Freitag, 12. Oktober 2012

Astrourlaub – eine Herausforderung für Geist und Körper

„Ich und mein Teleskop im Urlaub“, so übertitelte ein langjähriger Freund mal sarkastisch einen Bericht in einer längst untergegangenen Zeitschrift über Sternfreunde, die im Urlaub ihre astronomische Ausrüstung zusammenpacken und in südliche Gefilde verreisen, um unter günstigeren Himmelsbedingungen dem Hobby zu frönen.

Damals, das war so in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts, waren Astrourlaube allerdings kaum anders als heute und glichen auch da schon eher einer Expedition in ferne Regionen der Erde. Oft war das eher mit einem Campingurlaub innerhalb des Polarkreises zu vergleichen. Zwar sind heute andere Ziele wie Astrofarmen in Nordafrika oder Namibia erreichbar, doch die Grundprinzipien sind gleich geblieben.

Da nachts die Temperatur absinkt und der menschliche Körper sich über Kopf, Hände und Füße rasch auskühlt, musste man schon früher dicke Klamotten auch im Sommer einpacken, damit die Beobachtungsnacht nicht schon frühzeitig völlig durchgefroren endet.

Das ist auch heute noch so, nur dass sich die Qualität der Bekleidung inzwischen deutlich verbessert hat. Mit Funktionsunterwäsche, langen Unterhemden und Unterhosen, Thermobekleidung, Wollmützen etc. hält man heute schon ein deutlich länger durch. Hinzu kommen natürlich noch Eigenschaften des eigenen Körpers, wie der nächtliche Tiefpunkt (jemand nannte das gestern Abend auf BR-Alpha in der Sendung "W wie Wissen" die „nächtliche Depression“), der um etwa 2 Uhr herum kommt, oder das Absinken des Zuckerspiegels, womit man als Diabetiker durchaus seine Probleme bekommen kann. Auch funktionieren einige Dinge in der durchbeobachteten Nacht nicht mehr: Trinke ich abends spät starken Kaffee, liege ich danach die halbe Nacht wach. Trinke ich vor der Beobachtung starken Kaffee, bringt der gar nichts, außer, dass ich von den darin enthaltenen Gerbstoffen kräftiges Sodbrennen bekomme. Die nächtliche Kühle wirkt offenbar der Wirkung des Kaffees entgegen.

Am wichtigsten in der Vorbereitung eines Astrourlaubes ist aber die Technik. Ein Astrourlaub beinhaltet nicht nur, dass man vielleicht ein größeres Fernglas mitnimmt - für das ist immer noch Platz genug -, es geht um mehr. Will man Astrofotografie betreiben, muss man seine diversen Kameras, meistens DSLRs -  es können aber auch Webcams und CCD-Kameras zum Einsatz kommen - betriebsbereit haben, an alle Kabelverbindungen denken (etwa, um die Bilder von der Kamera auf ein Netbook zu übertragen) oder um die Stromversorgung der Kamera aufrecht zu erhalten. Das geht zwar auch mit Akkus, da muss man dann aber Ersatz parat haben, da die Akkus nachts weniger lang durchhalten, als am Tage. Im Gegensatz zu früher braucht man sich heute wenigstens nicht mehr über geeignete Filme und deren Entwicklung vor Ort inkl. der dazu gehörigen Chemie Gedanken machen.

Dafür gilt es, jede Menge Rechnerhardware mitzunehmen, einen für die Arbeit am Teleskop, einen schnelleren für die Auswertung der Bilder oder von Planetenvideos, dann vielleicht noch einen weiteren Rechner oder ein Tablet wie das iPad. In der Folge muss man natürlich auch die Kabel für die Videokamera und/oder die Webcam dabei haben. Und man muss ein Kartenlesegerät einpacken, damit die unterschiedlichen Formate gelesen werden können. Die heutigen Rechner haben zwar meistens Slots für SD-Karten, aber wenn man mit älteren Kameras arbeitet, die z.B. XD-Karten benötigen, braucht man eben jenes oben erwähnte Zusatzteil. Ganz wichtig sind in dem Zusammenhang auch die Adapter, um die Kamera überhaupt am Strahlengang des Teleskops anbringen zu können, dass da quasi als Riesentele fungiert.

Am kommenden Sonntag werde ich zusammen mit zwei Freunden wieder einmal die Sternwarte Kirchheim nahe Erfurt in Thüringen besuchen. Aus alter Zeit schwört man da auf Zeiss-Instrumente und Zubehör, allerdings neben anderen, neueren, Geräten. Und da fängt die nächste Problematik an: Die Zeiss-Instrumente genügten durchweg hohen Ansprüchen, allerdings waren sie nur zu sich selbst kompatibel, d.h., alle im Westen gängigen Adapter, Kameraanschlüsse etc. können bis heute nicht direkt an Zeiss-Geräten verwendet werden (m.E. der Hauptgrund, weshalb Zeiss-Fernrohr so gut wie vom Markt verschwunden sind), weil nämlich die Durchmesser der Anschlüsse unterschiedlich waren. So waren früher Okulardurchmesser von 24,5 mm üblich, während Zeiss auf 28,5 mm schwörte. Hervorragende Zeissokulare konnten daher nur an Zeiss-Teleskopen verwendet werden (ähnlich wie bei Lichtenknecker-Fernrohren). Mit 1 1/4- und 2 Zoll Okularen kamen sie gar nicht mehr zurecht. Heute gibt es hierfür allerdings Adapterlösungen, die sehr gut funktionieren, die man danna ber auch mitnehmen muss.

Viel schlimmer ist es, wenn man die Kamera an den Okularauszug anschrauben möchte, da fehlen meist ein paar Millimeter und schon passt nichts mehr zusammen. Schlimmstenfalls führt das dazu, dass man astrofotografische Ambitionen schlicht vergessen kann.

Für diese Fälle muss man gerüstet sein, um trotzdem mit den vor Ort vorhandenen Instrumenten arbeiten zu können. Also muss man alles an Equipment, was sich so angesammelt hat, auch einpacken, inklusive Filter für die Astrofotografie (wie z.B. ein H-Alpha-Filter für die nächtliche Fotografie, die aber nicht an der Sonne verwendet werden dürfen, weil zu schwach dafür).

Es sind vor allem die kleinen Dinge, die eine große Sache zum Scheitern bringen können, wie vergessene Kabel oder, noch schlimmer, zu Hause gelassene Netzteile für Computer. Ohne die geht nichts. So kann es passieren, dass man nur Aufnahmen bis zu dem Zeitpunkt machen kann, wo der Akku zur Neige geht, und das ist nachts sehr schnell der Fall. Also muss man nicht nur ALLE Ladegeräte, sondern auch diverse Verteilersteckdosen und zur Sicherheit noch eine Kabeltrommel mitnehmen. Strom kann man - allen Ökos zum Trotz - bei der Astrofotografie nie genug haben. Und so hat man dann schnell mehrere Metallkoffer etc. zusammen, ohne auch nur einen Rollkoffer mit Klamotten gefüllt zu haben.

Und wenn man, wie ich, dann noch einen 8 Zoll-Dobson zur reinen visuellen Beobachtung dabei haben wird, erweitert sich der Umfang der mitgenommenen Ausrüstung noch mehr, denn dann müssen auch Okulare, Justierlaser usw. eingepackt werden. Da ich auch gerne mal Planeten zeichnen möchte, bedarf es Bleistiften, Radierer und Zeichenvorlagen, die man aber im Web herunterladen und ausdrucken kann.

Am Ende hat man dann soviel Gepäck zusammen, dass das Auto überfüllt ist. Und wenn man zu zweit unterwegs ist, kommt man sich vor wie bei der Kugelmessung zur Bestimmung des Rauminhaltes vom Fahrzeug. Jeder Platz ist ausgefüllt. Hatte ich früher das alles in einen dann künstlich tiefer gelegten VW Golf gepackt, steht mit heute ein geräumiger VW Caddy zur Verfügung. Nur: Wenn man mehr mitnehmen kann, nimmt man auch mehr mit!

Da die Sternwarte Kirchheim auch im Aufenthaltsraum ganz gut bestückt ist, packt man natürlich noch DVDs, Zeitschriften und Bücher mit ein, nimmt bequeme Campingstühle, Schlafsack und Luftmatratze mit. Und Unterlagen, die man braucht, wenn man vor Ort in aller Ruhe den einen oder anderen Artikel schreiben und ein wenig die Erlebnisse bloggen will.

Und so gleicht der Astrourlaub dann am Ende doch wieder einer Expedition: Die Herausforderung für den Geist besteht darin, an alles zu denken und alles mitzunehmen, was man braucht. Die körperliche Herausforderung ist die nächtliche Kühle, gegen die man sich wappnen muss. Dennoch: Der Astrourlaub kann nun kommen!

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