Montag, 5. November 2012

Tagung der Astronomiehistoriker in Jena


Die 9. Fachtagung der VdS-Fachgruppe „Geschichte der Astronomie“ führte uns in diesem Jahr ins thüringische Jena, einem Mekka für Astronomen. Nur zwei Wochen nach meinem Kirchheim-Urlaub stand damit ein zweiter Termin in Thüringen an: das VdS-Geschichtstreffen vom 2. bis 4. November 2012.

Ein Zimmer im Hotel Thüringer Hof war bereits im September gebucht worden und so ging es morgens um 8 Uhr aus Hamburg los. Nach fünf Stunden Fahrt durch zahllose, nicht enden wollende Baustellen und ständige Geschwindigkeitsbegrenzungen kam ich endlich an und hatte nicht so sehr viel Zeit, um mich zu akklimatisieren, denn schon um 15 Uhr stand eine Besichtigung des Optischen Museums auf dem Programm. Mein Hotel lag so günstig, dass ich alle Treffpunkte zu Fuß erreichen konnte und nicht erst nach Parkplätzen in der Jenaer City suchen musste.

Rund um das Museum traf man alsbald auf die ersten Teilnehmerinnen und Teilnehmer und im Foyer des Hauses am Carl-Zeiss-Platz versammelten wir uns dann. Das Optische Museum war im Juni 1922 von der Carl Zeiss-Stiftung gegründet worden, kam während des Zweiten Weltkrieges auf dem Gelände der Jenaer Zeiss-Werke unter, wurde nicht, wie dieses erst von den Amerikanern und dann von der sowjetischen Besatzungsmacht demontiert, dennoch aber erst 1965 wieder der breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Seit Juni 1992 gehört das Museum zur Ernst-Abbé-Stiftung und 2002 kam aus dem benachbarten Volkshaus dann noch die Zeisssche Werkstatt ins Museum. Daher wundert es auch nicht, dass am Beginn der Führung in das Leben von Carl Zeiss (1816-1888) und Ernst Abbé (1840-1905) eingeführt wurde. 

Abbé-Büste im Mausoleum gegenüber dem Museum
Wir kamen an frühen Entwicklungen wie Brillen vorbei und landeten schließlich in der Astroabteilung, die jede Menge Ferngläser und Hilfsteleskope enthielt und wo fünf historische Fernrohre ausgestellt sind. Im weiteren Verlauf kamen wir dann auch in den Bereich der Planetariumsentwicklung mussten aber schon an den nächsten Termin denken.

Das Optische Museum in Jena
Die kompetente und sehr interessante Führung durch die Leiterin des Museums, Karin Djudjenow, hätte noch stundenlang weitergehen können, doch um 16:45 Uhr begann schon die Stadtführung durch Reinhard Schielicke. Treffpunkt war an der Südfassade der Stadtkirche, wo wir auf zwei Sonnenuhren aufmerksam gemacht wurden. Danach ging es ein paar Schritte bis zum Markt, wo wir am Denkmal des Kurfürsten Johann Friedrich I. (der Großmütige) von Sachsen (1503-1554) Halt machten, der erst die Hohe Schule zu Jena gründete, die dann 1558 von Kaiser Ferdinand I. (1503-1564) in den Rang einer Universität erhoben wurde. Seit dieser Zeit war die Astronomie ständiges Lehrfach an der Jenaer Uni. Von dort aus waren es nur wenige Schritte bis zum Zisterzienserkloster Jena (Collegium Jenense), das an der Gründung der Universität maßgeblich beteiligt war, einen Großteil des akademischen Unterrichts mitgestaltete, viele astronomische Schriften aufbewahrte und auf dessen Dach die erste Sternwarte Jenas errichtet wurde. Als nächsten Punkt liefen wir die „Volkssternwarte Urania Jena e.V.“ an, von der wir aber nur wenig sahen, da mittlerweile die Dämmerung in die Nacht übergegangen war und wir die Räume nicht betreten konnten.

Nach annähernd drei Stunden Führung und zuletzt bei unangenehmer Feuchtigkeit macht sich bei mir und bei Jürgen Prahl, der ebenfalls aus Hamburg angereist war, starker Durst bemerkbar und so verließen wir die Führung, um erst einmal den Flüssigkeitshaushalt zu regulieren. Danach gingen wir zum gemütlichen Teil im Altdeutschen Haus „Roter Hirsch“ über, wo wir den Abend mit interessanten Gesprächen zu Ende brachten.


Für den Samstag sah das Programm einen Vortragsstag im Hörsaal des Museums – er gehört eigentlich zur Friedrich-Schiller Universität – vor.

Warten auf den ersten Vortrag
Im ersten Beitrag ergänzte Reinhard Schielicke seine fachkundige Führung vom Vorabend um das Thema „450 Jahre Astronomie in Jena“, ging zunächst der Frage nach, warum man sich – auch universitär – überhaupt mit Astronomiegeschichte befassen sollte und stellte ausführlicher die Gründungsrektoren der Hohen Schule Johann Stigel (1515-1562) und Victorin Strigel (1524-1569) sowie namhafte Forscher, die die Astronomie in Jena maßgeblich mitgeprägt haben, vor. Darunter Erhard Weigel (1625-1699), der das Observatorium auf dem Collegium Jenense erbaut hatte, das dann später von Georg Albrecht Hamberger (1662-1716) umgestaltet worden war sowie Carl August, Großherzog zu Sachsen-Weimar-Eisenach (1757-1828), Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) und Franz Xaver von Zach (1754-1832). Aus der neueren Zeit sind zu nennen Ernst Abbés Wirken als Direktor der Jenaer Sternwarte, die Gründung der Astronomieabteilung im Zeiss-Werk 1897 sowie der Planetariumsbau in den Zeisswerken, die 1905 bereits ein erstes Werkmodell fertig gestellt hatten.


Der zweite Vortrag, gehalten von Klaus-Dieter Herbst, knüpfte daran an und widmete sich der Disputation Erhard Weigels über die Sonnenfinsternis von 2./12. August 1654 (die Datumsunterschiede ergeben sich aus dem jeweils verwendeten Kalender). Wie der Referent anhand wunderschöner Beispiele darlegen konnte, bestand seinerzeit eine regelrechte Panik, die durch den Gedanken an den nahen Weltuntergang – fast so wie bei den zahllosen Weltuntergangsfantasien zum 21.12.2012 – genährt wurde. Man sah die Finsternis als Vorbote zum Tag des jüngsten Gerichts und selbst die Universitäten konnten trotz angebotener Hilfen und Vorträge dem Geschehen keinen Einhalt gebieten, zumal man sich das Zustandekommen von Finsternissen nicht erklären konnte und so standen vor allem moralische Gründe als Ursache für das Ereignis im Vordergrund. Immerhin stellte Weigel in seiner Schrift eine erstaunlich modernes Modell der Eklipse vor und berechnete sogar den kompletten Finsternisverlauf. So enthielt seine Disputation die weltweit erste Darstellung einer Finsternis auf der Erdkugel!


Mechthild Meinike vom Planetarium Merseburg nahm die Teilnehmer danach mit auf eine Reise in die ferne Vergangenheit der Astronomie, nämlich zur archäologischen Untersuchung des Kreisgrabenanlage in Pömmelte-Zackmünde. Nach dem Sonnenobservatorium Goseck wurden weitere ähnliche Anlagen in Mitteldeutschland untersucht (teilweise erst durch Luftbildarchäologie entdeckt), nur ist die Bedeutung der Anlagen nicht immer so klar festzulegen, wie in Goseck. In Pommelte-Zackmünde führte die Bedeutungsuntersuchung mit astronomischem Hintergrund in die Sackgasse, denn diese lässt sich nur an wenigen Punkten festmachen, wobei bei anderen wiederum nichts festzustellen ist. Diese Anlage gibt noch sehr viele Rätsel auf. Man weiß, dass es mehrere Bauphasen gab, dass die Anlage etwa 800 Jahre lang genutzt wurde, aber es ist nach wie vor vollkommen unbekannt, zu welcher Zeit welcher Teil der Anlage wie genutzt wurde.

Jürgen Reichert nutzte die Zeit bis zur Pause für einen Aufruf für ein Projekt zur Übersetzung der Rudolfinischen Tafeln ins Deutsche. Sie beinhalten eine Zusammensellung der Vorhersage von Planetenbewegungen durch Tycho Brahe (1546-1601), die durch Johannes Kepler (1571-1630) fortgeführt wurden.

Die Mittagspause führte Jürgen und mich in eine Pizzeria in der Goethe-Galerie, wo wir zunächst an einem hier ausgestellten alten Planetariumsprojektor vorbei musste (in Jena findet man eben an jeder Ecke was über Astronomie).

Planetariumsprojektor "Keule" in der Goethe-Galerie
Im ersten Vortrag nach der Mittagspause stellte die Literaturwissenschaftlerin Laetitia Rimpau „Das Literarische in Keplers Denken“ vor. Als naturwissenschaftlich geprägter Mensch hatte man schon ein wenig Schwierigkeiten, den Gedankengängen zu folgen. Dennoch war hochspannend zu sehen – und nur wenig erforscht – wie Kepler zu seinem Weltbild kam. Er war nicht nur Naturwissenschaftler, sondern auch Humanist und Dichter. Und gerade seine Werke, wie das Somnium, wurden entweder noch nicht oder nicht vollständig ins Deutsche übersetzt und so weiß man heute kaum etwas darüber, wie der Naturwissenschaftler den Dichter oder der Dichter den Naturwissenschaftler beeinflusst hat. Kepler berichtete auch von Träumen, die er gehabt hat, in der die muse astronomia eine starke Rolle spielte. So fehlt in der Gesamtausgabe von Keplers Werken nach wie vor eine literaturwissenschaftliche Betrachtung des Somniums, das auch als erste Science-Fiction-Erzählung bezeichnet wird und von einer fiktiven Reise Mond un den rückwärtigen Blick zur Erde handelt. Besonderes Augenmerk wurde auf Keplers Idyllion gelegt, das bislang noch nicht aus dem Lateinischen ins Deutsche übertragen wurde, und das Einblicke in Keplers Arbeit gewährt, die weitgehend unbekannt sind.

Zeitlich etwas näher war das nächste Thema von Petra Meyer über die „Geschichte der Radioastronomie“ von ihren Anfängen bei James Clark Mexwell (1831-1879), der Entdeckung der Radiostrahlung durch Heinrich Hertz (1857-1894), die Entdeckung der Radiostrahlung aus dem galaktischen Zentrum durch Karl Jansky (1905-1950), die Arbeiten Grote Rebers (1911-2002) und die Entdeckung der ersten Pulsare 1967 bis hin zu heutigen Very Long Baseline Arrays.

In Gedenken an Prof. Dr. Hilmar Willi Duerbeck (1948-2012), der auch Mitglied der Fachgruppe Geschichte der Astronomie der VdS war, wurde vom Auditorium an dieser Stelle eine Schweigeminute eingelegt.

Im letzten Beitrag vor der Kaffeepause nahm sich Regina Umland Leben und Wirken Giordano Brunos (1548-1600) vor, der am 17. Februar 1600 in Rom auf dem Scheiterhaufen verbrannt worden war. Die katholische Kirche hatte das gegen Bruno wegen Ketzerei und Magie verhängte Urteil zwar im Jahr 2000 als falsch eingestuft, ihn jedoch nicht rehabilitiert. Bruno selbst war DominikanerPriester und hatte immer wieder gegen die Kirche opponiert. Auf einer langen Reise, die 1577 begann und ihn an verschiedene europäische Städte und Universitäten führte, sammelte er viele Erkenntnisse und veröffentlichte beispielsweise in London seine „italienischen Dialoge“, in denen er mehr oder weniger direkt die katholische Lehre angriff. Seine Sicht, dass die Sterne Sonnen seien, das Universum unendlich ist und von vielen intelligenten Völkern bewohnt wird, verstieß gegen alles, was der Kirche heilig war, vor allem lästerte er damit Gott, dessen Rolle er als allmächtiger Lenker der Welt er in Frage stellte. Dennoch war es nicht die Kirche, die ihn verurteilte. Sie verstieß ihn zwar aus ihren Reihen, doch die Verurteilung wegen Ketzerei erfolgte durch den Gouverneur von Rom. Mit dem Tode Brunos wurden alle seine Schriften entweder verbrannt oder verboten. Einige von ihnen sollen noch heute wegen des vermeintlich herätischen Inhalts auf der Liste der verbotenen Bücher stehen, dem Index Librorum Prohibitorum, der eigentlich auf dem 2. Vatikanischen Konzil 1965 aufgehoben wurde.

Fachgruppenleiter Wolfgang Steinicke sprach anschließend über die Entwicklung des Hubbleschen Klassifikationsverfahrens. Edwin Powell Hubble (1889-1953) hatte 1923 Jahren versucht, eine erste Galaxienklassifikation, entstanden aus vielen fotografschen Aufnahmen am Yerkes-Observatory, auf offiziellen Wege durch die Internationale Astronomischen Union (IAU) anerkennen zu lassen. Er scheiterte jedoch an Guillaume Bigourdan, dem Vorsitzenden der IAU-Kommission für Nebel und Sternhaufen, weil das Schema auf Fotos und nicht der visuellen Beobachtung basierte. Im Sommer 1925 scheiterte er mit dem nächsten Versuch, so entschloss er sich, seine Ergebnisse und die daraus folgenden Fragen zur allgemeinen Entwicklung von Galaxien 1926 in einem Artikel im „Astrophysical Journal“ zu veröffentlichen und das brachte den lang ersehnten Durchbruch. 1936 fasste er seine Forschungen auf diesem Gebiet in dem Buch „The Realm of the Nebulae“ zusammen. Im Jahr 1960 veröffentlichte
Gerárd-Henri de Vaucouleurs (1918-1995) eine erste dreidimensionale Klassifikation.

Im letzten Vortrag der Tagung ging es dann um nicht weniger als den für den 21.12.2012 vorhergesagten Weltuntergang und die Quelle dieser Vorhersage. Fachkundig und amüsant zugleich legte Joachim Ekrutt den Ursprung der Prophezeihung aus dem Dresdner Codex (der 1739 nach Dresden kam, wie er dort hingelangte, weiß heute niemand mehr, möglicherweise war es Hernando Cortez (1485-1577), der ihn aus einem seiner Raubzüge mitbrachte. Der Maya-Kalender besteht aus einer Zählung der Tage wie beim julianischen Kalender und kennt keine Monate oder Jahre. Das Problem ist dabei nur, dass im Gegensatz zum letztgenannten der Beginn des Maya-Kalenders unbekannt ist. Am 21.12.2012 endet die große Zählung im Kalender, danach beginnt die neue. Es konnte gezeigt werden, wie man auf das obskure Datum kam und dass dieses keineswegs gesichert ist, wie überhaupt im Kalender der Maya vieles unklar ist. Unklarer jedenfalls, als es die Weltuntergangsjünger immer verkünden.

Die Tagung war danach zu Ende und Wolfgang Steinicke bevor es zur Tagungskritik kam – die durchweg positiv ausfiel – wurde allen Unterstützern und Helfern gedankt. Es wurde nach den Präferenzen für die nächste Tagung am 3. November 2013 gefragt und es stellte sich am Tage „danach“ heraus, dass sich die meisten Teilnehmer für Straßbourg aussprachen. Ein interessanter Ort für das 10jährige Jubiläum der Fachgruppentagungen. Für mich als Hamburger aber wahrscheinlich zu weit weg, denn nach derzeitigem Fahrplan der Bahn soll eine Fahrt zwischen 8 und 10 Stunden dauern und auch mit dem Flieger geht es anscheinend nicht schneller, da es offenbar keine Direktflüge aus Hamburg gibt.

Die Tagung klang aus bei einem gemütlichen Abendessen im Gasthof „Alt-Jena“. Für den Sonntag war noch eine Besichtigung des 2m-Spiegels der Thüringer Landessternwarte Tautenburg vorgesehen, doch da sich der Beginn der Führung immer weiter nach hinten verschob und ich damit rechnen musste, erst am späten Nachmittag nach Hause zu fahren, verzichtete ich auf diesen letzten Teil und fuhr wieder zurück. Dieses Mal war ich eine halbe Stunde schneller.

Der Trip nach Jena hat sich auf jeden Fall für mich gelohnt, man hat viel über die Astronomie in dieser Stadt gelernt – und noch vieles mehr – sodass ich plane, beim nächsten Aufenthalt in Kirchheim in die „Zeissstadt“ zu fahren.

1 Kommentar:

  1. Ich habe leider zu spät von der Tagung erfahren. Wäre sonst gern dabei gewesen.

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