Montag, 29. Oktober 2012

Ein Weltraumteleskop für Amateure?

Es klingt ein wenig, wie ein verspäteter Aprilscherz, es ist aber trotzdem wahr: Es gibt derzeit in Deutschland Überlegungen, über einen Verbund aus Amateurastronomen, Bildungseinrichtungen und Raumfahrtfirmen ein eigenes „Mini-HST“ zu bauen und in die Erdumlaufbahn zu schicken, wie auf der Bochumer Herbsttagung vom letzten Samstag deutlich wurde.

Nachdem bereits zuvor im Astrotreff die Idee erstmals angestoßen wurde, gab es nun durch Heiko Wilkens aus München eine erste öffentliche Präsentation. Darin wurden Ziele und Konzepte des Vorhabens dargelegt – wie auch hier nachzulesen ist (wenngleich es dort auch nur wenig Detailinformationen gibt). Die Organisatoren – so ganz wurde nicht deutlich, wer das denn eigentlich im Endeffekt ist – konnten bislang bereits namhafte Raumfahrtfirmen, das MPI für Extraterrestrische Physik, der deutsche Raumfahrer Gerhard Thiele, der bekannte Optiker Richard Berry und der Raumfahrtexperte Harry Rutten als Unterstützer für die Idee gefunden werden. Das Ganze soll dann noch über eine Art „Space Telescope Science Institute“ light organisiert werden.

Finanzielle Unterstützung erhofft man sich durch etwa 7.000 Amateure in Deutschland und deutschen Institutionen wie Schulen, Universitäten und Max-Planck-Instituten. Allein durch Spenden soll das „universelle optisches Weltraumteleskop für Bilder, Spektroskopie und Photometrie“ mit 80 cm Öffnung konstruiert und in die Erdumlaufbahn geschickt werden. Allerdings, ähnliche Projekte in den USA sind schon vor Jahren gescheitert, getreu dem Motto: Als Tiger gesprungen und als Bettvorleger gelandet.

Was mich bei der Vorstellung am meisten erschreckte, war die vollkommene Naivität in Sachen Finanzierung. Die Gesamtkosten des Projekts sollen sich auf eine Summe zwischen 80 und 130 Mio. EUR belaufen. Eingedenk der Tatsache, dass Projekte dieser Art immer wesentlich teurer werden, darf man getrost sicher eine Summe von 200 Mio. als Minimum ansetzen. Dass alles aus Spenden zu finanzieren, die ausschließlich aus Deutschland kommen sollen (warum ist die Website dann in englisch?) – europäische Partner sollen vorerst nicht beteiligt werden – ist schon, gelinde gesagt, sehr optimistisch. Spätestens an diesem Punkt glitt das Ganze für mich in den Bereich des Fantastischen und des Unmöglichen ab.

Man geht davon aus, dass es eher billiger werden wird (seit wann tun das Großprojekte in Deutschland?). Und da sieht man mal wieder, mit welch grenzenloser Naivität so ein Projekt angegangen wird, weil noch nicht mal das Geld für erste Projektstudien eingeworben werden konnte. Und sollte der Satellit irgendwann doch mal im All sein, soll eine Beobachtungsstunde rund 1.000 EUR kosten. Ich glaube, angesichts der derzeitigen Wirtschaftssituation nicht daran, dass sich 7.000 Amateure finden lassen, die das bezahlen wollen.

Würde man das ernsthaft finanzieren wollen, müsste man sich neben den Kosten der Studien Gedanken über den Bau und die Ausgestaltung des Satelliten machen, hinzu kommen Kosten für den Start (einmalig) und den Betrieb des Teleskops (dauerhaft). Wer kommt für diese Kosten auf? Dann muss man Überlegen, wie hoch der Satellit fliegen soll, damit er bei höherer Sonnenaktivität in der Umlaufbahn nicht an Schwung verliert und abstürzt. Je höher, desto teurer (weil aufwändiger) werden Start und Betrieb.

Gesetzt den Fall, das würde alles klappen und man bekommt das nötige „Kleingeld“ zusammen, stellt sich die Frage, wer welche Projekte auswählt. Man müsste – wie bei den Profis – erst einmal einen Projektantrag stellen, woran schon eine Vielzahl der Amateure scheitern dürfte. Dazu müsste es ein Auswahlkomitee geben (wer macht das?), die die Projekte bewerten und am Ende genehmigen. Was aber, wenn es nicht genügend geeignete Vorschläge gibt?

Im schlimmsten Fall würden die Amateure alles bezahlen und nur die Profis mit ihrem Know-How ihre Beobachtungsprogramme durchbekommen. Wird eine Kampagne schließlich genehmigt, erfolgt danach eine Auswertung, die kaum durch Amateure erfolgen kann. Dafür braucht man Profis, die aber bezahlt werden müssen.

Und wie soll überhaupt die Organisationsstruktur des „Amateur-Science-Institute“ (ASI), wenn wir das mal so nennen wollen, denn aussehen? Direktorium, Sekretariat, AG-Leiter und AG-Mitglieder? Es ist völlig unrealistisch, davon auszugehen, dass das lediglich fünf (!) Leute machen könnten, wie in Bochum dargelegt. Ob die beteiligten Personen diese Arbeit ohne ein entsprechendes Entgelt machen, ist zumindest fraglich.

Dann stellt sich die Frage, wie und wo das „ASI“ untergebracht werden soll. Pachtet man dazu ein eigenes Gebäude, fallen Unterhaltungs- und Bewirtschaftungskosten an. Mietet man irgendwo Büroräume an, gilt das gleiche und es fällt noch die Miete inkl. Nebenkosten an.

Erwartet man, dass die Arbeit durch festangestellte Mitarbeiter erledigt wird, kommen Personalkosten und allgemeine Kosten für Rechner, Telefone etc. hinzu. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die ganze Arbeit durch Amateure in der Freizeit erfolgen kann. Das würde nämlich nach kurzer Zeit, wenn es richtig Arbeit macht, im Sande verlaufen.

Und wenn man die Betriebskosten durch Vergabe von Beobachtungsstunden á 1.000 EUR vergeben will (wie man naiver Weise annimmt), frage ich mich, wo das Geld herkommen soll. So viele begüterte Amateure gibt es in Deutschland nicht, die diese horrende Summe bezahlen könnten und selbst wenn, würden sie es auch tun? Da ist die Miete für jedes erdgebundene Remote-Teleskop deutlich billiger.

Die Idee, dass sich auch Schulen an dem Projekt beteiligen könnten, ist zwar ganz hübsch, doch wenn in den bundesdeutschen Bildungseinrichtungen das Thema Astronomie immer weiter zurückgefahren und Mittel auch bei den Volkshochschulen gekürzt werden, dürfte sich die Begeisterung für ein Amateur-HST in ganz engen Grenzen halten. Und wer als Firma dem Projekt Geld gibt, will daran auch verdienen oder anderweitig partizipieren. Noch ist die Wirtschaftskraft in Deutschland ganz ordentlich und es wird auch investiert, aber wehe, die nächste Krise kommt, dann fallen Mittel für die Astronomie als erstes weg.

Skurril und allen Bemühungen der Sternfreunde widersprechend war der Vorschlag, dass man für Werbezwecken den Satelliten blinken lassen könnte. Wer Astrofotos machen will, wenn der Satellit gerade den Beobachtungsstandort überfliegt, wird sich bedanken (schon die ISS, normale Satelliten und Flugzeuge stören da sehr). Die Startrakete mit Logos irgendwelcher Firmen zu bekleben, hilft nur bei den Startkosten, nicht aber beim laufenden Betrieb.

Wenn man sich ansieht, wie viele Großprojekte in Deutschland derzeit an die Wand gefahren werden – und wo es Geldgeber gibt (!) -, dann hat ein eigenes Weltraumteleskop in unserem Land nicht die geringste Chance, weil man das nie und nimmer wird durch Spenden finanzieren können. Selbst die Idee, das Ganze auf andere Bereiche auszudehnen, wird nicht ausreichen, denn welcher Unternehmer wird schon Geld in ein Weltraumteleskop investieren, wenn man damit keinen wirtschaftlichen Gewinn erzielen kann?

Das vorgetragene Finanzierungsmodell weist so viele und so große Lücken und jede Menge Wenns und Abers und nicht haltbare Grundannahmen auf (Motto: Passt scho …), dass es derzeit vollkommen unrealistisch erscheint, dass das Vorhaben jemals Wirklichkeit werden kann. Da sind die ganzen Fehleinschätzungen und falschen Voraussagen bei der Hamburger Elbphilharmonie und dem Berlin-Brandenburger Großflughafen – um nur zwei Beispiele zu nennen - noch konservativ und solide durchfinanziert.

Die Idee als solche sollte man vielleicht nicht vollkommen verdammen, denn ein Teleskop außerhalb der Erdatmosphäre hat viele Vorteile. Aber es muss auch regelmäßig überwacht werden (damit es z.B. nicht durch fehlerhaftes Schwenken auf die Sonne „verblitzt“ wird), Experten bei Lagekontrollzentren wie in Oberpfaffenhofen müssen da ran und das kostet auch wieder Geld. Zugegeben, das Projekt ist sehr ehrgeizig, erscheint derzeit aber vollkommen unrealistisch und ist in finanzieller Hinsicht nicht mal ansatzweise durchdacht.

Daher wird es nach meiner Einschätzung binnen kurzem wieder in der Versenkung verschwinden, wenn sich schon die ersten Studien nicht finanzieren lassen.

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