Montag, 14. September 2015

Peenemünde im Jahr 2015

Der Ort ist so umstritten wie kein zweiter in Deutschland: Peenemünde auf der Ostseeinsel Usedom. Für die einen quasi DER Geburtsort der Raumfahrt, für andere einer, den man am liebsten von der Landkarte tilgen und zur verbotenen Zone erklären würde. 

In der Tat ist die historische Bedeutung ambivalent und faustisch. Einerseits wurden hier tatsächlich die Grundlagen für die spätere unbemannte und bemannte der USA und der ehemaligen UdSSR gelegt, andererseits stand in dem weltweit ersten militärisch-technischen Komplex der Welt nicht der Bau von Weltraumraketen, sondern von Waffen im Vordergrund. Ein wesentlicher Punkt ist zudem die Verstrickung der Peenemünder Wissenschaftler in das System der Konzentrations- und Arbeitslager des nationalsozialistischen Deutschlands, was die perfekte Grundlage dafür liefert, weswegen man sehr vorsichtig und behutsam mit dem Thema umgehen muss.

Am 3. Oktober 1942 wurde bei einem Testflug erstmals eine Gipfelhöhe von über 80 km erreicht und damit per Definition der Weltraum; für die Gruppe der „alten Peenemünder“ um Wernher von Braun, der technischer Direktor der Heeresversuchsanstalt war, Beweis für den Versuch, dass es hier um Weltraumforschung ging und man "zur Not" die Hilfe des Militärs in Anspruch nehmen musste, weil nur dieses ausreichende Mittel zur Verfügung hatte. Am Ende der Parabel stand nicht etwa ein Paket mit Messinstrumenten, sondern Sprengstoff, der in England, den Niederlanden und Belgien vielen Menschen den Tod brachte. Überhaupt starben in den Konzentrationslagern und aufgrund der unmenschlichen Arbeitsbedingungen im Mittelbau Dora im Harz mehr Menschen bei der Herstellung als durch den Einsatz der Rakete.

Die Geschichte nach Ende de Zweiten Weltkriegs wird als bekannt vorausgesetzt und soll daher hier nicht wiederholt werden.

Nachdem ich zum letzten Mal im Jahr 2011 das Gelände rund um den Peenemünder Haken besuchen und besichtigen konnte, war dies jetzt vielfach nicht mehr möglich. Der legendäre Prüfstand VII, von dem aus die A4/V2-Raketen starteten - und viele in der Ostsee wieder runterkamen - war in den Jahren nach meinem ersten Besuch 1992 noch begehbar, wenn man damals auch nicht immer wusste, was man da im Wald wirklich sah. Mehrere Touren sind hierhierhierhier, hier, hier und hier beschrieben.

Konnte man 2011 auf Höhe der alten Wachstation noch am Zaun entlang zum Strand gehen, so ist dieser mittlerweile auch gesperrt. Im Besitz der Deutschen Bundesstiftung Umwelt werden Führungen kaum noch unternommen, da für jede einzelne eine Sondergenehmigung benötigt wird und man das zweifelsohne einzigartige Biotop im Bereich der ehemaligen Heeresversuchsanstalt schützen will. Auch wird politisch starker Druck auf das Historisch-Technische Museum ausgeübt, nicht nur eine möglichst differenzierte Sicht zur Geltung zu bringen, am liebsten möchte man das ganze Gebiet für die Öffentlichkeit sperren und die wenigen dort noch lebenden Usedomer zwangsumsiedeln. Gleichzeitig gibt es aber in der Region ein lebhaftes wirtschaftliches Interesse, denn die Einnahmen aus Parkgebühren, Eintrittspreisen und von im Museumsladen verkauften Devotionalien werden von der Gemeinde gerne genommen. 

Das faustische an dieser Stätte hat sich nicht nur erhalten, sondern wurde durch die immer wieder neu definierte „political correctness“ zum Teil ins Absurde gesteigert. Vor allem amerikanische Besuchergruppen verstehen oft nicht, warum man den Prüfstand nicht wieder im Original aufbaut. Briten, Niederländer und Belgier sehen es wie jüdische Gruppen und Nachkommen der Überlebenden der KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiter naturgemäß sehr viel klarer und differenzierter und begrüßen den Verzicht auf eine Zurschaustellung der NS-Forschungsstätte am Peenemünder Haken.

Was kann man als normaler Tourist heute noch oder wieder sehen? Der aktuelle Plan der Museumslandschaft weist mehrere Anlaufpunkte auf, die frei zugänglich sind und museumspädagogisch begleitet werden, aber nicht alle an einem Tag erkundet werden können. Dafür ist das Gelände viel zu groß, um alle vorhandenen und ausgewiesenen Stätten entsprechend würdigen zu können.
Ensemble im Eingangsbereich des Museums

Nicht vergessen darf man die Luftangriffe der Alliierten 1943 und 1944 und die nachfolgende Besetzung durch die Rote Armee und die Nutzung durch die NVA bis 1990. Überdies wurden viele Gebäude nach Abtransport der Gerätschaften und vorheriger Inspektion durch sowjetische Raketenexperten gesprengt und einige Bereiche auch zum Zielschießen verwendet. Alles zusammen hat nicht wirklich viel übrig gelassen außer oft nur schwer definierbaren Mauerresten, überwucherten Bodenlöchern, in die man auch heute noch gut hineinfallen und sich schwer verletzten kann, Reste von Chemikalien (insbesondere von Phosphor, der leicht mit Bernstein verwechselt wird und schon zu Unfällen geführt hat, weil es ein ähnliches Aussehen besitzt), sodass es schon allein aus diesem Grund gefährlich ist, ohne Kenntnis im Gelände herumzulaufen, was mittlerweile aber ohnehin unter Strafe gestellt ist.

Nach einem ersten Stopp an der alten Wachstation, bzw. dessen Überresten, fuhr ich zum Museum und war gespannt auf die seit dem letzten Mal vorgenommenen Veränderungen. Diese waren denn auch mehr im Detail zu erkennen. Die Mauer, die das Gelände nach Süden hin abgrenzte, war erneuert, die Flugzeuge entfernt und im Eingangsbereich ein Ensemble aus einem 1:1-Modell der Rakete, einem Modell einer V1 samt Walther-Schleuder und zwei Wagen des Typs der Berliner S-Bahn, die hier als Werkbahn eingesetzt war, ausgestellt. In einem der beiden Wagen gab es dazu eine kleine Ausstellung und so ganz im originalen Zustand war er denn doch nicht. In Wahrheit stand dieser kleine Zug bis 1978 im Dienst der Isartalbahn in Bayern, er ist aber wohl mit dem ursprünglichen durchaus vergleichbar.

Das ehemalige Kraftwerk am Peenestrom - es war noch bis 1990 teilweise für die Stromversorgung des Peenemünder Hakens im Einsatz - wies die meisten Neuerungen in seinem Innern auf. Im Kesselhaus waren die technischen Anlagen zugänglich gemacht worden und man konnte viele der hier einmal genutzten technischen Exponate bestaunen. Ein gläserner Fahrstuhl brachte den Interessierten auf das Dach des Hauses, von wo aus man einen guten Überblick über die Museumslandschaft gewinnen könnte, wenn man nicht, wie ich, mit Höhenangst ausgestattet ist. Also verzichtete ich auf den Blick und schlenderte lieber etwas länger durch die in anderen Gebäudeteilen untergebrachte Ausstellung. Mittlerweile wird hier nicht mehr einseitig die Leistung der Raketenwissenschaftler für die bemannte und die unbemannte Raumfahrt beleuchtet, sondern stärker auch auf das Leid der KZ-Häftlinge aufmerksam gemacht. 

Der neue Fahrstuhl zur Aussichtsplattform
In einer gerade noch laufenden Ausstellung konnte man Aufnahmen und Überreste des ehemaligen (militärischen) Raketenschießplatzes in Kummersdorf bestaunen, die bis heute noch nicht museumstechnisch erschlossen sind. Nach wie vor wird aber die Verquickung der Raketenenthusiasten um Wernher von Braun mit dem NS-System auf verschiedenen Ebenen eher nur am Rande erwähnt.

Peeneseitige Ansicht des Kraftwerks mit Resten des Tarnanstrichs
Überreste gibt es im Museumsgebäude und zum Teil im Freigelände aus Grabungskampagnen im Bereich der ehemaligen Heeresversuchsanstalt viele zu sehen, die im Detail alle gar nicht an dieser Stelle aufgelistet, aber in der Ausstellung besichtigt werden können. Insgesamt machte diese einen guten Eindruck und ein Besuch kann jedem näher Interessierten empfohlen werden. Man muss sich aber der besonderen Bedeutung des Ortes und seiner komplexen Geschichte bewusst sein, um alle Aspekte erfassen zu können.

Kommentare:

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  2. Besuche Peenemünde seit 1992 immer wieder mal, zuletzt vor 13 Monaten: Die sich ständig wandelnde Präsentation der 'faustischen' Vergangenheit über die Jahre ist selbst schon wieder eine Sehenswürdigkeit. 1992 wurden dort noch Sigmund Jähns Erdbilder aus dem Orbit gefeiert, und es gab ein beeindruckendes Diorama des Prüfstands VII zu sehen - heute alles im Giftschrank der Geschichte verschwunden ...

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