Montag, 1. April 2013

6.4.2013: 50. Todestag von Otto von Struve


Otto von Struve wurde am 12. August 1897 in Charkow als letztes Mitglied einer traditionsreichen deutsch-russischen Astronomenfamille geboren, der es in dieser Wissenschaft zu Ruhm und Ehre brachte. Sein Ururgroßvater war der berühmte Friedrich Georg Wilhelm Struve (1793 - 1864), Direktor der Sternwarten zu Dorpat und Pulkowo. Sein Vater Ludwig von Struve (1858 - 1920) stieg in diesen Observatorien ebenfalls in hohe Führungspositionen auf und wurde später Direktor der Charkower Sternwarte.

Im zarten Alter von acht Jahren machte Otto von Struve gemeinsam mit seinem Vater erste astronomische Beobachtungen, mit Zehn führte er einige davon ganz allein aus und mit Zwölf ging er – mit reichlich mathematischem Talent ausgestattet – auf das Gymnasium seiner Heimatstadt, das er schon zwei Jahre darauf mit dem Abschluss wieder verließ. Gleich danach begann er mit den Vorbereitungen für die Beobachtung der totalen Sonnenfinsternis am 8. August 1914 – auch die Hamburger Sternwarte hatte damals eine Expedition zur Beobachtung dieses Ereignisses ausgesandt. Die dabei gewonnenen Ergebnisse und Erfahrungen waren 1919 Thema der Masterarbeit an der Universität von Charkow. Struve war 1915 als Student der Astronomie in die Universität aufgenommen worden. Aber schon 1916 musste er das Studium wegen der politischen Unruhen im Russischen Kaiserreich und dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges unterbrechen, weil er an die Artillerie-Schule in St. Petersburg berufen wurde. Nach einer kurzen Ausbildung wurde er 1917 an die türkische Front geschickt. Sein Kriegseinsatz endete aber glücklicherweise schon ein paar Monate später. Nach dem der Vertrag von Brest-Litowsk zwischen Russland und Deutschland unterzeichnet worden war, kehrte Struve für ein Jahr nach Charkow zurück und setzte seine astronomischen Studien fort. Im Juni 1919 erhielt er ein Zertifikat durch den Rektor der Universität, wonach er als Professor an der Abteilung für Astronomie und Geodäsie eingesetzt werden sollte. In dieser Zeit arbeitete er auch – zusammen mit seinem Vater – in der universitären „Werkstatt der Schule der feinen Mechanik“, die angehende Ingenieure für die Konstruktion und den Bau von Teleskopen und astronomischen Messapparaturen gewinnen sollte. Die politischen Veränderungen im Laufe der Russischen Revolution und des Russischen Bürgerkrieges  - Otto von Struve kämpfte auf Seiten der „Weißen Armee“ gegen die bolschewistische „Rote Armee“, forderten indes ihren Tribut. Um Repressalien der Bolschewiki zu entgehen, musste seine Familie von Charkow nach Sewastopol umsiedeln, das noch unter der Kontrolle der Weißen Armee stand. Dabei kam es zu einer ganzen Reihe von Tragödien, die die Familie weitgehend dezimierten. Seine jüngste Schwester ertrank, sein Bruder starb an Tuberkulose und sein Vater erlitt auf der Flucht am 4. November 1920 einen tödlichen Schlaganfall. Ende November 1920 floh Struve dann mit einem Militärflugzeug vor der Roten Armee, die nun auch auf die Krim vordrang, in die Türkei. Nie wieder sollte er – trotz mehrfacher Aufforderungen und Einladungen – sowjetrussischen Boden betreten.

Für Otto begann indessen eine fast beispiellose Odyssee. Er verblieb zunächst in der Türkei, war hier nur noch ein verarmter Flüchtling, der ab und zu als Holzfäller beschäftigt war, und trieb sich mit ebenfalls geflüchteten russischen Soldaten herum. Er bat seinen Onkel Hermann von Struve in Deutschland um Unterstützung, doch dieser war bereits ein paar Monate zuvor verstorben. Seine Tante Eva von Struve setzte sich indes bei Paul Guthnick von der Babelsberger Sternwarte für ihn ein. Doch dieser konnte Otto wegen der sich dramatisch verschlechternden wirtschaftlichen Lage im Nachkriegsdeutschland nicht beschäftigen. Aber er wandte sich an Edwin B. Frost, den Direktor des Yerkes-Observatory und bat dort um Hilfe. Diese wurde Otto gewährt. Ihm wurde eine Stelle als assistant for stellar spectroscopy angeboten und so erhielt er Ende August 1921 ein Visum für die USA und kam am 7. Oktober in New York und zwei Tage später auf der Sternwarte an.

Dank einer schnellen Auffassungsgabe – Struve hatte eigentlich zu diesem Zeitpunkt keine wirkliche Ahnung von Spektroskopie – arbeitete er sich ausgesprochen rasch in diesen Bereich ein und schon im September 1922 konnte er einen Artikel über den pulsierenden Stern Gamma Ursae Minoris veröffentlichen. Daneben gehörte er zu den Hauptnutzern der Teleskope am Yerkes, was nicht ohne Folgen blieb. Am 24. Oktober 1922 entdeckte er den Kleinplaneten (991) McDonalda und am 14. November (992) Swasey.

Auch bei seiner Doktorarbeit verlor er keine Zeit und so errang er den Doktortitel bereits im Dezember 1923 mit einer Arbeit über spektroskopische Doppelsterne. Anfang Januar 1924 wurde er dann zum instructor ernannt, wurde 1927 assistant professor und 1932 ordentlicher Professor an der University of Chicago. Frost erkannte schnell die Begabungen Struves und versuchte unter allen Umständen, ihn an der Sternwarte zu halten.

1925 entdeckte er das chemische Element Calcium in einigen Spektren, was er auf dessen Vorhandensein in der interstellaren Materie zurückführte, und 1938 gelang ihm der Nachweis, dass sie auch Wasserstoff in großen Mengen enthält.

Von 1932 bis 1947 war Struve dann selbst Direktor und fungierte von 1939 bis 1950 zusätzlich als Gründungsdirektor des McDonald Observatory, wo auch heute noch der nach ihm benannte 2,1m-Spiegel steht. Von 1952 bis 1962 war er danach erster Direktor des National Radio Astronomy Observatory an der Universität von Virginia. In all diesen Jahren blieb er in den USA und kam lediglich zwsichen August 1928 und Mai 1929 für ein paar Monate an die Cambridge University nach England oder traf sich im niederländischen Leiden mit Jan Hendrik Oort (1900 - 1992), als er sich mit der interstellaren Materie befasste.

Otto von Struve war ein sehr erfolgreicher Administrator, der das Yerkes-Observatory in einer Phase des Niedergangs wieder zu Ruhm und Ehre brachte, und als er viele fest angestellte Mitarbeiter auf Grund der Wirtschaftskrise in den USA entlassen musste, stellte er Jungforscher ein, die später weltberühmte Wissenschaftler und Nobelpreisträger werden sollten. Dazu gehörten Subrahmanyan Chandrasekhar (1910 - 1995, Nobelpreis für Physik 1983), Gerard Kuiper (1905 - 1973, Protagonist des berühmten Kuiper Prize), Bengt Strömgren (1908 - 1987), Gerhard Herzberg (1904 - 1999, Nobelpreis für Chemie 1971), William Wilson Morgan (1906 - 1994) und Jesse L. Greenstein (1909 - 2002). Nach dem Zweiten Weltkrieg lud er eine ganze Reihe führender europäischer Wissenschaftler wie Pol Swings (1906 - 1983), Jan Oort (Vater der Radioastronomie), Marcel Minnaert (1893 - 1970), Hendrik Christoffel van der Hulst (1918 - 2000) und Albrecht Unsöld (1905 - 1995) in die USA ein, traf dann aber hier auf Widerstand aus den unterschiedlichsten Gründen. Am Ende gelang es ihm dennoch, einigen der vorstehend genannten eine feste Stelle am Yerkes zu vermitteln.

Im Jahr 1947 trat Struve ein wenig überraschend als Direktor des Yerkes Observatory zurück. 1950 folgte er – wie es hieß aus gesundheitlichen Gründen – dem Ruf der University of California und stand dem Leuschner-Observatory in Berkeley vor. Von 1952 bis 1955 war er Vorsitzender der Internationalen Astronomischen Union (IAU) und ab 1959 leitete er dann das National Radio Observatory in Green Bank, eine erst kurz zuvor gegründete Sternwarte für radioastronomische Beobachtungen.

Zu Otto von Struves vielfältigen Arbeitsgebieten zählten die interstellare Materie, die Rotation von Sternen, die Radialgeschwindigkeiten galaktischer Sterne und extragalaktischer Sternsysteme, die spektroskopische Untersuchung von Doppelsternen und die erste Beobachtung von Radioquellen. Außerdem war er Herausgeber der angesehenen Fachzeitschrift Astrophysical Journal.

Otto von Struve veröffentlichte auch viele Arbeiten über veränderliche Sterne, zur Sternentwicklung, zu Doppelsternen und der interstellaren Materie veröffentlichte. Sein schriftstellerisches Gesamtwerk umfasst annähernd 900 Artikel und Bücher. Viele dieser Arbeiten dienten der Popularisierung der Astronomie. So veröffentlichte er beispielsweise 39 Artikel in dem Magazin Popular Astronomy, das zwischen 1923 und 1951 erschien. Von 1941 bis 1963 schrieb er auch regelmäßig für die noch heute erscheinende Zeitschrift sky and telescope und nahm Bewertungen der Arbeiten anderer Astronomen vor.

In den späten 1950er Jahren verschlechterte sich Struves Gesundheitszustand. Seit der Flucht aus Russland litt er an Hepatitis. 1956 erlitt er, als er sich für kurze Zeit am Mt. Wilson aufhielt, einen schweren Sturz, brach sich mehrere Rippen und zog sich Risse in zwei Rückenwirbel zu. Seit dem musste er ein Stützkorsett tragen und mehrere längere Krankenhausaufenthalte über sich ergehen lassen. An den Spätfolgen des Sturzes starb er schließlich am 6. April 1963 in Berkeley.

Bereits 1944 hatte er die Goldmedaille der Royal Astronomical Society erhalten, wurde 1948 mit der Bruce-Medaille der Astronomical Society of the Pacific, 1954 mit dem Jules-Jannsen-Preis und 1957 mit dem Henry Norris Russell Lectureship ausgezeichnet. 1964 wurde ein Mondkrater erst nach ihm, dann aber nach seiner ganzen Familie benannt. Überdies gibt es den Kleinplaneten (2227) Otto Struve und am McDonald Observatory das 2,1 m Otto Struve Telescope.

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