 20. Juni fuhren Michael Steen und ich morgens um 9 Uhr los und kamen inklusive kleiner Pausen um kurz nach 12 Uhr auf dem beschaulichen, ehemaligen Staatsgut Steimke, rund 30 km westlich von Göttingen in der Solling-Vogler-Region an. Statt von vielen anderen Sonnenbeobachtern empfangen zu werden, trafen wir auf dem wahrhaft idyllischen Landgut, wo auch heute noch Landwirtschaft betrieben wird, auf jede Menge Kleingetier, einem spielsüchtigen Schäferhund, niesenden Ponys und einer ganzen Horde Gänse. 

Nur andere Sonnenbeobachter fanden wir zunächst nicht. Auf die trafen wir nach erst nach einem Rundgang in einer Scheune, der sog. Kulturscheune, in der ein kleines Planetarium untergebracht war. Erst am 9. Mai 2015 eröffnet und betrieben vom Förderkreis Planetarium Göttingen steht hier eine 6m durchmessende Kuppel, in der mittels eines digitalen Projektors eine 360°-Ganzkuppelprojektion vorgenommen werden kann und in der bis zu 32 Personen Platz finden können. Eine pfiffige Idee, die hier optimal umgesetzt wurde. Schade, dass sich zur Tagung nur 11 Sonnenfreunde angemeldet hatten.


Seitenansicht der kleinen Planetariumskuppel
Der digitale Projektor


Hinweistafeln vor dem Planetarium
Vor der Tagung gab es zunächst ein kleines Catering mit belegten Brötchen und Getränken. Die geplante Live-Beobachtung der Sonne musste wegen des bewölkten Himmel zu diesem Zeitpunkt leider ausfallen.

Daher begannen die Vorträge etwas früher als geplant mit der Eröffnung durch Dr. Klaus Reinsch, der dabei eine in Zusammenarbeit der Universität Göttingen mit dem Hamburger Planetarium entstandene Fulldome-Projektion unter der Überschrift „Unsere Sonne - ein neuer Blick auf den Stern mit dem wir leben“ vorführte. Ganz nett, aber die Sterne waren leider unscharf und es gab mehr Show als Information.

Sehr viel gehaltvoller war der erste Vortrag, der von Andreas Bulling aus Eppelheim: „Neues vom SONNE-Relativzahl-Netz“. Darin schilderte er neben den Aufgaben des SONNE-Netzes interne Probleme infolge des niedrigen Minimums der Jahre 2008/2009, die eine Umstellung der Auswertung nach sich zog, die dadurch entstandene lange Phase der fehlenden Auswertungen der Sonnendaten und infolgedessen ein deutlicher Rückgang bei der Zahl der Beobachter. Ein Exkurs gab eine Übersicht über die Rahmenbedingungen für Beobachtungen (Instrumente ab 40mm Öffnung, Nichtberücksichtigung von Satellitenbildern, eine über lange Zeiträume hinweg konstante Zählweise, Berücksichtigung von Relativzahlen getrennt nach Hemisphären nur bei Beobachtern, die auch die Positionen der Flecken bestimmen). Fragen der Definition von Flecken, Methoden der Relativzahlbestimmung und deren Übermittlung an die Fachgruppe Sonne waren ebenso ein Thema, wie die komplexe Auswertung der Daten nach Quartalen und Jahren und wie man Probleme wie das niedrige Minimum künftig besser in den Griff bekommt. 

Auf der Basis der Daten des SONNE-Netzes - die nach der Umstellung der Auswertung sogar genutzt wurden, um Fehler in anderen Netzen nachzuweisen - wurden zaghafte Prognosen für den weiteren Verlauf des 24. Sonnenfleckenzyklus entwickelt. Ein Vergleich mit anderen Zyklen war besonders interessant, weil sich hier in Teilen auffallende Parallelen etwa in der Anstiegs- bzw. der Abstiegsphase der letzen Zyklen zeigten. Was diese aus den Statistiken herauszulesenden Verläufe bedeuten und welche Ursache sie haben, ist völlig unklar. Der etwa 100° heliographische Grade umfassende Komplex, indem fast alle Flecken zu finden sind und das seit gut 2 bis 3 Jahren zu beobachtende Phänomen, dass entweder nur wenige, dafür sehr große, Flecken zu beobachten waren oder viele kleine, ist von anderen Zyklen her nicht bekannt. Daher stellt sich die Frage, ob sich bei der Sonne etwas verändert hat, oder nicht und man nur nicht verstanden hat, was passiert. Aus diesem Grunde sind vor allem Amateurbeobachtungen wichtig, die den Beobachternetzen zugeleitet werden, um langfristige Entwicklungen abschätzen zu können. Ein klassisches Betätigungsfeld für Amateursonnenbeobachter, an dem die Profis aus verschiedenen Gründen sehr interessiert sind. Der Rückgang der Zahl der Beobachter auf nur noch 69 im Jahr 2014 ist daher sehr bedenklich. Wer jetzt einsteigt und sich systematisch einarbeitet, kann schon bald wissenschaftlich wertvolles Material beisteuern!

Blick ins Plenum
Nach einer kurzen Pause ging es mit dem zweiten Vortrag von Andreas Bulling und Michael Delfs, Berlin, über „Alte Sonnenfleckenrelativzahlreihen und ihre Revision“ weiter. Darin ging es ebenfalls um langfristige Entwicklungen der Sonnenbeobachtungen seit ihrer Entdeckung durch Galileo Galilei. Als Maßzahl für die Sonnenaktivität hatte der Zürcher Astronom Rudolf Wolf die bekannte Relativzahl entwickelt, die sich auch heute noch als wichtiges und zugleich sinnvolles Instrument für die Festlegung der Sonnenaktivität in einem Zahlenformat erwiesen hat. Aktuell sind professionelle Sonnenforscher dabei, aus alten Aufzeichnungen Relativzahlen zu bilden und greifen dabei auch gerne auf alte Beobachtungsreihen älterer oder bereits verstorbener Sonnenbeobachter zurück. Leider ist in letzter Zeit häufig zu beobachten, dass diese nur selten zur Auswertung eingereicht wurden und von den Angehörigen, weil diese ihren Wert nicht erkennen und keinerlei Kontakte zu anderen Sternfreunden besitzen, sie im Altpapier entsorgen: ein herber Verlust für die Sonnenforschung. Neben einem historischen Abriss über die Geschichte des Observatoriums Locarno und der Zürcher Sternwarte gab es noch Überlegungen, inwieweit man aus alten Daten Klimaentwicklungen herausarbeiten kann. Ein direkter Einfluss der Sonne auf das Erdklima und der Erderwärmung konnte daraus nicht abgleitet werden, wenngleich auch in die Phase des Maunder-Minimums die kleine Eiszeit in Europa fiel.

Es folgte eine weitere Pause und die Versorgung mit Kaffee und Kuchen, bevor ich selbst mit einem kleinen Vortrag an der Reihe war. Unter dem Titel „Von der Beobachtung zum Blog - eine ganz normale Sonnenbeobachtung“ schilderte ich, wie bei mir ein typischer Beobachtungstag aussieht.

Steffen Fritschs aus Köditz berichtete danach über die „Sonnenbeobachtung mit bloßem Auge“, die man nur mit einem geeigneten Sonnenfilter durchführen darf, um sich nicht das Auge zu schädigen. Sehr gute Erfahrungen hatte er mit Schweißergläsern der Dichte 14 gemacht und er hatte auch einige Exemplare dabei, um in einer weiteren Pause - die Sonne hatte sich immer noch nicht gezeigt - damit beobachten zu können. Ein Vergleich der Transmissionsdaten der klassischen Astrosolar-Filter mit dem Schweißerglas ergab deutlich bessere Werte für letzteres. In einer Übersicht stellte er überdies die Ergebnisse der A-Netz-Gruppe vor und verglich die Kurven nach der P17-Auswertung mit denen des Relativzahl-Netzes - es gab eine weitgehend Übereinstimmung - und resümierte, dass selbst bei der recht einfachen Beobachtung der Sonne mit bloßem Auge die Zahl der Beobachter abnimmt. Ein Vergleich von A-Beobachtungen mit eigenen Sonnenfotos ergab ein eher uneinheitliches Bild, was teilweise auch in der geringen Zahl der eingehenden Beobachtungen liegt. So gab es erstaunlicherweise Tage, an denen niemand eine Fleckensichtung (A=0) meldete, aber ein großer Fleck vorhanden war. Auch streuen die Werte an manchen Tagen stärker als an anderen. Es zeigte sich allerdings, dass Flecken, die kleiner als 200 Millionstel Hemisphären waren (MH), nicht von allen Beobachter gesehen werden konnten. Etwas besser wird es zwischen 200 und 300 MH, ganz sicher aber oberhalb vom 300 MH. Auch für dieses Programm wäre eine stärkere Beteiligung zu wünschen, zumal selbst kleine Wolkenlücken ausreichen, um zu einer Beobachtung zu kommen.

In der nachfolgenden Pause zeigte sich dann endlich mal auch die Sonne für längere Zeit. Beste Gelegenheit, die mitgebrachten Schweißergläser zu testen. In der Praxis zeigte sich in der Tat der Vorteil dieser Gläser: das Bild war wirklich dunkel, sehr viel besser, als alles, was ich bisher verwendete und es zeigte deutlich zwei Zentren der aktuellen AR 12371, die im von einem der Teilnehmer mitgebrachten Telementor mit Herschelkeil sehr beeindruckend aussah. Da die Teilnehmergruppe sehr überschaubar war, konnte jeder die ganze Phase wolkenlosen Himmels für Beobachtungen mit Fernrohr und Schweißerglas nutzen.


Beobachten mit Fernrohr und ...

... mit Schweißerglas
Der dritte und letzte Vortragsblock begann mit einem Beitrag von Dieter Goretzki aus Langenselbold über „Spektroskopische Beobachtung der Oszillation der Sonne“. Mittels kleinem Teleskop und Blaze-Gitterspektrografen - er zeigte uns seine Ausrüstung und die teilweise in Eigenbau entstandene Messapparatur - nahm er in mühevoller Arbeit verschiedene Spektren der Sonne auf etwa der Balmer-Serien und der Kalzium-, Eisen- und Nickelbanden auf und verglich diese mit den entsprechende Aufnahmen, die er im Rahmen einer längerfristigen Arbeit an der Sternwarte Locarno aufnehmen konnte. So einfach sind die Oszillationen der Sonne aus den Daten aber nicht herauszulesen, denn zunächst müssen die verschiedenen Spektrallinien abgezogen werden, die durch die Erdatmosphäre entstanden, die Dopplerverschiebung der solaren Linien berücksichtigen und die für die gestellte Aufgabe sinnvollen festlegen. Die Daten wurden mit einer Fast-Fourier-Transformation (FFT) ausgewertet und zeigten in der Tat, verglichen mit professionellen Messreihen, verschiedene „Bewegungen“ der Sonne in unterschiedlichen Frequenzen. Der Aufwand ist jedoch hoch und der Amateur benötigt sehr viel mathematisches Rüstzeug, um solche Auswertungen machen zu können. Unmöglich ist es jedoch nicht.

Zum Abschluss der Tagung konnte ich über meine „Sonnenbeobachtungen in Kirchheim“ berichten und in einem spontanen, nicht angemeldeten Beitrag über die „Partielle Sonnenfinsternis vom 20. März 2015“.

Die Tagung endete mit dem Fulldometrailer „Flammender Himmel“, der ebenfalls in Kooperation mit der Uni Göttingen und dem Hamburger Planetarium und einer Verabschiedung der Teilnehmer durch Dr. Klaus Reinsch. Für den Folgetag war die Besichtigung des Instituts für Astrophysik des MPI für Sonnensystemforschung in Göttingen sowie des Sonnenturms auf dem Hainburg vorgesehen. Darauf verzichteten wir allerdings und nach dem gelungenen Grillen im Hof in uriger Atmosphäre brachen wir gegen 21 Uhr auf und fuhren nach Hamburg zurück, wo wir gegen Mitternacht ankamen.

Es ist schade, dass nur so wenige Besucher erschienen waren, die Veranstaltung hätte mehr Beachtung verdient gehabt und es stellt sich die Frage, warum das Konzept der Vorträge und Beobachtung auf der Tagung beim Thema Sonne nicht aufgeht - obwohl sehr viele Leute sich mit dem Thema Sonne beschäftigen - , beim Norddeutschen Astrofotografentreffen aber sehr wohl. Ein Grund war sicher auch die Zeitgleichheit vieler Veranstaltungen zum Sommersonnenwende, ob das aber der alleinige Grund ist, bleibt fraglich. Wer der 38. SONNE-Tagung fernblieb, hatte fiel versäumt, was über das Hören der Vorträge und die gemeinsame Beobachtung weit hinausging: das Kennenlernen der Gemeinschaft der Sonnenbeobachter!