Mittwoch, 29. Februar 2012

29. Februar 2012: 108. Todestag von Henri Joseph Perrotin

Auf der Suche nach Geburts- oder Todestagen von Astronomen in wikipedia für den 29. Februar – den es bekanntlich nur in Schaltjahren gibt – stieß ich auf den hier zu würdigenden französischen Astronomen. In der Tat war die wiki-Liste nicht sonderlich lang und Perrotin darin als einziger Himmelsforscher verzeichnet.

Perrotin wurde am 19. Dezember 1845 in Saint-Loup (Tarn et Garonne) als Sohn eines Telegraphenbeamten geboren. In Pau besuchte er das Lyzeum – seit 1793 eine katholische Bildungseinrichtung -, und studierte danach an der Universität zu Toulouse Mathematik und Astronomie. Seine große beobachterische Begabung wurde alsbald von  François Félix Tisserand (1845-1896), damals (ab 1868) bereits Direktor der Sternwarte in Toulouse, später an der Pariser Sternwarte tätig – erkannt. 1873 wurde er zunächst Hilfsastronom, danach Assistent. 1879 errang Perrotin an der Pariser Universität die Doktorwürde in Mathematik mit einer Arbeit über den Kleinplaneten Vesta.

Auf der Toulouser Sternwarte verfeinerte Perrotin in den Folgejahren seine Fähigkeiten als Beobachter, was sich auch in zahlreichen Veröffentlichungen in den Comptes Rendus, den Astronomischen Nachrichten sowie den Annalen der Sternwarte widerspiegelte. In schöner Regelmäßigkeit betätigte er sich beim Zählen der Sonnenflecken, Jupiter- und Saturnmonde, deren Ergebnisse er regelmäßig publizierte. Besonderes Augenmerk legte er auch auf die Beobachtung von Kleinplaneten, von denen er insgesamt 6 entdeckte:

19.05.1874: (138) Tolosa
21.09.1875: (149) Medusa
26.04.1876: (163) Erigone
10.01.1877: (170) Maria
29.01.1878: (180) Garumna
11.01.1885: (252) Clementina

Quelle: wikipedia 

Über den Dächern von Nizza wurde 1879 auf dem 372m hohen Mont Groz auf Betreiben des einflussreichen und vermögenden Bankiers Raphaël Bischoffsheim der Bau einer Sternwarte vorangetrieben. Dieses Observatorium besteht bis heute und gilt als die älteste Bergsternwarte Europas und die erste, die seit dem ununterbrochen in Betrieb ist, mittlerweile aber nicht mehr wissenschaftlich genutzt wird. 1988 wurde es mit dem Observatoire de Calern zum Observatoire de la Côte d'Azur zusammengelegt.

Tisserand berief Perrotin mit der Aufgabe, das neue Observatorium mit Teleskopen und Hilfsmitteln auszustatten und unter der Aufsicht des Bureau de Longitudes zu führen. Da der neue Arbeitsvertrag für Perrotin ab dem 1.1.1881 galt, besuchte er im Jahr zuvor viele europäische Sternwarten – unter dem Titel „Visite á divers observatoire d`Europe“ wurden seine Eindrücke in Paris veröffentlicht. Im August 1881 beschaffte er einen von J. von Gautier entworfenen Meridiankreis mit 0,07 mm Öffnung, den er sogleich für die Längenbestimmung zwischen Paris, Nizza und Mailand nutzte – als Mathematiker war er prädestiniert für diese Aufgabe. Später bestimmte er hiermit die genaue Länge der neuen Nizzaer Sternwarte.

Da sich die endgültige Fertigstellung der von ihm gewünschten Teleskope mehr und mehr in die Länge zog, bemühte er sich um die Teilnahme an einer der acht von der französischen Regierung geplanten Expeditionen zur Beobachtung des Venusdurchgangs vor der Sonne am 6. Dezember 1882. Er leitete die Gruppe Astronomen, die das Ereignis am Rio Negro in Patagonien mit großem Erfolg beobachteten.

In die Heimat zurück gekehrt, wurde im Februar 1883 das erste Beobachtungsinstrument, ein  38 cm-Äquatoreal, angeliefert. Dem folgten zwischen 1886 und 1887 das große 75cm-Äquatoreal, der Brunnersche Meridiankreis mit 0,20 cm Öffnung und schließlich 1892 das Coudé-Äquatoreal mit 40 cm Öffnung. Davon kann heute noch das große Teleskop mit 75cm-Öffnung unter der 26m-Kuppel bewundert werden.

Die Zeit bis zur Installation des 75cm-Äquatoreals verbrachte Perrotin mit der intensiven Beobachtung von Doppelsternen, Planeten und Kometen, mit dem großen Instrument ging er daran, planetare Oberflächendetails zu studieren, wobei Mars und Jupiter im Vordergrund standen. Um nicht instrumentell bedingten Fehleinschätzungen zu unterliegen, wechselte er zwischen verschiedenen Teleskopen hin und her und beobachtete – sofern möglich – auch zu unterschiedlichen Tages- oder besser Nachtzeiten. Deshalb beobachtete er Venus auch häufig an einer Außenstation auf dem Mont Mounier in 2741 m Höhe über See.

1895 nahm er erneut an einer Längenbestimmung zwischen Nizza und Korsika teil und nahm danach eine ganze Reihe grundlegender Arbeiten in Angriff. Eine davon war die im Jahr 1900 auf der Pariser Konferenz beschlossene systematische Beobachtung von (433) Eros und hieraus nach Fizeau und Cornu die Lichtgeschwindigkeit zu bestimmen. Hierzu wurden zwei Stationen in 12 und 45 km Entfernung zur Sternwarte Nizza genutzt. Eine geplante Erweiterung um eine Beobachtungsstation auf Kosrika kam aber nicht mehr zustande.

Von 1887 bis 1900 stellte Perrotin die Annalen seiner Sternwarte zusammen. Der erste Band erschien aber erst 1899 und enthielt eine Beschreibung der Sternwarte. In den folgenden Jahren erschienen weitere Bänder, die meteorologische, magnetische und astronomische und Arbeiten zur Bestimmung der Lichtgeschwindigkeit enthielten.

Perrotin wurde vielfach für seine Arbeiten ausgezeichnet, so erhielt er 1875 und 1884 von der Französischen Akademie der Wissenschaften den Lalandeschen Preis. 1892 ernannte man ihm zum Korrepondenten der Pariser Sternwarte und 1894 Korrepondent des Bureau de Longitudes.

Am 29. Februar 1904 verstarb Perrotin plötzlich und unerwartet auf „seiner“ Sternwarte, dem Observatorium zu Nizza.

Montag, 13. Februar 2012

75. Geburtstag von Sigmund Jähn

Es war der Kalte Krieg, der ihn nicht zum ersten Deutschen im All machte, obwohl er der erste war. Bis in die Zeit nach der Wiedervereinigung Deutschlands am 3. Oktober 1990 musste der am 13. Februar 1937 in Morgenröthe-Rautenkranz im Vogtland geborene Sigmund Jähn auf diese Anerkennung warten. Bis dahin galt der bundesdeutsche Astronaut Ulf Merbold, der vom 28. November bis zum 8. Dezember mit der Raumfähre COLUMBIS (OV-102) im Rahmen der D1-Mission in der Erdumlaufbahn war, als erster Deutscher im All. Zwischen den beiden deutschen Raumfahrern gab es diese Rivalität aber gar nicht und beide wussten, wer der erste Deutsche im All war.

Nach einer Karriere als Kosmonaut sah es bei Sigmund Jähn hingegen zunächst nicht nach einer Weltraumkarriere aus, denn nach der DDR-Volksschule wurde er von 1951 bis 1954 zum Buchdrucker ausgebildet und war anschließend Leiter der „Pionierorganisation Ernst Thälmann“ in Hammerbrücke in der heutigen Gemeinde Muldenhammer im Vogtland. Zum 1. April 1955 wurde er von der „Kasernierten Volkspolizei“, dem Vorläufer der Nationalen Volksarmee der DDR, nach Preschen eingezogen und leistete seinen Wehrdienst bei der „VP-Luft“, der späteren Luftwaffe ab. Das war für ihn der Einstieg in die militärische Laufbahn. Nach der Grundausbildung kam er 1956 an die Fliegerschulen in Bautzen und Kemenz, wo er zum Piloten ausgebildet wurde, kehrte er 1958 zum Jagdfliegergeschwader 8 nach Preschen zurück. 1960 wurde das Geschwader nach Marxwalde verlegt und von 1961 bis 1963 war er dort „stellvertretender Kommandeur für Politarbeit“. Nach weiteren militärisch-politischen Aufgaben bot sich ihm die Gelegenheit für ein zweites Studium an der Militärakademie der sowjetischen Luftstreitkräfte „J.A. Gagarin“ in Monino in der Nähe von Moskau, während dem er auch im Sternenstädtchen, der Kosmonauten-Ausbildungszentrum der Sowjetunion, verweilte. Von 1970 bis 1976 war er dann Inspekteur für die Jagdfliegerausbildung und Flugsicherheit im Führungsstab der NVA-Luftstreitkräfte.

Bereits im Jahr 1967 hatte die Sowjetunion das Interkosmos-Programm aufgelegt, bei dem es zunächst nur darum ging, eigene Spitzentechnologie in das offizielle Raumfahrtprogramm zu integrieren und dadurch auch Synergieeffekte zu erzielen, Ergebnisse der Wissenschaft in aktuelle Entwicklungen einfließen zu lassen. Das Interkosmos-Programm diente vordergründig und vor der Weltöffentlichkeit ausschließlich rein wissenschaftlichen Zwecken (wie viel davon später militärisch genutzt oder im Auftrag der Roten Armee entstanden, ist bis heute unklar). Der Erfolg der ersten Jahre führte dazu, dass nicht nur Wissenschaftler und Techniker der UdSSR mit einbezogen wurden, man dehnte Interkosmos auch auf andere sozialistische und befreundete Staaten wie Frankreich, Polen, Bulgarien, Vietnam, Kuba, die Mongolei oder Afghanistan aus. In den 70ern wurde dann auch die DDR Teil des Interkosmos-Programms und so kam Sigmund Jähn im Sommer 1976 zusammen mit drei weiteren Bewerbern (Eberhard Köllner, Rolf Berger, Erhard Golbs) in die engere Wahl (sie waren von insgesamt 30 Mit-Kandidaten übrig geblieben). Schließlich wählte man ihn und seinen Fliegerkosmonauten-Kollegen Eberhard Köllner (geboren am 29. September 1939 in Staßfurt) für die Ausbildung zum Forschungskosmonauten aus. Köllner sollte aber nur der Ersatzmann für Jähn sein, falls dieser ausfallen würde.

Beide absolvierten im Sternenstädtchen bei Moskau ihre gleiche Kosmonautenausbildung, doch Jähn hatte, wohl wegen seiner besseren Russischkenntnisse aus der Zeit an der an der sowjetischen Militärakademie, die Nase vorn.

Da die Kapsel der SOJUS-Raumschiffe nur zwei Kosmonauten aufnehmen konnte, musste Jähn einem Missionskommandanten zugeteilt werden. Zunächst sollte dies Alexej Leonow sein, der 1965 an Bord von Woschod-2 den ersten Weltraumspaziergang unternommen hatte. Später wurde dies aber Waleri Bykowski, Leonows Partner und Ersatzmann bei früheren Missionen.

Am 26. September 1978 war es dann nach harten Trainingsmonaten endlich soweit: Auf dem Kosmodrom in Baikonur starteten Bykowski und Jähn mit der SOJUS-31 zur sowjetischen Raumstation SALJUT-6, die vom 29. September 1977 bis zum 19. Juli 1982 die Erde umrundete. Auf der SALJUT-6 trafen sie auf Wladimir Kowaljonok und Alexander Iwantschenko, die seit Juni 1978 im Orbit waren (und erst am 2. November 1978 wieder zur Erde zurück kehrten).

Die Mission von Sigmund Jähn an Bord von SALJUT-6 war, wie die anderer Teilnehmer am Interkosmos-Programm, in erster Linie propagandistisch, obwohl er durchaus einige gewichtige wissenschaftliche Aufgaben zu erfüllen hatte. Über allem stand die (angeblich) erstmalige Anwendung der Multispektralkamera MKF-6 zur Erdfernerkundung vom Weltraum aus. Gebaut vom Kombinat Carl Zeiss Jena und dem Institut für Elektronik der Akademie der Wissenschaften der DDR, tastete sie mit sechs verschiedenen Pinatar 4,5/125-Objektiven einen Bereich von 225 km Breite x 155 km Länge mit einer Auflösung von 15 bis 20 m in sechs Farbkanälen ab. Erstmalig kam sie aber schon vor diesem Raumflug im Weltraum zum Einsatz: Sie flog mit der SOJUS-22 mit und wurde später mehrfach auf SALJUT-6, SALJUT-7 und der MIR - in freilich ständig verbesserten Versionen - im Einsatz. Für die DDR-Wissenschaftler bedeutete der erfolgreiche Einsatz dieser Kamera den Einstieg in weitere technologische Entwicklungen und so konnten verschiedene Instrumentierungen, die an mehreren wissenschaftlichen Standorten in der DDR entwickelt worden waren (auch Weiterentwicklungen der MKF-6 waren darunter), bei sowjetischen Weltraummissionen eingesetzt werden: 1983 bei Venera 15/16 ein Infrarot-Fourier-Spektrometer zur Erforschung der Atmosphäre der Venus sowie mehrere Geräte für die Marssonden Vega-1 und Vega-2 zum Mars, 1988/89 bei der sowjetischen PHOBOS-Mission. Auf MARS 96 kam dann ein auf der MKF-6 basierendes, fortentwickeltes Kameramodell (WAOSS) zum Einsatz.

Sigmund Jähn unternahm während seiner Weltraummission insgesamt 125 Erdumkreisungen und war neben den wissenschaftlich-technischen Experimenten mit der MKF-6 mit Versuche zur Materialkunde, Kristallisation und Re-Kristallisation, Züchtung von Monokristallen, Experimenten zur Medizin und Schwerelosigkeitsforschung (Auswirkungen auf das Sprachvermögen), Arbeitspsychologie, dem Hörempfinden an Bord der Raumstation, biologischem Zellwachstum und vielem anderen beschäftigt.

Legendär waren die Fernsehübertragungen aus der Umlaufbahn, die natürlich in der DDR medienmäßig voll ausgeschlachtet wurden (das war bei Merbold in der Bunderepublik aber nicht wesentlich anders). Die Puppenhochzeit im Weltraum zwischen dem DDR-Sandmännchen und der UdSSR-Puppe Mascha entlockt einem heute durchaus noch ein Lächeln … Aus dieser Zeit stammt auch das berühmte Jähn-Zitat: „Liebe Fernsehzuschauer der Deutschen Demokratischen Republik. Ich bin sehr glücklich darüber, als erster Deutscher an diesem bemannten Weltraumflug teilnehmen zu dürfen.“

Bykowski und Jähn kehrten schließlich am 3. September mit der SOJUS-29 zurück, die Monate zuvor die beiden Kosmonauten Wladimir Kowaljonok und Alexander Iwantschenko zur Raumstation gebracht hatte. Die SOJUS-31 verblieb gekoppelt an der Raumstation. SOJUS-30 hatte vom 27. Juni bis zum 5 Juli den Kosmonauten Waleri Kubassow und Zenon Jankowski aus Polen als Vehikel zur SALJUT-6 gedient.

Die Landung von SOJUS-31, 140 km östlich von Schesqasghan in Zentral-Kasachstan, endete beinahe in einer Katastrophe. Die Kapsel setzte sehr hart auf wurde aufgrund des nicht ausklinkbaren Fallschirms über die Steppe Kasachstans geschleift. Dies führte bei Sigmund Jähn zu einer lebenslangen Wirbelsäulenverletzung, die lange Zeit geheim gehalten wurde. Die Kapsel befindet sich heute übrigens im Militärhistorischen Museum der Bundeswehr in Dresden.

Nach seiner Rückkehr in die DDR wurde Sigmund Jähn mit den Orden „Held der Arbeit“ und „Held der Sowjetunion“ sowie als „Fliegerkosmonaut der Deutschen Demokratischen Republik“ ausgezeichnet. Im Bereich der Berliner Archenhold-Sternwarte wurde eine Büste Jähns aufgestellt, mehrere Einrichtungen der DDR sowie ein Schiff der Handelsflotte erhielten seinen Namen. 1979 wurde an seinem Geburtsort Morgenröthe-Rautenkranz ein heute noch existierendes und viel besuchtes Museum eingerichtet, das 1991/92 und zuletzt 2007 stark erweitert wurde.

Überdies wurde Jähn 1978 zum Oberst befördert und zum stellvertretenden Leiter des „Zentrums für Kosmische Ausbildung bei der DDR-Luftwaffe ernannt. Schon ein Jahr später wurde er der Leiter der Einrichtung, der er bis 1990 vorstand. 1983 promovierte er am „Zentralinstitut für Physik der Erde“ in Potsdam mit einer Arbeit über seine wissenschaftlichen Arbeiten auf der Raumstation SALJUT-6. Am 1. März 1986 ernannte ihn die Luftwaffenführung zum Generalmajor. Seit seiner Entlassung aus dem Dienst der Nationalen Volksarmee am 2. Oktober 1990 ist er freier Berater im russischen Sternenstädtchen für die dort trainierenden und eingesetzten deutschen Astronauten. 1993 wurde dies auf alle ESA-Astronauten ausgedehnt.

Sigmund Jähn, über den 2008 eine sehr lesenswerte Biografie unter dem Titel „Rückblick ins All – Die Biografie des ersten deutschen Kosmonauten“ von Horst Hoffmann erschienen ist, wird am heutigen 13. Februar 2012 75 Jahre alt.