Dienstag, 8. Juli 2014

Gefallene Astronomen des 1. Weltkrieges (1)

Der Erste Weltkrieg zwischen dem 1. August 1914 und dem 11. November 1918 und forderte fast 20 Millionen Todesopfer unter den Soldaten und der Zivilbevölkerung. Es ist anzunehmen, dass darunter auch sehr viele Astronomen aus verschiedenen Ländern waren. Eine offizielle Aufstellung lässt sich bis heute, zumindest im Web, nirgends finden und auch diese nachfolgende Übersicht über einige Biografien von durch mittelbare oder unmittelbare Kriegseinwirkungen gefallene Astronomen kann und soll eine Gesamtzusammenfassung nicht ersetzen und höchstens einen Anstoß für weitere Nachforschungen geben. Es ist anzunehmen, dass in vielen Archiven noch so manches unerzähltes Schicksal schlummert, dass der Vergessenheit entrissen werden sollte. Grundlage für die Erarbeitung der hier vorgestellten Biographien waren Todesanzeigen in den Astronomischen Nachrichten der Jahre 1914 bis 1919. Diese trugen im Heft stets ein dem Eisernen Kreuz nachempfundenes Symbol in der Überschrift und kennzeichneten so den „für das Vaterland“ Gefallenen.

Adam Massinger war der erste, auf dessen Todesanzeige ich aufmerksam wurde. Er starb am 21. Oktober 1914, einen Tag nach Beginn der der Schlacht um Ypern (Erste Flandernschlacht vom 20. Oktober bis 18. November 1914). Die Stadt wurde im Verlauf des Krieges fast vollkommen zerstört und hier setzte die deutsche Artillerie auch 1915 erstmals Chlorgas ein.

Massinger wurde am 6. September 1888 in Feudenheim in der Nähe von Mannheim als Sohn des Gastwirts Johannes Massinger geboren. Er besuchte bis 1908 das Realgymnasium in Mannheim und studierte anschließend Mathematik und Naturwissenschaften in Heidelberg und bekam 1910 eine Assistentenstelle auf der erst1889 als neue großherzogliche Bergsternwarte, der heutigen Landessternwarte Heidelberg-Königstuhl. Hier entdeckte er am 22. März 1911 sein erstes Objekt, das die vorläufige Bezeichnung LP 1911 erhielt, aber aufgrund schlechten Wetters hatte er keine Positionsmessung vornehmen können, weshalb es bis heute nicht wiedergefunden werden konnte. Mit großer Geschicklichkeit und Eifer übernahm er die ihm übertragenen Aufgaben, die hauptsächlich in der von Max Wolf für die Heidelberger Sternwarte organisierten Suche nach Kleinplaneten mit astrofotografischen Mitteln bestand, unterbrach seine Tätigkeit aber im Herbst 1912 für das Oberlehrerexamen, dass er im darauf folgenden Winter ablegte.

Im April 1913 kehrte er an die Sternwarte zurück und übernahm wieder seine vorherige Arbeit, während er gleichzeitig an der Mannheimer Oberrealschule im Schuldienst seine Arbeit als Referendar aufnahm. Massinger war nicht nur ein sehr fleißiger Beobachter und Fotograf, sondern auch Entdecker einer ganzen Reihe von Objekten.

Am 31. März 1911 entdeckte er durch Vergleich alter und neuer Fotoplatten den neuen Veränderlichen 15.1911 Virginis, der auf der Entdeckungsplatte vom selben Tag eine Helligkeit von 9,5 mag aufwies. Auf einer Vergleichsplatte vom 22. April 1901 lag sie bei 18,1 mag. Massinger berechnete aus eigenen Beobachtungen zudem, dass die Helligkeit wohl nicht unter 12,8 mag absinken würde, worüber er in den Astronomischen Nachrichten berichtete. Es findet sich in dieser Schriftenreihe eine zweite Veröffentlichung Massingers, in der er in einem Kurzbericht über aktuelle Helligkeitsschätzungen des Veränderlichen X Piscium berichtete.

Den größten Erfolg seiner viel zu kurzen beruflichen Laufbahn erlangte er jedoch mit der Entdeckung von insgesamt 7 Hauptgürtelasteroiden:

(727) Nipponia, 11. Februar 1912, benannt nach der Eigenbezeichnung für Japan: Nippon,
(731) Sorga, 15. April 1912, benannt nach dem indonesischen Wort für Sorge,
(732) Tjulaki, 15. April 1912, benannt nach dem gleichnamigen Fluss nahe der Stadt in Malabar, Indonesien
(770) Bali, 31. Oktober 1913, benannt nach der Insel Bali in Indonesien,
(772) Tanete, 19. Dezember 1913, benannt nach dem gleichnamigen Ort auf der Insel Sulawesi in Indonesien
(776) Berbericia, 24. Januar 1914, benannt nach dem Astronomen Adolf Berberich
(785) Zwetana, 30. März 1914, benannt nach Tsvetana Popova, der Tochter von K. Popov aus Sofia, Bulgarien

In seiner letzten Zeit auf der Sternwarte hatte Adam Massinger eine eher langfristig angelegten Arbeit übernommen: er durchmusterte die Nebelflecken des Herschelschen Generalkatalogs, prüfte die darin angegebenen Örter, vermass diese erneut und ordnete sie nach galaktischen Positionen. So berechnete er die Angaben von 4400 nebligen Objekten neu und begann mit der Untersuchung der statistischen Verteilung der Nebel in der Milchstraße. 

Wie Max Wolf in der Todesanzeige ausführte, war Massinger „… von seltener Liebenswürdigkeit. Seine Anhänglichkeit an die Eltern, die in ihm das einzige Kind verlieren, war rührend. Sein Erzählertalent und seine Opferwilligkeit gegen seine Freunde und Kollegen machten ihn zu einem Genossen, an dem alle mit Liebe hingen. Sein Verlust wird lange von uns betrauert werden.“

Kommentare:

  1. Interessantes Thema. Vielen Dank für das Recherchieren. Bin gespannt, welche armen Seelen noch den Weg in diesen Blog finde.

    Christian

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  2. Hallo Christian, ich habe schon einige weitere Biografien fertig, leider sind es nicht sehr viele, die ich finden konnte, die Quellenlage ist dürftig, ich hoffe aber, durch die Veröffentlichung hier im Blog noch viele Hinweise bekommen zu können. Da bin ich auf die Mithilfe Anderer angewiesen.

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