Freitag, 31. August 2012

Was nach dem Tode bleibt … unglaubliche Erlebnisse der unvermeidlichen (?) Art

Unglaublich, aber wahr: Dass man beim Ableben eines Altvorderen viel Arbeit mit der Auflösung der Wohnung und der Beerdigung hat, dürfte klar sein, aber was man so am Rande erlebt, darüber kann man Geschichten erzählen. Und das will ich hier mal tun.

Schon als ich meinen Vater wegen starker Demenz in ein Heim geben musste, wandten sich Leute von mir ab und auch Kolleginnen distanzierten sich, hatten aber auch keine andere Lösung parat. Die einzige, die mir von einer Augenarzthelferin angeboten wurde, war, dass ich mich arbeitslos melden und Hartz IV beziehen solle, dann hätte ich mehr Zeit für die Betreuung meines Vaters. Das war aber nicht das, was mir vorschwebte. Diesen Tipp bekam ich dann später auch von Leuten aus der Nachbarschaft, die das schon länger so praktizieren. Dass so etwas das System pervertiert und natürlich von Leuten kommen muss, die schon in der 3. oder 4. Generation keiner Beschäftigung mehr nachkommen, ist logisch, dass man aber offiziell dazu gedrängt wird, ist schon ein starkes Stück. Aus rückwärtiger Sicht kann ich sagen, zum Glück habe ich das nicht gemacht.

Aber man gewinnt auch neue Freunde und auch solche, bei denen man nie mit Hilfe gerechnet hatte, die einfach Hilfe anboten, wo es nötig war, ohne zu fragen. Sie standen plötzlich einfach hilfreich zur Seite. Solche Freundschaften verbinden sich dann stärker als vorher. So hat die Frau eines Freundes mich beim Gang zum Beerdigungsunternehmer unterstützt und das war sehr hilfreich.

Viel Hilfe gab es auch vom Beerdigungsunternehmer und von meiner Hamburger Sparkasse. Klar, der Unternehmer verdient sein Geld nicht nur mit der Zeremonie, sondern auch mit der Übernahme von „Laufereien“ zum Einwohnermeldeamt, dem Standesamt, setzt sich mit dem Friedhof auseinander, sorgt für den Termin für die Beerdigung etc. Eine Vollmacht unterzeichnen und schon ging es los. Natürlich kümmert sich der Beerdigungsunternehmer auch um die Leiche, deren Abholung aus dem Krankenhaus und die, von meinem Vater gewollte, Einäscherung. Das ist zwar deren Aufgabe, aber allein das Bewusstsein, dass man sich um diese Details nicht auch noch kümmern muss, hilft schon sehr. Er beschafft dann nach Freigabe der Leiche zur Einäscherung – es finden, da er im Krankenhaus verstorben ist,  noch Untersuchungen statt, die die genaue Todesursache klären und feststellen sollen, ob er natürlichen Todes gestorben ist oder nicht – die wichtigen Sterbeurkunden. Diese braucht man, um weitere Angelegenheiten zu regeln. Dazu gehört auch die leidige Erbrechtsfrage. Ich musste erklären, dass ich der einzige Nachfahre bin, damit ich über das Erbe verfügen konnte, um davon die Beerdigung zu bezahlen.

Hilfreich war denn auch, man höre und staune, die Hamburger Sparkasse. Mit dem Kundendienstberater habe ich mich längere Zeit zusammen gesetzt und mit der Sterbeurkunde in der Hand, waren mit einem Mal Transaktionen möglich, die vorher undenkbar waren. So konnte mir z.B. das Erbe ohne Probleme übertragen werden. Vorteil war, dass ich vorher schon eine Vollmacht für Vaters Bankkonto hatte. Gibt es eine solche nicht, muss man vorher erst mal zum Amtsgericht, um die Erbrechtsfragen klären zu lassen und da kann es unter Umständen länger dauern, bis man eine Entscheidung hat. Bis dahin ist formal das Erbe gesperrt. Es kommt aber auch darauf an, ob es noch weitere Erbberechtigte gibt oder nicht. Das war in meinem Fall zum Glück nicht der Fall.

Ein großes Problem war, dass mein Vater in seiner Demenz viele Versicherungen abgeschlossen hatte, die angeblich im Sterbefall mir sehr viel Geld bringen würden. Gebracht hat keine einzige was, wie soll das bei mehreren Krankenzusatzversicherungen und Rentner-Haftpflichtversicherungen auch funktionieren? Insgesamt hatte er sich 7 (!) unsinnige Versicherungen aufschwatzen lassen, die im Fall des Falles sich erst mal monatelang gestritten hätten, wer im Schadenfall für was aufkommen müsste.

Einen Teil der Versicherungen hatte er über die Hamburger Sparkasse laufen (die er aber schon vor seiner Demenz dort abgeschlossen hatte). Die konnten gleichzeitig mit den Gebühren der GEZ unter Vorlage der Sterbeurkunde gekündigt werden. Nur eine der Versicherungen, die Partner der Haspa ist, legte sich quer. Die hatten geantwortet und die Beendigung des Vertragsverhältnisses bestätigt, nachdem sie erst versucht hatten, das auf mich zu übertragen. Trotz der Bestätigung wurde aber der fällige Monatsbeitrag weiter abgebucht. Die Haspa veranlasste zweimal die Rückbuchung von zwei Monatsbeträgen, dann drohte die Versicherung (unterzeichnet vom gleichen Sachbearbeiter, der auch den Empfang der Sterbemitteilung quittiert hatte) mit einem Inkassounternehmen, wenn mein Vater es noch einmal wagen sollte, die fällige Zahlung zurückzurufen. Ich gab der Haspa eine Kopie des Schreibens und man versicherte mir, dass man sich darum kümmern wolle. Hat man auch, denn die Drohungen hörten auf, es wurde auch nichts mehr abgebucht.

Die meisten Versicherungen aber reagierten prompt, wie die städtischen und privaten Unternehmen, bei denen man Strom, Wasser etc. abstellen lassen musste, sprachen ihre Anteilnahme aus und überwiesen teilweise ohne weitere Aufforderung noch Beiträge zurück. Beim Schreiben an die Versicherungen muss man ja die Versicherungsnummer angeben. Dabei hat sich als hilfreich erwiesen, in der Mitteilung an die Versicherung einen Passus wie „Hiermit werden das oben genannte Versicherungsverhältnis, sowie alle weiteren, darüber hinaus bei Ihnen noch bestehenden Versicherungen meines Vaters gekündigt“ mit aufzunehmen. Zwar war mein Vater immer ein sehr ordentlicher Mensch, doch in der Demenz hatte sich auch das verändert und so waren die bislang sauber geführten Unterlagen über die Zeit immer unübersichtlicher geworden. Ich hatte da irgendwann auch den Überblick über seine Versicherungen verloren.

Ich bin mir immer noch nicht sicher, nun fünf Monate nach seinem Tod, alle Vertragsverhältnisse gekündigt zu haben. Immerhin gab es keine weiteren großen Abbuchungen von seinem Konto, das immer noch existiert.
Trotz der Erlebnisse mit der hier nicht genannten Versicherung konnte ich aber unter Vorlage einer Kopie der Sterbeurkunde alles kündigen und bekam dann meist kurzfristig ein Bestätigungsschreiben. Das freundlichste und mitfühlendste - auch wenn es automatisiert war - stammte übrigens von der Gebühreneinzugszentrale (GEZ), die mir sogar einen Teil der bereits gezahlten Gebühren ohne Aufforderung zurückgezahlt hat!

Da mein Vater zuletzt ja in einem Heim lebte, musste der Vertrag, der aufgrund von Mängeln formal nie zustande gekommen ist (in diesem zweiseitigen Rechtsgeschäft nach BGB stand nur drin, was das Heim leistet, aber nicht, welchen Betrag ich zu leisten habe, es fehlte sogar die monatlich zu zahlende Summe darin), aufgelöst werden. Auch das war unter Vorlage der Sterbeurkunde kein Problem. Nur ist Buchhaltung für dieses Heim eindeutig nicht die Kernkompetenz. Wirklich nicht. An seinem Todestag hatte ich seine Sachen dem Heim überantwortet (auch dazu musste ich eine Vollmacht unterzeichnen), sein Radio, seine CDs (die im Heim schon verteilt waren) und ein paar persönliche Dinge und Erinnerungsstücke und seine Papiere aber mitgenommen.

Da er am 31.3. verstorben ist, schickte man mir noch die Rechnung für den April. Das verstehe ich auch, weil die Rechnungen ein paar Tage vor seinem Ableben verschickt wurden. Dazu muss ich bemerken, dass ich mich dem bequemen Abbuchungsverfahren verweigert und jeden Monat den fälligen Betrag nach Vorlage der Rechnung überwiesen habe. Das erwies sich als richtige Maßnahme, offenbarte aber auch eklatante Schwächen an der Buchführung. So war ich im September 2011 in den Urlaub gefahren und hatte vereinbart, den Betrag nach meiner Rückkehr zu überweisen. Der Chef von dem Laden hatte sich das notiert, trotzdem bekam ich eine Mahnung. Die riefen mich sogar an meinem Urlaubsort an und wussten gar nicht, dass ich im Urlaub war. Nebenbei bekam ich auch immer Abrechnungen einer Apotheke, bei der das Heim Medikamente für ihre Bewohner ordern. Das wurde auch erst nach seinem Tod zu einem Problem. Doch erst mal der Reihe nach.

Für den Mai wurde mir dann noch mal eine Rechnung zugestellt und nach einem Anruf im Heim entschuldigte man sich für das Versehen und wies darauf hin, dass die Buchhaltung seinen Tod noch nicht verarbeitet hatte. Okay, ich auch nicht. Doch von Beruhigung keine Spur. Nächsten Monat kam die nächste Rechnung und dieses Mal bin ich dann „ausgerastet“. Angeblich wusste man immer noch nicht, dass mein Vater tot ist, man verlangte die Vorlage der Sterbeurkunde und wollte das Sterbedatum wissen. Da habe ich dann am Telefon durchaus harsche Worte gefunden, aber am Ende war dann auch endlich mal Schluss. Seit dem werde ich nicht mehr behelligt.

Merkwürdig war, dass die besagte Apotheke an seinem Sterbetag noch Medikamente abrechnete. Angeblich sei am Nachmittag für meinen Vater eine Bestellung vom Heim eingegangen, aber da war er schon tot. Insofern weigerte ich mich, diesen Teil der Rechnung zu zahlen, was man fast widerspruchslos hinnahm ... Da kommt man schon auf den Gedanken, ob da nicht auch nebenbei was abgerechnet wird, was die Angehörigen auf den ersten Blick gar nicht mitbekommen.



Viel Arbeit gab es mit seinem Vermieter, der auch der meinige ist, die Genossenschaftsanteile konnten relativ problemlos auf mich übertragen werden, zuvor musste ich aber eine sogenannte Freihalteerklärung unterschreiben, damit im Erbrechtsstreitfall nicht der Vermieter, sondern ich der Ansprechpartner bin. Soweit in Ordnung.

Nun ist es ja so, dass ich Anfang des Jahres seine Wohnung aufgelöst habe, was beim Vermieter auch bekannt war. Damals war man mir ein Stück weit entgegen gekommen und ich konnte einen Monat früher aus dem Mietverhältnis aussteigen.

Als mein Vater gestorben war und ich die Sterbeurkunde vorlegte (man braucht eigentlich gar nicht so viele beim Beerdigungsunternehmer zu bestellen, denn die meisten machen sich nur Kopien), musste ich bei der Genossenschaft viele Papiere unterzeichnen. Darunter auch die Freihalteerklärung.

Nun ist es ja so, dass man auf die Genossenschaftsanteile eine jährliche Dividendenzahlung erwarten kann (sofern eine solche beschlossen wird). Irgendwann bekam ich die Summe und eine Steuererklärung, die mich veranlasste, mal nachzufragen, ob auch die Anteile meines Vaters berücksichtigt wurden. Das war offenbar der Fall.

Ein weiterer Punkt ist die Nebenkostenabrechnung. Meine wurde mir zugeschickt und das Guthaben mit der nächsten Miete verrechnet. Bei meinem Vater war das Mietverhältnis aber inzwischen gekündigt worden, die Anteile aber blieben erhalten. So bekam er ein Schreiben, indem mitgeteilt wurde, dass sein Guthaben auf ein von mir zu benennendes Bankkonto überwiesen werden kann. Leider konnte dieses aus „verwaltungstechnischen“ und „rechtlichen“ Gründen nicht meines sein. Es müsse auf sein Konto überwiesen werden. Dass man das nach seinem Tod nicht anders handhaben kann, halte ich für ein Gerücht. Nun denn, das Konto blieb bestehen, aber das Geld kam nicht. Also rief ich wieder an und bekam mitgeteilt, dass die Freihalteerklärung noch nicht eingegangen sein (die hatte ich schon Anfang April unterzeichnet). Aber man wolle prüfen, wo die „abgeblieben sei“. Wieder vergingen ein paar Wochen und wieder war das Geld nicht auf dem Konto. Vor ca. zwei Wochen habe ich nachgefragt, und siehe da, die Erklärung war plötzlich da. Nur das Geld wurde immer noch nicht überwiesen. Angeblich gibt es jetzt Probleme mit einer neuen Buchführungssoftware. Und, man kann es fast schon raten, ich muss mich wieder an die Genossenschaft wenden und die Zahlung nochmals anmahnen. Und somit kann ich auch immer noch nicht den letzten Schritt unternehmen und Vaters Girokonto auflösen.

Als Fazit aus den Erlebnissen kann ich festhalten: Man muss sich um sehr vieles kümmern und hartnäckig bleiben, sich ggf. fehlende Kenntnisse aneignen (vielleicht helfen meine Erfahrungen ja einigen Lesern in ähnlicher Situation), man bekommt aber auch unerwartet Hilfe von Leuten und Stellen, von denen man es nicht für möglich gehalten hat.

PS: War heute bei der Haspa und konnte endlich, nach ziemlich genau fünf Monaten, den Eingang des Guthabens aus der Nebenkostenabrechnung auf Vaters Konto  feststellen.


PPS: Das Konto meines Vaters habe ich heute Nachmittag löschen lassen, in der Hoffnung, dass nun keine weitere Forderungen mehr gestellt werden und ich dieses persönlich doch sehr belastende Kapitel endlich abhaken kann.

Nachtrag: Eine der diversen Versicherungen meines Vaters, denen eine Kündigung samt Kopie der Sterbeurkunde zugegangen ist (und die den EIngang auch bestätigt hat), fängt nun im Oktober 2012 an, sein inzwischen gelöschtes Konto anzusprechen und den fälligen Beitrag abzubuchen. Daraufhin erhielt mein Vater einen Brief mit dem Hinweis, er möge doch bitte seine neue Bankverbindung mitteilen, weil ihm sonst der Verlust des Versicherungsschutzes droht. Ob man denen mal die Nummer der Grabstätte auf dem Ohlsdorfer Friedhof mitteilt?