Dienstag, 8. September 2015

5. Norddeutsches Sternwartentreffen in Rostock

Das Treffen der norddeutschen Sternwarten fand auf Anregung der Rostocker Sternfreunde am 5. September 2015 in der Hansestadt an der Ostsee statt und bildete den Abschluss der Feierlichkeiten zum 50jährigen Bestehen der Astronomischen Station „Tycho Brahe“ im Nelkenweg 6.

Michael Steen und ich waren nach mehreren Aufrufen über die GvA-Mailingliste die einzigen aus unserem Verein, die sich an diesem Samstagmorgen auf den Weg machten. Nach einem kurzen Frühstück bei einem Bäcker in Bergedorf fuhren wir los und kamen nach gut zwei Stunden in Rostock an, wo man grad intensiv mit der Vorbereitung der Veranstaltung beschäftigt war. Als erstes trafen wir auf die zahlreich erschienenen Lübecker Sternfreunde, die hier als Gruppen einen Ausflug unternommen hatten. Bis zur Eröffnung war es noch ein wenig hin und so konnte man sich schon im Vorwege mit Getränken oder Mitgebrachtem stärken.

Das Treffen in der Aula / Mensa der CJD Christopherusschule Rostock gegenüber der Astronomischen Station „Tycho Brahe“ begann pünktlich mit der Begrüßung durch Henning Schmidt, den Vorsitzenden des Astronomischen Vereins Rostock e.V., dem eine kurze Ansprache des Senators für Jugend, Soziales, Gesundheit, Schule und Sport der Stadt Rostock, Steffen Bockhahn, folgte. Er machte deutlich, dass das 5. NST ein fester Bestandteil der Festaktivitäten zum Jubiläum der Sternwarte war und dessen krönender Abschluss sein sollte. Die herumgereichte Teilnehmerliste des 5. NST wies am Ende die Namen von insgesamt 71 Sternfreundinnen und Sternfreunde aus weiten Teilen Mecklenburg-Vorpommerns, Braunschweig, Tornesch und Lübeck auf.

Im Anschluss daran wurde dem Rostocker Hochschullehrer Prof. Manfred Schukowski, der sich als Pädagoge und Autor vieler Werke zu astronomischen Uhren im heutigen Meckelnburg-Vorpommern betätigt hatte, für sein Lebenswerk mit dem Mayer-Röhl-Ehrenpreis der Universität Greifswald ausgezeichnet. Die anschließende Laudatio hielt Prof. Holger Kersten, der mittlerweile an der Universität Kiel forscht und Mitglied der Greifswalder Sternwarte e.V. ist. Prof. Schukowski bedankte sich mit einem eigenen Rückblick auf seine Zeit als Physik- und Astronomielehrer und dem Zusammentreffen mit vielen Sternwartenleitern in der damaligen DDR.

Das eigentliche Vortragsprogramm begann mit dem Beitrag „Einmal Milchstraße und zurück - Die Geschichte der Volkssternwarten in Deutschland“ von Dieter B. Herrmann, ehemaliger Leiter der Archenhold-Sternwarte, Gründungsdirektor des Zeiss-Großplanetariums in Ost-Berlin und Autor zahlreicher populärwissenschaftlicher Arbeiten zu Astronomie und Raumfahrt. In seinem Beitrag schilderte er die Geschichte der Astronomie in Berlin und der Urania-Sternwarte in der Invalidenstraße: die erste deutsche Volkssternwarte. Neben der Schilderung des Wirkens von Simon Friedrich Archenhold (1861-1939), Bruno H. Bürgel (1875-1948), Wilhelm Meyer (1853-1910) und Wilhelm Förster (1832-1921) hob er besonders die Rolle der Treptower Sternwarte hervor, ging aber auch kurz auf Gründung weiterer Urania-Sternwarten ein: 1897 in Wien, 1904 in Magdeburg und 1909 in Jena. Spannend war eine Statistik, die belegte, dass es insbesondere nach dem 1. mehr noch nach dem 2. Weltkrieg und dem „Sputnik-Schock“ 1957 zu einem Aufschwung bei den Neugründungen von Volkssternwarten und astronomischen Vereinigungen kam. Parallel dazu standen die Planetarien als Volksbildungseinrichtungen, deren Anzahl in der Zeit nach dem Krieg deutlich anstieg, obwohl es bereits 1926 das erste funktionstüchtige Exemplar in Jena gab.

In einer kleinen Pause überreichten die Lübecker Sternfreunde an den nachfolgenden Referenten Henning Schmidt ein kleines Geschenk als Danksagung für die Ausrichtung der Tagung, bevor dieser näher auf die Aktivitäten in Rostock einging, die weit mehr über den reinen Betrieb der Astronomischen Station hinausgehen. Den Schulkindern der Stadt Rostock wird dort „Schule an einem anderen Ort“ geboten, wo es in einem ganz normalen Klassenraum Astronomieunterricht gibt, am Refraktor beobachtet oder im Kleinplanetarium, wo maximal 30 Personen Platz finden können, Vorträge angeboten werden. Überhaupt nahm der Astronomieunterricht an den Schulen im nordöstlichsten Bundesland einen breiten Raum ein, was eigentlich nicht so ganz dem Charakter der Veranstaltung entsprach, aber dennoch interessant und aufschlussreich war.

Nach der Mittagspause erläuterte Christian Fajkus noch mal eingehender den Astronomieunterricht in Rostock an der Astronomischen Station und gab diverse Einblicke in den Lehrplan, gab Anregungen, wie man Astronomie als Unterrichtsfach gestalten könnte, und zeigte verschiedene Methoden und Themen auf.

Ingrid Ziems beendete den Teil, der mehr einer Lehrerfortbildung glich und für reine Sternfreunde weniger ergiebig war, mit einer Darstellung der Historischen Entwicklung der Astronomie in der Stadt Rostock

Im Anschluss teilten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in drei Gruppen auf, um Führungen durch den Astrogarten, die Sternwarte und das Planetarium zu unternehmen. Hinter dem Gebäude der Sternwarte wurde ein begehbares, allerdings kreisförmiges, Modell des Sonnensystems errichtet, während auf dem Dach etliche Säulen für die Aufnahme transportabler Teleskope und der charakteristische Kuppelbau mit einem darin befindlichen 150/2250-Coudé-Refraktor  aus dem Jahr 1965 steht. Im Keller des Hauses befindet sich das bereits erwähnte Zeiss-Kleinplanetarium vom Typ ZKP-1 von 1964, in dem wir einer kleinen Vorführung bewohnen durften. Die Abbildungsqualität ist zwar nicht mit denen moderner Großplanetarien zu vergleichen, dafür wird in diesen kleinen Einrichtungen oft mehr Astronomie geboten, als in den großen Sternentheatern, ein Problem, das auch auf dem Treffen diskutiert wurde. 

Der Astrogarten der Astronomischen Station Rostock

Sonnenuhr an der Außenseite der Kuppel

Teilnehmerinnen und Teilnehmer im Astrogarten

Der 150/2250-Coudé-Refraktor

Geöffnete Kuppel der Sternwarte

Modell in einem der Sternwartenräume

Da die Besichtigung insbesondere des Refraktors und des Planetariums - man fühlte sich zeitweise durchaus an die Zeit erinnert, als die GvA Hamburg noch im Planetarium im Wasserturm beheimatet war - musste wir uns beeilen, um die nachfolgenden, sehr interessanten Kurzvorträge nicht zu verpassen.

Projektor des Zeiss-Kleinplanetariums ZKP-1 in Rostock

Henning Schmidt berichtete über den aktuellen Stand einiger durchaus kurioser astronomischer Einrichtungen in Mecklenburg-Vorpommern wie der ehemaligen Sternwarte in Blankenhagen zwischen Rostock und Ribnitz, wo eine Zeitlang auf einem Mühlendach eine silberne Kuppel stand, dem ZKP-2-Planetarium der ehemaligen Ingenieursfachhochschule für Seefahrt in Wustrow, dem ehemaligen Gymnasium in Torgelow, das eine eigene Sternwarte und ein Planetarium besaß oder das Planetarium der Fachhochschule Rostock, das in einem Wohnhaus untergebracht ist. Diese diente einstmals der Ausbildung der Offiziere der DDR-Volksmarine und wird heute durch einen Förderverein betreut. 2014 feierte es sein 60jähriges Bestehen.

In der nachfolgenden Kurzrunde wurde über die Sternwarte Heringsdorf - sie liegt direkt am Strand und kämpft im Winter mit der Lichtverschmutzung einer Eisbahn direkt davor und einem beleuchteten Theaterzelt in unmittelbarer Nähe - ebenso berichtet wie über das Kleinplanetarium Demmin (Zusammenarbeit mit Astronomielehrern, Kindervorstellungen und Schulunterricht), die Greifswalder Universitätssternwarte (Initiativen wie der Johannes-Conrads-Förderpreis, Programme für die Öffentlichkeit und als Besonderheit die Beobachtung von nunmehr 4 Venustransiten), die Mobile Sternwarte Hanshagen (Zusammenarbeit mit Schulen, privaten Interessenten, kleines Baaderplanetarium seit 2003), das Kleinplanetarium Lübz (ein 1974 geliefertes ZKP-1, astronomischer Schulunterricht, öffentliche Führungen, Planung eines Planetenwanderweges), die Sternwarte Remplin und dessen Restaurierungsstand (im Turm steht ein 80/1200mm-Refraktor) und das geplante Sternparkprojekt Mecklenburger Parkplatz zwischen Rostock und Remplin.

Zu vorgerückter Stunde wurde noch über den Austragungsort des 6. Norddeutschen Sternwartentreffens gesprochen, es gab auch mehrere, aber nicht immer ernst gemeinte, Vorschläge, eine Entscheidung wurde noch nicht getroffen. Wer wollte, konnte danach noch den Planetenwanderweg in Warnemünde erkunden, wir beschlossen allerdings, den Heimweg anzutreten.

Das 5. Norddeutsche Sternwartentreffen kann trotz des Schwerpunktes auf die Einrichtungen in Mecklenburg-Vorpommern als gelungen und sehr informativ betrachtet werden und es ist den Initiatoren für ihr Engagement und das umfassende Catering zu danken!

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