Montag, 1. April 2013

5.1.2013: 100. Todestag von Lewis A. Swift



Das ausgehende 19. Jahrhundert war technisch gesehen ein sehr innovativer Zeitraum und in der Himmelskunde kennzeichnete sich dieser durch den Übergang von der klassischen (Messen und Registrieren) zur modernen (Messen und Interpretieren, physikalische Methoden) Astronomie aus. Ein Beispiel hierfür ist die nach der Erfindung der Spektralanalyse durch Kirchhoff und Bunsen 1860 sehr schnell aufkommende Astrophysik.

In dieser aufregenden Zeit, die auch durch viele gesellschaftliche Veränderungen (industrielle Revolution), wurde Lewis A. Swift am 29. Februar 1820 – manche Quellen nennen auch den 20. Februar – in Clarkson im US-Bundesstaat New York geboren. Als sechstes von neun Kindern von General Lewis Swift, brach er sich mit 13 Jahren die linke Hüfte und war fortan behindert, sodass er auf der Farm seiner Eltern nur leichte Aufgaben ausführen konnte und somit sehr viel Zeit zum Lesen hatte. Schriften über die Astronomie interessierten ihn dabei am meisten und die Beobachtung des Halleyschen Kometen im Jahr 1835 war für seine weitere Entwicklung von entscheidender Bedeutung.

Doch zunächst blieb er bei der Theorie und es dauerte immerhin 20 Jahre, bis er über ein Buch zur Optik zur praktischen Beobachtung kam. 1855 baute er sich sein erstes Fernrohr – einen Dreizöller. Doch das Objektiv ging schon kurze Zeit später kaputt und so beschaffte er sich einen Viereinhalbzöller der Fa. Henry Fritz aus New York. Das erste Objekt, das er damit beobachtete, war der helle Komet Donati C/1858 L1, der 1858 durch Giambattista Donati (1826 - 1873) entdeckt worden war. Einen begeisterten Bericht über seine Beobachtungen reichte er beim renommierten Astronomical Journal ein und er wurde sogar veröffentlicht. Etwas, dass heute dem Amateur, und ein solcher war Lewis, nicht mehr möglich ist. Am 16. Juli 1862 entdeckte Swift dann seinen ersten Kometen. Nur drei Tage später, am 19. Juli 1862, fand ihn auch Horace Parnell Tuttle (1837 - 1923), weshalb er heute die offizielle Bezeichnung 109P/Swift-Tuttle trägt. Er gilt als „Erzeugerkomet“ für den alljährlich im August zu beobachtenden Strom der Perseiden.

Am 27. November 1869 entdeckte Ernst Wilhelm Leberecht Tempel (1821-1869) den zunächst nach ihm benannten Kometen. 11 Jahre später, am 11. Oktober 1880 wurde er von Swift erneut entdeckt (erst ein Vergleich der Bahndaten ergab, dass es sich hier um ein und dasselbe Objekt handelte), galt nach dieser Beobachtung aber als verschollener Komet. Erst die dritte Wiederentdeckung, dieses Mal durch das „Lincoln Earth Asteroid Research LINEAR“ am 7. Dezember 2001 half, die Bahn und die Umlaufzeit genauer zu bestimmen. Er wird heute der Jupiterfamilie – etwa 70 kurzperiodische Kometen mit Apehlions beim größten Planeten des Sonnensystems – zugerechnet und trägt den Namen 11P/Tempel–Swift–LINEAR. Allerdings konnte er weder 2002 noch 2008 während seiner hypothetischen Wiederkehr beobachtet werden. Man vermutet, dass er im Perihelium von der Erde aus gesehen hinter der Sonne stand. 1872 zog Swift mit seiner Familie – er war inzwischen verheiratet – nach Rochester, wo er ein eigenes Geschäft eröffnete. Für seine astronomischen Aktivitäten war der Umzug aber keine gute Idee, denn die Stadt wies eine ständig zunehmende Lichtverschmutzung auf. Überdies konnte er zwar sein Teleskop auf dem Dach einer Apfelsaftfabrik fest aufstellen, dieses aber nur über Leitern und Stiegen erreichen. Das Objektiv und sein ganzes Zubehör brachte er jedes Mal von zu Hause mit, wodurch vor allem die Linse nach drei kleineren Unfällen stark in Mitleidenschaft gezogen worden war. Dennoch entdeckte er mit diesem Equipment elf weitere Kometen, u. a. 64P/Swift-Gehrels und C/1892 E1 (Swift).

Mittlerweile zu einer kleinen Berühmtheit geworden, lud man ihn immer wieder zu Vorträgen und Beobachtungsabenden ein. So auch 1878 zur Beobachtung einer totalen Sonnenfinsternis nach Denver. Ziel der Beobachtung war der Nachweis des von Urbain Jean Joseph Leverrier (1811 - 1877) vorhergesagten Planeten Vulkan, der innerhalb der Merkurbahn die Sonne umlaufen sollte. Dieser hatte auf Grund der merkwürdigen Periheldrehung des Planeten auf die Existenz eines weiteren Himmelkörpers geschlossen, die aber erst durch die Einstein'sche Allgemeine Relativitätstheorie erklärt werden konnte. Und just im Jahr 1878 – Leverrier hatte seine Arbeiten zum Planeten Vulkan 1859 veröffentlicht – glaubte Swift neben der Sonne ein lichtschwaches Objekt gesehen zu habe. Zunächst galt das als Entdeckung des Planeten Vulkan. Swift wurde mit Ehrungen überhäuft, er wurde 1879 in die altehrwürdige Royal Society aufgenommen und er wurde von vielen „Professor“ genannt, obwohl er nie ein Studium an einer Universität absolviert hatte.

Sein rasch aufsteigender Stern sank aber schon bald sehr schnell, weil sich die vermeintliche Entdeckung alsbald als Beobachtungsfehler herausstellte. Dennoch nahm seine Reputation keinen allzu großen Schaden, denn schon kurze Zeit später stellte der Unternehmer Hulbert Harrington Warner 100.000 Dollar für ein eigenes Observatorium – das diesen Namen auch verdiente – zur Verfügung, insbesondere, nachdem er von der Wiener Akademie mit einer Goldmedaille ausgezeichnet wurde. Das Geld nutzte er für die Anschaffung eines 16-Zöllers von Alvan Clark & Sons, der in einem neuen Gebäude aufgestellt wurde, welches man fortan „Warner-Observatory“ nannte und das eine lupenreine Volkssternwarte war. Das Teleskop hatte eine Brennweite von 6,7 m und eine Öffnung von etwas mehr als 40 cm. Damit konnte er im 1882 fertig gestellten Observatorium – neben seinen Verpflichtungen als „Direktor“ und bei öffentlichen Beobachtungsveranstaltungen – in ein neues Arbeitsgebiet, der Beobachtung des „tiefen Himmels“, vorstoßen. Darin war er äußerst erfolgreich. Er entdeckte binnen 15 Jahren insgesamt 1145 Objekte, von denen 977 real sind und in den NGC/IC-Katalog aufgenommen wurden. Zehn Listen seiner Entdeckungen veröffentlichte er in den Astronomischen Nachrichten, auch ein Fachmagazin, zu dem heute Amateure keinen Zugang mehr haben.

Das erste Objekt, das er am 26. April 1883 entdeckte, war NGC 3588 im Löwen. Mit der Zeit erwies sich aber der Standort des Warner-Observatory als alles andere als geeignet. So verhinderte Lichtschmutzung oft die Beobachtung lichtschwacher Objekte. Die schlimmste Krise aber trat 1893 mit einer allgemeinen Finanzkrise ein, die dem bisherigen Gönner schwer zu schaffen machte, dessen Geschäftsimperium zusammenbrach. In Kalifornien fand sein 16-Zöller schließlich im neuen Vergnügungspark von Professor Thaddeus Lowe auf dem 1000 m hohen Echo Mountain bei Los Angeles eine neue Heimat. Dort beobachtete er in den kommenden sieben Jahren weiter erfolgreich Kometen und Deep-Sky-Objekte, wobei er auch Objekte des Südhimmels mit einbeziehen konnte. 300 dort entdeckte Nebel flossen schließlich mit im Second Index Catalogue von 1908 mit ein, allerdings hatten sie nicht mehr die Qualität früherer Beobachtungen. Das letzte von Swift entdeckte Objekt war am 2. Juni 1898 IC 4514 im Bootes.

An zunehmender Blindheit leidend, zog er sich 1901 ins Privatleben und nach Rochester zurück, wo er am 5. Januar 1913 verstarb. Glück war dem kleinen Observatorium keines mehr beschieden, auch das Geschäft von Lowe ging Pleite. 1905 gab es ein Großfeuer auf dem Berg, 1928 sorgte ein Sturm für den Rest, sodass der Standort aufgegeben wurde. Der 16-Zöller aber überstand alle Krisen und Probleme, wurde 1941 an die Santa Clara University in Kalifornien für 2000 Dollar verkauft und ist heute im Ricard Memorial Observatory ausgestellt.

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