Sonntag, 11. Mai 2014

30. ATT mit anschließendem Bahnchaos

Das war sie nun, die 30. ATT, und eine Reise, die uns, 10 Mitglieder aus der GvA Hamburgan dieses Ziel führte und im Bahn-Chaos endete. Relativ entspannt begann der 10. Mai, der in Hamburg neben dem Hafengeburtstag auch das Fest zum European Song Contest bedeutete sowie der letzte Spieltag der Fussball-Bundesliga-Saison 2013/2014.

Ich war bereits um 3:15 Uhr aufgewacht und so hieß es, erst einmal die Augen offen zu halten, bis André Wulff um 4:00 Uhr anrief. Dazu sah ich mir auf N24 eine der skurrilen Dokumentationen dieses Senders über den Mond an. Nach einer kurzen Morgentoilette ging es dann zur U-Bahn, die endlich mal keine Verspätung hatte und so war ich pünktlich zur Abfahrt des Zuges im Hamburger Hauptbahnhof angekommen. Die Reise in zwei Gruppen mit 10 Leuten ging denn auch zeitlich los und ebenso kamen wir in Essen an, wo wir am Eingang auf den Einlass warten mussten.

Der Andrang war dieses Jahr geringer
Auffällig war der diesem Jahr spürbar geringere Andrang vor dem Gebäude. Wer wollte, konnte den Obolus für den Eintritt schon im Vorverkauf bezahlen - moderate 6 EUR, bzw. 5 EUR für VdS-Mitglieder, ein Preis, der absolut gerechtfertigt war. Mit Karte konnte man über eine zweite Tür rein und man kam schneller zu den Händlern in der Hoffnung auf ein paar Schnäppchen. Ich hatte auf ein günstiges, kurzbrennweitiges 2 Zoll-Okular gehofft, war aber auch gespannt, was an neuen alten Büchern und anderen Astrosachen geboten wurde. Im ersten Anlauf ging es den Hauptweg entlang, wo außer dem Stand der Berliner Archenhold-Sternwarte  namhafte Händler wie Gerd Neumann jr. und gegenüber der Cafeteria die Vereinigung der Sternfreunde (VdS) aufgestellt hatten. In der gleichen Ecke war auch der Stand von Astronomie.de zu finden. Der anschließende Gang war wieder von den bekannten niederländischen und belgischen Astrohändlern belegt, die zum Teil auch echte historische Refraktoren (Antiquitätenhandlung Anamorfose Cuiosa) im Angebot hatten. Am Ende ging es zu den Astrovereinen z.B. aus Oldenburg.

In der Haupthalle
Links herum waren wieder die regionalen Vereinigungen mit ihren Präsentationsständen und einem Astroflohmarkt zu finden, noch mal links kam man parallel dann auch zum wieder mal von Christian Harder in gewohnter Weise betreuten GvA-Stand, an dem Sternkieker verkauft wurden. Weiter hinten waren die Vertreter der überregionalen Zeitschrift STERNZEIT anzutreffen. Eine weitere Runde brachte mich dann in die Haupthalle, wo alle großen Teleskophändler ihre Auslagen für die Besucher vorbereitet hatten. Hier hatte auch der Oculum-Verlag mit seinen Büchern und Zeitschriften seinen Stand, hier waren im Laufe des Tages auch Liveübertragungen als Sonderausgaben der interstellarum-Sternstunde produziert worden, die man hierhier und hier anschauen kann und die über die neuesten Produkte und Entwicklungen informieren, die im Vorübergang meine eigene Aufmerksamkeit gar nicht so sehr auf sich gezogen hatten.

Der Stand der GvA Hamburg
Auffällig schien mir, dass einige Händler ihre Stände deutlich geschrumpft hatten, bzw. gar nicht erst gekommen waren. Die Phalanx von Refraktoren war hier zwar wie immer ebenso beeindruckend wie die aufgestellten Sternwartenkuppeln, die schon viel Raum einnahmen, es zeigten sich aber nur wenig echte Neuerungen. Wer auf der Suche nach Schnäppchen für seine Sternwarte war, wurde ebenfalls nicht immer fündig, denn echte gab es kaum. Nur wenige Händler boten Messepreise, die deutlich unter den normalen Verkaufspreisen lagen.

Alles für den Sonnenbeobachter
Vor allem Bücher in gedruckter Form fanden anscheinend kaum Abnehmer, was ich persönlich bedauerlich und auch ziemlich schade finde, aber wohl dem Zeitgeist geschuldet ist. Sachbücher sind anscheinend nicht mehr so gefragt, denn viele Verlage bringen kaum noch welche heraus, abgesehen von Oculum und Spektrum, außerdem funktioniert das Lesen von Bildbänden auf den verschiedenen Lesegeräten, außer dem iPad und den Windows Pads auch nicht wirklich gut. Bei den verschiedenen Runden, die ich durch die Messe drehte, fand man immer die gleichen Bücher an der selben Stelle, gerade im Bereich des privaten Astroflohmarktes. Viele ehemalige bibliophile Kostbarkeiten wurden in die Hand genommen, man erinnerte sich an das eine oder andere Werk und dann wurde es wieder abgelegt und nicht gekauft.

Irgendwie hatte ich schon zu früher Stunde den Eindruck, als würden abermals deutlich weniger Leute als im Vorjahr die ATT besuchen, das konnte zwar täuschen, aber schon die ersten Besucherinnen und Besucher verteilten sich locker über die Räumlichkeiten. Zur Mittagszeit wurde es dann einmal richtig voll, um am frühen Nachmittag wieder abzuebben. Man blickte , besonders am frühen Nachmittag, oft in gelangweilte Gesichter bei den Händlern, weil es offenbar nichts zu tun gab. Und: man hatte zwischendurch reichlich Platz, um die Auslagen zu fotografieren. Auch n den Gängen bei den Amateuren war das Durchkommen dieses Mal kein Problem. Hier stauten sich in den engen Räumlichkeiten sonst oft die Besucherinnen und Besucher.

Der absolute Höhepunkt der 30. ATT war zweifelsohne der Hauptvortrag des ersten deutschen Astronauten Sigmund Jähn, der vom 29. August. bis zum 3. September 1978 gemeinsam mit Waleri Bykowski im Rahmen der SOJUS 31-Mission für 7 Tage zur Raumstation SALJUT 6 geflogen war und hier von einem Teil seiner Erlebnisse berichtete sowie eine Übersicht zur Geschichte der deutschen Beteiligungen an der Raumfahrt vermittelte. Einen guten Einblick in die damaligen Geschehnisse – ich erinnere mich noch gut daran, dass ich auf Mittelwelle immer die Stimme der DDR abhörte und die Sendungen auf Cassette aufzeichnete – gibt Sigmund Jähn in dem von Horst Hoffmann geschriebenen Buch: Sigmund Jähn – Rückblick ins All, das in Teilen Bezug nimmt auf eine frühere DDR-Veröffentlichung, die man antiquarisch sicher noch irgendwie erwerben kann. Nach dem Vortrag und einer kurzen Pause gab er eine Signierstunde, die ich dann nicht versäumen wollte.

Der Stargast kurz vor seinem Vortrag
Kurz vorher machte ich noch einen letzten Rundgang, da fiel mir die nun noch größere Leere zwischen den Ständen noch mehr auf. Leider hatte ich das, was ich gesucht hatte, nicht zu einem akzeptablen Preis finden können. Da überdies das Wetter an extrem schlecht  war– und die Luft in den Gängen teilweise zum Schneiden  – konnte ich auch nicht durch eines der Sonnenfernrohre schauen, die sonst immer draußen aufgestellt waren.

Viel Platz
Gegen 16 Uhr versammelten wir GvAler uns am seitlichen Ausgang beim Stand von Wolfgang Lille, um gemeinsam zum Bahnhof zu gehen, wo dann das Drama der Rückfahrt begann, das erst nach 7 Stunden endete.

Dieses begann damit, dass wir von Essen nach Münster mit einem Regionalzug fuhren, der schon ziemlich überfüllt war und wo wir in einen Wagen mit alkoholisierten Fussballfans gerieten, die laut herumgrölten. Als „Milchkannenexpress“ getarnt fuhren wir von Dorf zu Dorf. Zu Beginn hatten wir nicht mal einen Sitzplatz, dafür aber das Gegröle der Fans mit ihren Bierflaschen im Ohr. Der ganze Fussboden war bereits klebrig geworden, aber immerhin zeigten sich die Fans trotz hohem Alkoholpegel – anscheinend gab es hier kein Alkoholverbot - an Mondbildern eines unserer Mitreisenden interessiert. Unser größtes Problem: vor uns fuhr noch ein Sonderzug mit Fussballfans und bremste gewissermaßen unseren Zug aus, sodass wir drei Minuten nach Abfahrt des ICE nach Hamburg in Münster ankamen und hier regelrecht strandeten.

Der nur um Haaresbreite verpasste ICE bedeutete, dass wir hier erst einmal eine geschlagene Stunde warten mussten. Diese verbrachten wir in einer nahegelegenen Lokalität, nachdem uns die im Bahnhof müffelnden und zugequalmten nicht zusagten. Zwischendurch hielt an der Bushaltestelle vor dem Bistro ein Bus mit dem Ziel „Alte Sternwarte“ an.

Ein Kollege verfolgte über das Internet, wann der nächste Zug fahren würde, was erst 20 und dann 40 und mehr Minuten Verspätung passieren sollte. Irgendwann tauchte der ICE dann gar nicht mehr in der Liste auf – später hieß es, dass er wegen eines Schaden ganz heraus genommen wurde und wir mussten auf den nachfolgenden IC warten, der dann auch wieder Verspätung hatte, die sich dann aber so um die halbe Stunde herum einpendelte. Schließlich durften wir weiterfahren – mittlerweile waren wir schon mehr als fünf Stunden seit der Abfahrt aus Essen unterwegs – und brauchten nochmals gut zwei Stunden, bis wir endlich ankamen. Am nächsten Tag berichtete die Lokalpresse von Problemen in Dortmund und Essen, während der Zugführer in seiner Durchsage auch von einem Einsatz der Bundespolizei im Bereich des Bahnhofs Münster erzählte, was aber mir überhaupt nicht aufgefallen war. Nach am Ende doch etwas mehr als zweistündiger Verzögerung fuhren wir endlich weiter. Dieser Zug fungierte dann sozusagen als Lumpensammler, der alle gestrandeten Fahrgäste in Richtung Norden mitnahm. Einige von ihnen mussten in Bremen auf Kosten der Bahn übernachten, weil es keine Verbindungen mehr in den Norden und in Hamburg alle Hotels wegen des Hafengeburtstages belegt waren.

Während der Fahrt fertigte ich den ersten Rohentwurf dieses Textes an. Bei der Ankunft in der Nähe des Hamburger Hauptbahnhofes erlebten wir einen Teil des Feuerwerks zum 825. Hafengeburtstag mit. Am Ende nahm ich zusammen mit einem Freund eine Taxe, um nach Hause zu kommen, denn auch hier grölten versprengte Fussballfans herum. Zum Glück waren wir am Ende dann vor den Rückkehrern des Hafengeburtstages und der Veranstaltung zum „European Song Contest“ auf der Reeperbahn zu Hause.

Für mich war es der erste ATT, auf der ich kein Astrozeugs kaufte, weil einfach nichts von dem da war, was ich mir hätte vielleicht kaufen wollen, oder es gab es nur zu sehr hohen Preisen. Andererseits übte ich auch insofern Kaufzurückhaltung, da ich momentan überhaupt nicht mehr zum Beobachten komme – außer einigen kurzen Sonnenbeobachtungen – und nicht teuer erworbene Astroteile nur dem Bestand hinzufügen wollte. Astronomie zu betreiben, gelingt mir derzeit nicht mal mehr am Wochenende und wird wohl nur im Rahmen eines Astrourlaubes, wie er für den Herbst geplant ist, realisierbar sein.

So stand dieser ATT einmal mehr unter dem Gesichtspunkt der Kontaktpflege und des Erlebens. Und die Fahrt mit der DB war fürwahr ein Erlebnis für sich. Abgesehen vom Bahn-Chaos, war auch die diesjährigen ATT wieder eine Reise wert. Die 31. wird übrigens nicht am allseits bekannten Ort in der Gesamtschule Bockmühle, sondern im Esener Gymnasium am Stoppenberg, in der Straße „Im Mühlenbruch“ - der Name wird hoffentlich nicht Programm sein – stattfinden, da es am gewohnten Ort im kommenden Jahr Sanierungs- und Renovierungsarbeiten geben wird. Ob man sich dann allerdings wieder dem Bahn-Chaos ausliefern oder lieber doch das eigene Auto nehmen wird, um an- und vor allem wieder wegzukommen, wird man in einem Jahr sehen müssen.

1 Kommentar:

  1. Einfach ein toller Tag und ein toller Bericht. Die Rücfahrt war ja nicht so berauschend. Dafür warst du nicht allein unterwegs.
    Viele Grüße
    Stefan

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