Montag, 21. Juli 2014

Gefallene Astronomen des 1. Weltkrieges (6)

Max Pauly (1849-1917)

So ganz sicher ist es nicht, ob Max Pauly in die Kategorie der durch mittelbare oder unmittelbare Kriegseinwirkungen „gefallenen“ Astronomen zählen kann, doch deutet vieles darauf hin, dass auch er, wie viele Menschen im damaligen Reichsgebiet, infolge der mangelhaften Ernährung der Zivilbevölkerung während des Ersten Weltkrieges ums Leben kam.

Geboren wurde er am 15. November 1849 als jüngster Sohn eines Postsekretärs in Halle. Seine Kindheit war geprägt durch das unstete Leben des Vaters, der seine geologischen Studien mehr liebte als den eintönigen Postdienst und daher kündigte und 1859 nach Harzgerode umsiedelte. Daraus entwickelten sich immer wieder Streitigkeiten in der Familie, sodass Max Pauly eine ruhige und behütete Jugend verwehrt blieb. Er kam 1858 als schwächlicher Junge in die Franksche Schule in Halle, besuchte ab 1859 die dortige Volksschule und 1862 in die Realschule eines Waisenhauses in Halle, bevor er ab 1863 die Realschule in Halberstadt besuchte. 

1866 musste er auf Druck seines Vaters in Harzgerode eine Schlosserlehre absolvieren. Nach nur einem Jahr ging er als Schlosserlehrling in die Maschinenfabrik von J. Billeter und später zu Billeter & Klunz in Aschersleben. 1868 verlor der Vater seine Arbeit bei einer Bergbaugesellschaft und Max Pauly war zusammen mit seiner Schwester, die gemeinsam die kränkliche Mutter pflegen mussten, der Alleinverdiener der Familie. Das änderte sich erst ab 1870, als der Vater in halle eine neue Anstellung in der Braunkohle-Industrie fand. Dadurch wurde Max Pauly in die Lage versetzt, in Halberstadt die Gewerbeschule zu besuchen, die er mit Auszeichnung absolvierte. Daraufhin versuchte sein Vater, ihn in der aufstrebenden Zuckerindustrie unterzubringen. Man riet ihm aber, vorherein Studium einzulegen. So entwickelte er sich beruflich in diese Richtung weiter, studierte in Halle und Berlin, erhielt eine feste Anstellung, hielt sogar Vorlesungen an der Zuckerschule in Braunschweig und wurde später Direktor einer Zuckerfabrik.

Wie er vor diesem Hintergrund zur Astronomie kam, ist unklar. Es heißt zwar, dass er seit seiner frühen Jugend eine „Sehnsucht nach den Sternen“ hatte, aber frühe Aktivitäten sind nicht überliefert, was nicht heißen muss, dass es nicht so war. Von seinem Vater hatte er eine gewisse Ruhelosigkeit und den Sinn für schöngeistige Dinge geerbt. Irgendwann überkam ihm, so die Legende, einfach die Lust, selber Linsen zu schleifen. 

Erste Versuche hatte er wohl schon in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts unternommen und nebenbei ein wenig Optik studiert. Den richtigen Anstoß erhielt er wohl durch eine Ausstellung im Jahr 1885 in Görlitz, auf der er erstmals ein Spiegelteleskop sah, dessen Spiegel von einem Herrn von Schlicht geschliffen und von G. Meißner in Potsdam zusammengebaut worden war. Er nahm daraufhin Kontakt zum Erstgenannten auf, der für Herrmann Carl Vogel (1841-1907) in Potsdam verschiedene Spiegel geschliffen hatte. Dieser brachte ihm eine ganze Reihe von Tricks und Kniffen für die Herstellung von Teleskopspiegeln bei und zusammen mit zwei Arbeitern aus seiner Zuckerfabrik begann er mit dem Bau erster, eigener Spiegel. Hier kam Pauly seine Erfahrung als Schlosser zugute. Schließlich baute er nicht nur Teleskope für sich selbst, sondern auch Instrumente als Prüfwerkzeuge für Optiken aller Art. Er revolutionierte die Spiegelherstellung, in dem er 1895 erstmals eine Poliermaschine entwickelte, die Glasflächen bis 600 mm Durchmesser bearbeiten konnte und die in seinem Keller aufgestellt war. In dieser für damalige Verhältnisse recht modern und komfortabel ausgesatteten Werkstatt begann er regelmäßig Teleskopsiegel, Prismen, Linsen und Okulare zu produzieren, die er anfangs oft ohne Bezahlung an interessierte Sternfreunde verschenkte. Dazu gehörte ein 6" Objektivprisma für O'Gyalla (1886) und die beiden 10" Objektivprismen für O'Gyalla; und Hereny (1893) deren einem wir v. Gothards Nebelspektren verdanken, das 8" Objektiv für den eigenen Gebrauch (1888), ein 6" Objektiv für Grinenko und ein gleiches für Fauth (1891).

Zwischen 1891 und 1894 versuchte er sich auch an der Herstellung von Apochromaten mit neuen Gläsern der Firma Schott. Dabei entstanden u.a. ein 7" Apochromat für die Jenaer Sternwarte, ein 6" Apochromat für die Berliner Urania und ein 7" Apochromat für Philipp Fauth (1867-1941).

Erst in den 90er Jahren ließ er sich eine eigene Sternwarte bauen, mit einer Kuppel, die einen 8-Zöller samt Montierung aufnehmen sollte. Dazu kam ein Passageninstrument von Gothard und eine Strassersche Pendeluhr. Pauly beobachtete damit zwar in erster Linie die Sonne und Planeten, häufiger aber setzte er sein Instrumentarium wieder für Prüfungen neuer Zusatzgeräte ein.

Mit der Zeit hatte Pauly Kontakte zur optischen Industrie in Jena aufgenommen und lernte so Schott und Abbé kennen, die von seiner Geschicklichkeit im Instrumentenbau sehr angetan waren. Als Abbé seinen Plan, bei den Zeiss-Werke in Jena eine Abteilung zur Herstellung von astronomischen Instrumenten aufzumachen, lag der Schluss nahe, Pauly für die Mitarbeit zu gewinnen.

Mit Paulys Gesundheit stand es allerdings nach wie vor nicht zum besten und so riet sein Arzt ihm, sich von einem seiner Berufe als Zuckerfabrikant oder als Optiker aufzugeben. Er gab schließlich die Fabrik auf, ging nach Jena und übernahm dort die Teilhaberschaft an der astronomischen Abteilung. Es fiel Pauly allerdings nicht leicht, die Selbständigkeit aufzugeben – immerhin hatte er die weithin bekannte Zuckerfabrik nicht nur geleitet, sondern auch ihre Techniken und Prozesse immer weiter entwickelt – und nach dem Tod Abbés auch auf die Teilhaberschaft zu verzichten und nur noch Angestellter bei Zeiss zu sein.

Pauly galt als emsiger, aber oft unterschätzter Mitarbeiter, der an vielen Stellen des Werkes für Verbesserungen sorgte, ohne dafür jemals belohnt zu werden. So war Pauly maßgeblich für den Aufstieg der Astronomischen Abteilung bei Zeiss verantwortlich und konstruierte auch einige Instrumente selbst. Dazu zählten der dreifache 150, 120, 120 mm-Refraktor für Simeis, das 720 mm-Spiegelteleskop für den Königstuhl, das 640 mm- Objektivprisma für die Kap-Sternwarte, das Zenitteleskop für die Jenaer Sternwarte, das 400 mm-Spiegelteleskop für Innsbruck, ein 1000 mm-Spiegelteleskop für Bergedorf, den 145 mm-UV-Petzval mit 15° und 10° Objektivprismen für das Yerkes-Observatory,, den dreifachen 360 mm-Refraktor für Neuchatel, das Objektiv für die Berliner Sternwarte, die 350 und 300 mm-Objektive für Zürich, der 340 mm-Astrographen für Bergedorf, der 650 mm-Refraktor für Babelsberg und das 1914 begonnene, wegen des Krieges unvollendete 1200 mm-Spiegelteleskop für das gleiche Institut.

1912 verließ Pauly die Zeiss-Werke aufgrund seines immer schlechter werdenden Gesundheitszustandes. Er widmete sich nun zunehmend seiner Familie und der alten Leidenschaft für die Chemie. Seine Krankheit schritt in immer schnellerem Tempo voran, das durch die Entbehrungen während des Ersten Weltkrieges und der mangelhaften Ernährung, noch beschleunigt wurde, bis er am 26. April 1917, schwer von diversen Krankheiten gezeichnet, verstarb.

Wie Max Wolf in seinem Nachruf schreibt, ist „…Von Manchen, die ihn nicht aus nächster Nahe kannten, ist die geistige Bedeutung Paulys nicht recht erfaßt worden. Das kommt daher, daß er, im Umgang ein bescheidener und stiller Mensch, sich nirgends vordrängte, aber doch bei jedem Umgang stets der anregende und gebende Teil war, ohne daß es die meisten wurden.“

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