Samstag, 21. März 2015

Partielle Sonnenfinsternis am 20.03.2015

Am 20. März 2015, Frühlingsanfang auf der Nordhalbkugel, durfte ich meine zweite partielle Sonnenfinsternis auf einem Autobahn-Parkplatz erleben. Aus anfänglicher Skepsis, was das Wetter anging, wurde am Ende ein voller Erfolg.

In der Tat war in den Tagen vor dem Ereignis wieder einmal die bange Frage, was und wie viel man von der Sonnenfinsternis wo sehen würde. Erste Prognosen ließen kaum Hoffnung zu. Danach sollte der ganze Norden Deutschlands unter einer kompakten Wolkendecke liegen und nur im Süden, etwa ab einer Linie Frankfurt/Main - Dresden, sich des Anblicks der verfinsterten Sonne erfreuen dürfen. 

Erst einige Tage vor dem Ereignis begann sich die Situation zu wandeln, aber noch immer war nicht sicher, ob man nun in Hamburg bleiben, oder nach Osten hin ausweichen sollte. Sofort kam bei mir der Gedanke, den Autobahnparkplatz bei Greifswald ein zweites mal nach dem 1.8.2008 für die Beobachtung zu nutzen. Ausschlag gebend war ein Kontakt mit dem Wettermann Karsten Schwanke von der ARD via Twitter. Er postete regelmäßig kleine Kunstwerke, in denen er die Wahrscheinlichkeiten für die Sichtbarkeit der kompletten Finsternis eintrug. Und da gab es für Hamburg und Handeloh immer noch gewisse Unsicherheiten. Nun blieb die Frage offen, ob man nach Osten oder Süden auswich. Die Vorhersagen der ARD zeigten dann für den Bereich Hannover / Braunschweig / Hildesheim die höchsten Wahrscheinlichkeiten, dass man alles würde sehen können.

Michael Steen und ich entschieden uns also kurzfristig in diese Region aufzubrechen. Die Ausrüstung war schnell zusammen gestellt. Ich setzte wieder auf die bewährte Kombination aus Fotostativ und 80mm f/6-Triplet mit Canon 1100D sowie meinen 80/400er-Refraktor und das PST. Alles morgens kurz verstaut, holte ich Michael samt seines großen Refraktors und diversem Zubehör in Bergedorf ab und los ging es auf die Autobahn. 

Auf der Fahrt bemerkten wir immer wieder größere Bereiche von Bodennebel, doch kaum hatten wir das reichlich abgesyphte Hamburg verlassen, wurde die Sicht besser. Nach mehr als einer Stunde Fahrt - der Parkplatz durfte, wie auf der A7 zwischen Hamburg und Hannover leider oft üblich - nicht im Wald liegen oder von zu vielen Bäumen verdeckt werden. Schließlich probierten wir den Parkplatz Seckebruch zwischen Mellendorf und Großburgwedel aus und stellten fest, dass er dem gewünschten Ideal entsprach: freie Sicht nach Süden und ein  sehr sonniger, aber noch etwas dunstiger, Himmel.


Beobachtungslager auf dem Parkplatz Seckbruch an der A7
Wir begannen, unsere Ausrüstung aufzubauen und schon bald kamen erste Interessierte vorbei und fragten, ob wir die Sonnenfinsternis beobachten wollten. Kurze Zeit meldete sich Christian Harder und fragte, wo wir seien, denn in der Heide war plötzlich Nebel aufgekommen und alles war zugezogen. Wir sagten es ihm und 20 Minuten später waren wir zu dritt auf dem Parkplatz.


Blick über unser Equipment

Pünktlich um 9:33 Uhr MEZ begann das Spektakel. Die Sonne wurde von rechts oben her angeknabbert und die ersten Fotos wurden gemacht. Im PST war besonders spannend die Bedeckung der an diesem Tag reichlich vorhandenen Protuberanzen zu verfolgen. Christian wies darauf hin, dass man im PST die Finsternis nach dem 4. Kontakt noch länger würde sehen können, wenn der Mond schon längst an der Sonne vorbeigezogen war, aber noch Teile von Protuberanzen bedecken würde. 

Zwischendurch bekamen wir Besuch von zwei interessierten Polizeibeamten, die zum Maximum der Finsternis noch einmal vorbeikommen wollten. Es musste an diesem Tag wenig kosgewesen sein auf der Autobahn. Die Finsternis schritt voran und wir warteten gespannt auf den Zeitpunkt, wo der Mond den Sonnenfleck AR 12303 bedecken würde. Die beiden anderen kleinen winzigen Gruppen waren im Display der Kamera nicht zu sehen. Dafür konnte der Fleck schön zum Scharfstellen verwendet werden. Nebenbei ließ ich dann noch meine Videokamera solange mitlaufen, bis die Chipkarte voll war.

In der Gegend um Hannover sollte die Sonne zu fast 78 % bedeckt werden, in Hamburg sollten es ungefähr 79% und in den Niederlanden etwas mehr als 80% sein. Grund dafür war der „krumme“ Verlauf der Finsterniszone, die über weite Teile des Nordpolargebietes verlief und sich somit natürlich auch auf den Halbschatten auswirkte.

Michael hatte anfangs massive Probleme mit seiner Goto-Montierung, bekam sie aber später in den Griff. Dadurch stand für die Interessierten, die zum Zeitpunkt der maximalen Bedeckung erwartungsgemäß mehr wurden, ein schönes Instrument für die visuelle Beobachtung der Finsternis zur Verfügung. 

Gespannt waren wir vor allem, ob man ähnliche Effekte wie bei einer totalen Sonnenfinsternis auch bei einem so hohen Bedeckungsgrad würde erleben können. In der Tat bemerkten wir, dass etwa ab 10:30 Uhr die Sicht immer fahler wurde, die Schatten wurden schärfer und die Farben in der Umgebung intensiver. Wir hatten sogar den Eindruck, dass sich auch die Vögel zur Ruhe begaben, was aber wegen des Lärms der nahen Autobahn nur schwer festzustellen war. Auch gab es in der Nähe keine Pflanzen, bei denen man das Schließen der Blütenkelche hätte beobachten können. Die Lichtstimmung wurde sehr eigentümlich. Auf einmal konnte ich auf dem Display der Kamera wieder Farben sehen. Die Szenerie wirkte wie bei einem Sonnenuntergang an einem klaren Winterabend oder plötzlich aufkommendem Hochnebel, was zum Glück nicht der Fall war. 

Man sah jetzt auch viele Autofahrer, die extra auf dem Parkplatz anhielten, um die Finsternis mit Sofibrillen zu beobachten. Viele waren fasziniert von den Effekten und dass man überhaupt „so viel sehen“ konnte. Christian hatte noch eine alte Sofibrille dabei uns begeisterte damit die Besucherinnen und Besucher. Nebenbei entwickelten sich viele Gespräche und man einer entpuppte sich dabei auch als verkappter Amateur. Einer hatte sich früher mal mit Astronomie beschäftigt, ein anderer sogar besaß in der Vergangenheit einen Protuberanzenansatz, hatte aber alles wieder verkauft, weil ihm das Arbeiten damit zu kompliziert war. Eine Besucherin war so begeistert, dass sie meinte, dass ihr das Ereignis für immer im Gedächtnis bleiben würde. Uns würde das nicht anders ergehen, so wird dieser Parkplatz der zweite „Sofi-Parkplatz“ werden, der damit einen gewissen Kultstatus erlangt.







oben: verschiedene Phasen der partiellen Sonnenfinternis
Wie bei allen Finsternissen zu beobachten, ließ nach dem maximalen Bedeckungsgrad auch dieses Mal das Interesse stark nach und die Ruhe kehrte wieder ein. Auch die beiden Polizisten gingen wieder auf Streife, hatten ihre Kollegen über Funk aber noch über die Sonnenfinsternis informiert!

Wir verfolgten indes weiter das Ereignis, dass nach wie vor spannend war, denn jetzt ging es darum, nicht nur die restlichen Phasen ebenfalls zu verfolgen und zu dokumentieren, sondern auch, welche Protuberanzen verdeckt würden und wann der Mond den Sonnenfleck wieder freigeben würde. Und es stand noch die Frage nach den bedeckten Protuberanzen im Raum, anhand derer wir die letzten Reste der Finsternis sehen würde. Zwischenzeitlich war dann auch noch jemand mit einer Videokamera dabei, der meinte, dass ein 1000er Graufilter ausreichend sein würde, um die Finsternis zu fotografieren.

Wir hielten auch immer wieder Ausschau nach Flugzeugen, die reichlich unterwegs waren, aber den Standort der Sonne nicht erreichten. Es hätte DAS Foto werden können: Sofi mit Blechgeflügel. Leider kam es nicht dazu. 

Schließlich kam das Ende der Finsternis wie vorhergesagt gegen 11:30 Uhr  und wir konnten im PST tatsächlich sehen, wie noch einige Protuberanzen nach der Passage der Sonne vom Mond bedeckt wurden. 

Wir waren froh und glücklich, die richtige Entscheidung getroffen und den gesamten Verlauf der partiellen Sonnenfinsternis gesehen und fotografiert zu haben. Dies war, nachdem man die ersten Berichte lesen konnte, sehr standortabhängig. Und wie groß unser Glück war, zeigte sich keine 10 km nördlich von uns. Da fuhren wir auf dem Heimweg über die A7 in eine dichte Nebelwand, die sich erst in der Nordheide wieder lichtete. Bis Hamburg blieb es dann sehr dunstig, von den Wolken, die aus Nordwest hereinkommen sollte, war bei unserer Ankunft nicht viel zu sehen. Die kamen erst später, dafür war hier der Nebel der entscheidende Faktor, dem wir glücklicherweise weit genug nach Süden entflohen waren, obwohl östlich von Hamburg und auch auf der Bergedorfer Sternwarte die Sicht sehr gut gewesen sein soll. Allerdings hätte man dort nicht weitgehend ungestört das Ereignis fotografieren können!