Montag, 17. Juni 2013

3. Norddeutsches Sternwartentreffen



Zum 3. Norddeutschen Sternwartentreffen (NST) hatten dieses Mal die Sternfreunde Braunschweig-Hondelage eingeladen und warteten mit einem umfangreichen Vortragsprogramm sowie einer Besichtigung ihrer Sternwarte auf.

Mit Michael Steen, André Wulff und mir machten sich an diesem Tage drei Sternfreunde der GvA Hamburg auf den Weg in die niedersächsische Großstadt im Südosten des Landes, die 2007 „Stadt der Wissenschaft“ war.

Das Gemeindehaus in Braunschweig-Hondelage

Kurz nach 10 Uhr trafen wir am Gemeindehaus der St. Johanneskirche in Hondelage ein, auf dessen Dach wir zunächst einmal das mit einer DMK-Kamera auf einen Laptopminitor übertragene Bild eines Lunt-Teleskops die Sonne im H-Alpha bestaunen konnten. Im Vorraum konnte man sich dann mit Kaffee und Kuchen und weiteren Getränken stärken.

Warten auf den Beginn

Um 11:15 Uhr begann die Veranstaltung zunächst mit kurzen Ansprachen und Grußworten des Veranstalters, des Gemeindepfarrers, des Bezirksrates, stellvertretend für den Bezirksbürgermeister und des zuständigen Landtagsabgeordneten, verbunden mit den Wünschen für ein gutes Gelingen des Treffens.

Dieses begann mit einem kurzen, musikalisch untermalten, Film des Organistors Michael Schomann vom Planetarium Wolfsburg über die norddeutschen Sternwarten und Telekoptreffen . Gleich im ersten Vortrag konnte Rainer Bartoschewitz vom Meteoriten-Labor mit einer kleinen Sensation aufwarten: Unter dem Titel „Die Meteorite Norddeutschlands mit Schwerpunkt des Falles vom 23. April 2013 in Braunschweig“ ging er auf bekannte Meteoritenfälle im norddeutschen Raum ein und präsentierte danach eine erste Analyse des Ereignisses. An jenem Tag fiel um 2:07 Uhr im Stadtteil Melverode ein L6-Chondrit mit einem Gesamtgewicht von rd. 1,3 kg und einer Dichte von 3,35g/cm3 nieder, der in etwa 100 Fragmente zerbrach. Die Wucht des Aufprall in dem dicht besiedelten Gebiet hatte Stücke aus einem Gehweg herausgebrochen und einen Minikrater hinterlassen. Die einzelnen Bruchstücke flogen bis zu 18m weit, im Krater blieb ein Fundstück mit einer Masse von 214 g zurück. Später wurde dann noch ein 84g schweres Teilstück unter Blättern gefunden; dieses wurde beim Aufprall in die Luft geschleudert, flog gegen eine Hausmauer und landete schließlich im Grünen. Das Ereignis muss aber noch dringend weiter verifiziert werden, bislang gab es nur eine einzige Fallbeobachtung aus einer Webcam bei Vechta. Das mögliche Streufeld verteilte sich über eine etwa 45km lange Strecke von Oschersleben bis nach Mascherode. Wie viele Teile dort heruntergekommen sind, ist spekulativ, und ob sich heute noch etwas finden lässt, eher unwahrscheinlich. Die bisher gefundenen Stücke sollen von verschiedenen Instituten wie dem GeoForschungsZentrum Potsdam und dem MPI für Chemie weiter untersucht werden.

Ein interessantes Projekt stellten danach Jörg Anrecht und Karsten Richter vor: die „Sternwarte am Wallgarten in Gifhorn“. Ein Einfamilienhaus wurde zu einem astronomischen Treffpunkt umfunktioniert und enthält neben einer abklappbaren Dachsternwarte und einem kleinen Seminarraum auch ein kleines Selbstbauplanetarium, wo es monatliche Veranstaltungen gibt. Die Initiatoren dieser mehr als ungewöhnlichen Idee laden regelmäßig zu Sonderveranstaltungen, Beobachtungsabenden und einem Klönsnack und werden auch beim Altstadtfest am 23./24. August auf ihr Projekt aufmerksam machen.

Die bewegte Geschichte des 30jährigen Wolfsburger Planetariums von der Gründung aufgrund einer Schenkung durch die Stadt Wolfsburg als Teil eines Kompensationsgeschäftes des VW Werks mit der DDR bis zur heutigen Aufbaustufe und den aktuellen Präsentationsmöglichkeiten mit einem Full-Dome-Projektor wurde von Rudolf Michalik vorgestragen.

Nach einer ersten kleinen Pause präsentierte Günter Franken den Planetenweg in Wolfsburg, der von der Arbeitsgemeinschaft Astronomie (AGA) initiiert und schließlich rund um den Allersee errichtet wurde. Eindrucksvoll schilderte er die vielfältigen Bemühungen, die nötig waren, um Sponsoren und Behörden zusammen zu bringen, damit eine Realisierung möglich wurde.

Pause!

Utz Schmidtko berichtete anschließend über die „Geburt der Sternwarte St.Andreasberg am 8. Juni 2013 – die erste barrierefreie Sternwarte in Deutschland“, die sich bereits jetzt in besonderem Maße für das heranführen behinderter und lernschwacher Kinder an die Astronomie verdient gemacht hat. Besonders für Blinden wurde eine Methode entwickelt, wie sie trotzdem auf ihre Weise den Himmel erfahren und ertasten könnten. Eine einmalige und unterstützenswerte Initiative! Er schilderte aber auch die zahlreichen Probleme, u.a. dem bevorstehenden Bau einer beleuchteten Skianlage in unmittelbarer Nähe. Angesichts der globalen Erderwärmung und einer immer mehr auch im Harz zurückgehenden Schneedecke eine vollkommen widersinnige Aktion!

Eine weitere Pause wurde zur Erholung und der Einnahme von Verpflegung genutzt, für die Veranstaltung waren diverse Pizzen gespendet und wer glaubte, dass fünfzehn „16Zöller“ eventuell zu viel waren, kannte keine Amateurastronomen. Die Pizzen waren binnen kurzem vertilgt. Sternfreunde sind eben eine stets hungrige Spezies!

Nach der Pizza berichtete Bernd Schatzmann über „Planetarium und Sternwarte Flensburg-Glücksburg“, Entstehung und Entwicklung sowie die heutigen Möglichkeiten, Astronomie der Öffentlichkeit zu präsentieren.

Anschließend brachen wir auf, um die ca. 1 km entfernte Sternwarte der Hondelager Sternfreunde zu besichtigen, die sich in einer Gartenanlage befindet. Unter einer 5,3m durchmessenden baader-Kuppel steht ein 500/5000 mm Cassegrain aus dem Hause Philipp Keller auf einer K100-Montierung von Michael Knopf. Wir wurden nicht nur durch die Sternwarte, sondern auch durch weitere Vereinsräume geführt, wo man uns auch den Sternenhimmel in einem Sieb zeigte. Bei der Besichtigung solcher Sternwarten kommt bei mir immer ein gewisser Neideffekt auf, wenn man sieht, dass die GvA in Hamburg seit dem Rauswurf aus dem Planetarium keine eigenen Räume mehr hat und keinen Ort, wo man sich mal außerhalb offizieller Veranstaltungen treffen kann. Kurz bevor es wieder zurückging, stellten wir uns noch alle zum Gruppenfoto auf.

Der Sternenhimmel auf dem Sieb




Der 500/5000 Cassegrain der Braunschweiger Sternfreunde

Nach der Rückkehr in den Gemeinderaum stellte Erik Wischnewski die Neuauflage seines Buches „Astronomie in Theorie und Praxis“ vor. Michael Kremin und Torsten Lohf gaben danach einen Erfahrungsbericht über „Veranstaltungen für Kinder in der Sternwarte Lübeck“, zu denen regelmäßig die Sternenabende, der Ferienpass, „Nightlife“ für Kinder, Führungen für Schulklassen und Kindergärten sowie die Durchführung von Kindergeburtstagen gehören. Sie erlebten viel positive Resonanz, es gibt aber auch Probleme, wenn durch schulischen Stress die Kinder nicht mehr allen Interessen nachgehen können und z.B. zwischen Sport und Astronomie auswählen müssen, wobei meist der Sport gewinnt.

Marco Ludwig sprach daraufhin das Thema „Öffentlichkeitsarbeit und Sponsoring an der Sternwarte Neumünster“  an und konnte sehr viel Positives aus den letzten Jahren ansprechen. Öffentlichkeitsarbeit ist ein sehr wichtiges Thema für Sternwarten und entsprechend oft schaffen es die Neumünsteraner auch, mit ihren Anliegen an die Öffentlichkeit zu gehen. Sie konnten zum Thema Lichtverschmutzung, die in Hamburg ja dank Schiffstaufen und das nächtliche Bestrahlen von Bäumen und Gebäuden geradezu exzessive Züge annimmt, auch einen ersten Erfolg verbuchen. So wurden für eine in der Nähe im Aufbau befindliches Industriegebiet besondere Auflagen für die Beleuchtung erteilt.

Im vorletzten Beitrag zeigte Bodo Hübner aus Tornesch das „Universum in 3D“ und ließ vorher rot-grün-Brillen verteilen. Leider funktioniert bei mir mit diesen Brillen das dreidimensionale Sehen nicht, so entgingen mir wunderschöne Aufnahmen von der Sternwarte auf dem Paranal, von Sonne, Mond, Planeten, Planetenmonden, Kometen, aus der ISS oder von Vulkanen auf der Erde.

Eine letzte Pause folgte und danach traf man sich noch zu einer Abschlussdiskussion unter dem Motto „Rückblick und Ausblick auf zwei Jahre Astronomie im Norden“. Schnell kristallisierten sich zwei Themen heraus: Die immer mehr zunehmende Lichtverschmutzung und Astronomie in den Schulen. Wie nicht anders zu erwarten, konnten die Themen nur kurz angerissen und die Diskussionen nicht zu Ende geführt werden. Es zeigten sich aber auch die schnell Probleme. Zum einen ist das Thema Lichtverschmutzung in kleinen Städten und Gemeinden viel eher an die Öffentlichkeit zu bringen, als in einer Großstadt wie Hamburg. Wenn hier, sehr optimistisch und großzügig gerechnet, 1000 Sternfreunde inkl. ihrer Familienangehörigen und Freunde zusammenkämen, wäre das bei 1,8 Millionen Einwohnern gerade mal 0,05% der Bevölkerung und die werden von Politik, Wirtschaft und Industrie schlicht nicht wahrgenommen, weil, so das „Totschlagargument“ daran Arbeitsplätze hängen würden. Gerade dieses Argument macht auch andere Bemühungen von Sternfreunden zunichte, da Stadtväter eher wirtschaftliche Gründe in den Vordergrund stellen und nicht die der Amateurastronomen. Ein weiteres Thema war, wie man es schafft, Astronomie in die Schulen zu bringen, wo diese Wissenschaft in vielen Schulen nicht mal auf dem Lehrplan steht oder Naturwissenschaften gleich ganz herausgestrichen werden sollen. Aber auch hier gibt es viele Probleme, die allein schon in den gravierenden Unterschieden in den Vorstellungen zwischen Lehrern und Amateurastronomen verborgen liegen. Wie soll man als normaler Arbeitnehmer in den Schulunterricht gehen und dort ohne pädagogische Ausbildung etwas vortragen? Auch wird oft etwas von Amateuren verlangt, das sie gar nicht leisten können, beispielsweise Aufgaben aus dem Mathematikunterricht einfließen zu lassen. Nach einer Stunde war denn die Diskussion auch schon wieder beendet, man hätte noch weiter diskutieren können, allerdings ohne jemals zu einem Ergebnis zu kommen.

Wer wollte, konnte  sich noch zu einem Abschlussessen treffen, wir allerdings traten alsbald die Heimreise an. Das Treffen offenbarte mal wieder die ungeheure Bandbreite der Aktivitäten norddeutscher Sternfreunde und deren Aktivitäten in ihren Vereinen und soll im kommenden Jahr in St. Andreasberg fortgesetzt werden. Der Zeitpunkt allerdings, ist derzeit unklar, denn es wurde vorgeschlagen, das Treffen mit dem dortigen Teleskoptreffen (STATT) im August 2014 – mitten in den Sommerferien – stattfinden zu lassen.