Montag, 9. Juli 2012

Das Jahr 1979

Als ich heute die Kurzmeldung twitterte, dass am 8. Juli 1979 die amerikanische Raumsonde VOYAGER 2 beim Jupiter ankam, stellten sich bei mir viele Erinnerungen ein. In dem Jahr kam ich aus der Realschule, hatte die Mittlere Reife in der Tasche und jede Menge Zeit, weil meine Ausbildung erst am 1. Oktober anfing. Aus Rücksichtnahme für diejenigen, die am 1. Juli, mit der Ausbildung anfingen, endete die Schule schon Mitte Juni. So hatte ich dreieinhalb Monate vor mir, aber leider nicht das nötige Geld, um auf Reisen zu gehen (das Thema Reisen war in meiner Familie sowieso nie groß angesagt gewesen).

Was also anfangen mit der vielen Zeit. Erst mal musste ich mich beim Arbeitsamt arbeitslos melden und man wollte mich gleich mal in eine Ausbildungsstätte für drei Monate vermitteln, obwohl ich den Vertrag mit Beginn ab 1.10. schon in der Tasche hatte. Auch sollte ich mich damals umschulen, aber auf was? Offenbar war man wohl etwas verwirrt.

Seit etwa zwei Jahren war ich damals Mitglied der Gesellschaft für volkstümliche Astronomie e.V. und hatte zu Jahresbeginn die Leitung der Sektion Sonne auf Wunsch von Andreas Saul, dem seinerzeitigen Geschäftsführer (der für zwei Jahre auch mal Vorsitzender war) übernommen. Und da lag es nahe, einen Teil der dreieinhalb Monate für die Sonnenbeobachtung zu nutzen.

Die GvA hatte damals in ihren Räumen mehrere Fernrohre, unter anderem einen 70/1000er Refraktor von Kosmos, ein gutes Gerät mit einer extrem schweren Säule, die auf einem runden Fuß saß. So konnte man sie nach draußen rollen. Ein recht stabiler Projektionsschirm verhalf so zu meinen ersten regelmäßigen Sonnenbeobachtungen, da ich zu dem Zeitpunkt noch kein eigenes Fernrohr hatte. Das kam erst sehr viel später. Immerhin kam ich so zu meinen ersten Fernrohrbeobachtungen, bei denen dann und wann auch mal der eine oder andere Kollege aus dem Verein dabei war.

Ende der 70er Jahre war die Sonnenaktivität sehr hoch (das Maximum fand 1980 statt) und so fuhr ich jeden Tag, wenn es klar war, entweder per Fahrrad oder mit dem Bus in den Hamburger Stadtpark (das konnte man damals alles noch ohne Mobiltelefon machen und man musste sich auch zu Hause nicht abmelden und wurde dann auch nicht überwacht oder es wurde nicht nachgefragt, wann man denn nach Hause kam).

Da es hier an bestimmten Tagen auch Veranstaltungen für Schulen gab, „durfte“ ich am Südausgang stehend den Leuten die Sonne am planetariumseigenen Refraktor „vorführen“, der aus Rollen nach draußen geschoben werden konnte (ich weiß gar nicht mehr, welche optischen Maße er eigentlich hatte), und Erklärungen über die „seltsamen dunklen Punkte“ abgeben. Und das zu der Zeit, als auch ein gewisser Herr Kaminski aus Bochum immer wieder Horrormeldungen über den Weltuntergang (jaja, der ist keine Erfindung der 2012er Jünger!) und die Bedrohung des irdischen Lebens durch eine hohe Sonnenaktivität über ein täglich erscheinendes Blatt mit vier Buchstaben verbreitete.

Ich habe die damalige Zeit genossen, war oft tagelang von morgens bis abends im Wasserturm, besuchte in der Pause die vereinseigene Bibliothek und kam so erstmals mit einer Fachzeitschrift namens „Sterne und Weltraum“ in Berührung(die in diesem Jahr 50 Jahre alt wurde), fand Ausgaben von „Sky and Telescope“ vor, oder las in den diversen Blättchen anderer Vereine, zu der dann auch die STERNZEIT gehörte, die es auch heute noch gibt. Ein feines Blättchen im DIN á 5-Format, das mich damals in der „Ära Seidensticker“ immer schon fasziniert hatte.

Damals konnte man im Sommer auch noch zu vernünftigen Zeiten nachts beobachten, denn das Sommerzeitgesetz trat erst ein Jahr später im Kraft. Es wurde also eine Stunde früher dunkel als heute!

Und als „Helferlein“ konnte man dann nebenbei auch öfter mal die Vorträge des Sommerprogramms kostenfrei mit anhören. Für jemanden mit einem nur aus Taschengeld und Zeitungaustragen bestehenden Einkommen eine sehr nützliche Sache. Und wenn es mal keine Sonne zu zeigen gab, half ich eben mit beim Kartenabreißen oder bestätigte mich am Astro-Shop der GvA im Planetarium.

Das Jahr 1979 war aber auch in anderer Hinsicht astronomisch sehr spannend: am 5. März flog VOYAGER 1 am Jupiter vorbei und lieferte erstmals scharfe Bilder des Riesenplaneten zur Erde, ihr folgte am 9. Juli die Raumsonde VOYAGER 2. Am 11. Juli verglühte die Raumstation SKYLAB in der Atmosphäre. Ursprünglich meinte man, dass man damit noch bis 1983 Zeit hätte, aber das Sonnenfleckenmaximum und die erhöhte Strahlungsintensität führten zu einer ausgedehnten Ionosphäre, deren Teilchen die Station abbremsten und sie zur Erde stürzen ließen. Das war damals extrem spannend, der Auftreffpunkt erst nicht ganz klar und so saß man gebannt vor dem Fernseher, zeichnete jede verfügbare Astrosendung auf MusiCassette auf (wer weiß noch, was das mal war?), oder holte sich im Planetarium die neuesten Infos ab. Schließlich ging sie östlich von Perth in Australien im Meer nieder und einige Brocken erreichten auch das Festland und prallten bei Balladonia, einer kleinen, westaustralischen Ortschaft auf den Erdboden nieder.

Damals gab es beim NDR auch eine regelmäßige astronomische Radiosendung, dessen Name mir partout nicht mehr einfallen will, aber der Autor blieb lange Jahre im Gedächtnis haften: Joachim W. Ekrutt, bekannt über sein kleines, auch heute noch gerne gelesenes Meteoritenbüchlein oder die Geschichte der Kalender. Er war interimsmäßig vor Prof. Dr. Erich Übelacker auch mal für kurze Zeit Leiter des Hamburger Planetariums. Auch konnte ich damals einige interessanten Schulfunksendungen des NDR, etwa über die VOYAGER-Sonden, oder die Entdeckung der Kleinplaneten, aufnehmen. Leider haben diese Cassetten es nicht bis in die heutige Zeit geschafft, die Bänder waren irgendwann mal ausgeleiert (vor allem die 120er Cassetten überlebten das mehrmalige abspielen oft nicht, weil das Band zu dünn war).

Damit war das aufregende Jahr aber noch nicht zu Ende, denn am 1. September flog die Raumsonde PIONEER 11 am Saturn vorbei. Und wieder wurde es spannend am TV, am Radio und natürlich im Planetarium.

Als dann meine Ausbildung am 1. Oktober anfing, war es nicht nur vorbei mit der schönen Zeit, denn der sogenannte „Ernst des Lebens“ begann und der bedeutete jede Menge Verzicht auf Planetariumsbesuche und meine inzwischen geliebten  Sonnenbeobachtungen, was am meisten schmerzte (und was auch in letzter Konsequenz dazu führte, dass ich mein Amt als Sektionsleiter wieder aufgab).

Da damals das Internet noch eine rein militärische Angelegenheit und eher noch im Versuchsstadium war, konnte man sich keine aktuellen Informationen holen, wenn man nicht selber beobachtete. Die gab es erst im Nachhinein durch die Zeitschrift SONNE, die im Planetarium an der gleichen alten Druckmaschine hergestellt wurde, die der Sternkieker, die Vereinszeitschrift der GvA. Auch das war immer eine tolle Sache: Man traf sich zumeist samstags nachmittags und durfte in dem viel zu engen und viel zu heißen das Heft zusammenlegen und sich sein eigenes Exemplar mit nach Hause nehmen. Das sparte Portokosten für den Verein, brachte nur regelmäßig Ärger mit der Post, wenn man mit den Heften die umliegenden Briefkästen randvoll auffüllte.

Meine Sonnenbeobachtungen konnte ich erst irgendwann 1980 wieder aufnehmen, zunächst mit  einem alten Feldstecher. Meine Eltern hatten seinerzeit nur ein geringes bis kaum vorhandenes Verständnis für mein Hobby und mein erstes Fernrohr, einen 60/910er Refraktor, konnte ich mir erst Mitte der 80er zulegen und darüber gab es dann einen ziemlich heftigen Streit … aber das ist ein ganz anderes Thema. Und während andere schon an eigenen Instrumenten beobachteten, war man in meiner Familie der Ansicht, dass man in der Ausbildung kein Hobby haben dürfte und so schliefen meine Aktivitäten erst einmal fast vollständig ein, doch das aufregende Jahr 1979 und sein „astronomischer“ Sommer konnte mir niemand mehr nehmen.

Mittwoch, 4. Juli 2012

Thomas Jefferson Jackson See (19.02.1866-04.07.1962)

See war ein ungewöhnlicher amerikanischer Astronom mit einer schon beinahe tragisch zu nennenden Biografie. Am 19. Februar 1866 nahe Montgomery City im US-Bundesstaat Missouri geboren, waren seine astronomsichen Hauptarbeitsgebiete die Themen der klassischen Astronomie: Entdeckung und Vermessung von Doppelsternen, die Bestimmung von Position und Größe von Planeten und Monden des Sonnensystems.

Zur tragischen Figur wurde er durch die Berechnung eines 9. Planeten hinter dem Neptun und drei weiteren Objekten in der Region, um die Schwankungen in der Bahn des 8. Planeten zu erklären. Die Suche nach den Transneptunen blieb erfolglos, was See aber nicht davon abhielt darüber, und zu anderen, auch fachfremden Wissenschaftszweigen, eine Vielzahl von Abhandlungen zu verfassen. Das machte ihn zwar in der Öffentlichkeit bekannt und beliebt, doch er isolierte sich damit zunehmend von seinen eigentlichen Fachkollegen. Dabei sah es bei ihm zunächst nach einer typischen Wissenschaftlerkarriere aus. Nach dem Studium von Astronomie und Physik an der Universität zu Berlin erhielt er den Doktortitel und kehrte danach in die USA zurück, wo er gleich eine Anstellung an der University of Chicago erhielt. Er trat als glänzender Beobachter hervor und ging 1896 an das Lowell-Observatory und machte auch dort durch herausragende Beobachtungsergebnisse von sich reden. Doch kamen bald Zweifel an seiner Glaubwürdigkeit auf, etwa als er bei 70 Ophiuchi meinte, einen dritten, unsichtbaren Himmelskörper - heute würde man Exoplaneten dazu sagen – gesehen zu haben.

Die veröffentlichten Daten wurden aber alsbald in Zweifel gezogen, vor allem durch den Doktoranden Forest Ray Moulton, worüber beide in einen heftigen Streit gerieten. Dieser endete erst, als die Herausgeber des Fachmagazins „Astronomical Journal“ See eine Rüge erteilten und sich künftig weigerten, Artikel von ihm zu veröffentlichen. See fand Ersatz in den „Astronomischen Nachrichten“, dessen Herausgeber er seit seiner Berliner Uni-Zeit gut kannte. Doch wurden die Themen immer seltsamer, so entwickelte er eine Theorie, wonach Sonne und Planeten getrennt voneinander entstanden und die proplanetare Gaswolke von der noch jungen Sonne eingefangen wurde. Eine andere Theorie aus dem Jahr 1906 brachte Erdbeben in Zusammenhang mit der Entstehung von Bergen und Ozean – was schon damals als falsch und veraltet galt -, aber See nicht von dieser Idee abbrachte, die er dann auch auf die Entstehung von Planeten ausdehnte. Doch statt seine Arbeiten auf ein wissenschaftliches Fundament zu stellen, behauptete er bei allen Veröffentlichungen immer wieder, dass er weiter sei, als alle anderen, und man ich deswegen auch nicht verstehen kann.

So veröffentlichte er seine Artikel in zunehmendem Maße auch ohne mathematische Grundlagen, sondern rein argumentativ. Viele heutige Verschwörungstheoretiker verfahren nach der gleichen Methode und bringen Argumente vor, die oft jeglicher Grundlage entbehren. See, immer noch am Naval Observatory in Washington beschäftigt, driftete immer mehr in eine nicht-wissenschaftliche Gedankenwelt ab, veröffentlichte 1910 ein 735seitiges, auf eigene Kosten gedrucktes Buch, in dem er munter Hypothesen zur Entstehung des Sonnensystems, Aufbau der Milchstraße, die Entstehung von Sternen oder über das Leben auf fremden Planeten fabulierte. Darin behauptete er auch, der Mond sei weit draußen im All entstanden und dann von der Erde eingefangen worden. Das Buch fand in der Öffentlichkeit eine weite Verbreitung, war wissenschaftlich aber nicht anerkannt. Trotzdem zog er durch Vorträge und andere öffentliche Darstellungen das Publikum in seinen Bann.

1913 erschein über ihn eine Biografie von William Webb. Offenbar ein Pseudonym, unter dem er das Buch selber geschrieben hatte und worin er behauptete, die Vorsehung hätte ihn dazu auserkoren, der beste Astronom der Welt zu sein, der schon im zarten Alter von zwei Jahren über die Entstehung des Sonnensystems nachgedacht hatte. So verstieg er sich immer mehr – fast schon pathologisch – in eine Art Scheinwelt und glitt nicht nur durch eine neue, völlig absurde „Äthertheorie“ als Gegenmodell zu Einsteins Allgemeiner und spezieller Relativitätstheorie in die Pseudowissenschaft ab. Die Schrift war teilweise ein Plagiat und völlig wirr in der Argumentation. See selber sah darin aber eine einfache Erklärung des gesamten Universums.

Bis zu seinem Tode am 4. Juli 1962 in Oakland, Kalifornien, – im hohen Alter von 96 Jahren – veröffentlichte er noch weitere 11 Bücher zu oft obskuren Themen, wurde aber von seinen ehemaligen Kollegen völlig ignoriert, die nicht mal mehr seine Briefe beantworteten und auch nicht mehr mit ihm zu tun haben wollten.