Dienstag, 30. Oktober 2012

31. Boheta (Teil 2)

Nach der ausgiebigen Mittagspause und einem kleinen Einkauf im Uni-Center begaben wir uns wieder zurück zum Tagungsort – natürlich wieder über die ewig klappernden Gehwegplatten mit Kultstatus.

Im Programm ging es weiter mit dem Thema „Astronomische Bewegungen im Zeitraffer“. Michael Kunze aus Moers schilderte, wie er aus Einzelbildern kleine Animationen und Filmchen vom Jupiter und der Sonne im Weißlicht und Hα zusammenstellte und mit Minimalausrüstung auf Urlaubsreisen den Sternenhimmel aufnimmt und die Einzelbilder ebenfalls verarbeitet. So sind mittlerweile zahlreiche Sequenzen von der Marsopposition 2012, vom Kometen C/2009 P1 Garradd und Filme von einer Nacht auf dem 3500 m hohen Mittelallalin in der Schweiz, einer Nacht auf den Kanarischen Inseln und Sonnenuntergängen an verschiedenen Orten entstanden. Der Aufwand am Rechner bei der Addition der Einzelbilder (kein Stacking!) ist schon enorm, auch wenn es mittlerweile eine ganze Reihe von Programmen gibt, die einem die Arbeit abnehmen. Dazu muss man aber wissen, was diese Hilfsmittel bei der Aneinanderreihung der Einzelbilder zu einem Video so alles treiben.

Stefan Krause aus Bonn referierte danach über „Sonnenfinsternisse in Australien und der Saros 133“. Die nur wenige Tage nach der Boheta – für uns - in der Nacht vom 13. auf den 14. November in Australien zu beobachtende totale Sonnenfinsternis gehört diesem an. Anlass genug, einmal die Geschichte dieser mittlerweile rund 800 jährigen Sonnenfinsternisserie zu verfolgen. Eine der herausragenden Finsternisse war dabei jene von 1922, bei der Einsteins Relativitätstheorie sogar noch besser bestätigt werden konnte, als bei der legendäre 1919er Finsternis.

Anschließend gab es den alljährlichen Höhepunkt der Boheta: die Verleihung des Reiff-Preises 2012. Gestiftet von Hans Ernst Reiff (1932-2007) sollen mit dem Preisgeld Vereine und Schul-AGs bedacht werden, die ein besonderes astronomisches Projekt in Angriff nehmen wollen. Im Gegensatz zu den früheren Jahren wurde der Förderpreis weiter aufgeteilt, sodass neben dem 1., 2. und 3. Preis nun auch ein Sonderpreis vergeben wurde. Aufgrund der Witterungsbedingungen in Süddeutschland kam der Kurator Jakob Staude aus Heidelberg (Mit-Herausgeber der Zeitschrift Sterne und Weltraum) erst kurz vor Beginn seines Beitrages an der Ruhr-Universität an. Das zweckgebundene Preisgeld wurde in diesem Jahr vergeben an ein Berliner Gymnasium für die „Vermessung der Welt“ (3. Platz), an ein Gymnasium in Murrhardt für den „Bau einer mobilen Sternwarte im Kofferanhänger“ (2. Platz). Der 1. Platz ging an ein langfristiges Projekt der Senckenberg-Schule in Runkel/Villmar für die „Fotografische Dokumentation der Sonnenaktivität“. Der Sonderpreis wurde an eine Betreuungseinrichtung für Kinder in Heidelberg vergeben für ein Sternbilderpuzzle aus 42 Teilen und den Bau eines Spezialschranks zur Aufbewahrung (es ist nicht nur ein Puzzle allein, sondern enthält weitere didaktische Mittel für die Kleinsten).

Mit der Preisverleihung ist in jedem Jahr ein Fachvortrag verbunden, der dieses Mal von Dr. Sylvio Klose von der Thüringer Landessternwarte Tautenburg und Dr. Thomas Janka vom MPI für Astrophysik in Garching zum Thema „Kosmische Gammablitze und ihre Beobachtung“ gehalten wurde. Vorher stand aber noch eine längere Pause an, weil auch diese beiden Referenten Anreiseprobleme hatten – insbesondere in Thüringen hatte der plötzliche Wintereinbruch zu chaotischen Verkehrssituationen und einem Ausfall der Bahnverbindungen geführt.

Gammablitze (engl. Gamma-Ray-Bursts, GRBs) wurden erstmals von Überwachungssatelliten für Atomwaffentests auf der Erde entdeckt, doch schon bald stellte sich heraus, dass diese nicht irdischen, sondern kosmischen Ursprungs waren. Dabei ist bis heute nicht einwandfrei geklärt, wie diese eigentlich entstehen. Einen ersten großen Aufschwung nahm die GRB-Forschung in den 90er Jahren durch den satellitengestützte Messungen (mit dem Compton Gamma Ray Observatory, Beppo-SAX, und SWIFT) dessen Erkenntnis es war, dass die Bursts ziemlich regellos am Himmel verteilt erscheinen. Anhand einiger Beispiele erläuterten die Referenten aktuelle Theorien und gingen auch der Frage nach, wie man das immer wieder zu beobachtende Nachglühen erklären kann. Dabei tappen aber trotz aller Arbeiten immer noch weitgehend im Dunkeln, selbst so fantastische Modelle wie das von Stan Wossley, wonach sich in der Umgebung eines Schwarzen Lochs mehrere Neutronensterne befinden, die zerrissen werden, und deren Material sich erst auf einer Akkrektionsscheibe ansammelt, bevor es ins Loch fällt. Einige dieser GRBs konnten auch mit dem 2m-Teleskop der Sternwarte Tautenburg beobachtet werden. Für Amateure sind die GRBs allerdings kein wirkliches Betätigungsfeld, denn der logistische und instrumentelle Aufwand, Aufnahmen zu erstellen und diese auch fachgerecht auszuwerten, ist für Sternfreunde derzeit zu hoch.

Als anspruchsvoll, teuer oder gut zum „Verbrennen von Bonusmeilen“ geeignet, war eine Reise binnen „21 Tagen um die Welt“, die Jörg Schoppmeyer aus Freiburg unternommen hatte. Gestartet in Deutschland, sollte in dem geplanten Zeitrahmen die ringförmige Sonnenfinsternis am 20. Mai 2012 in den USA, die partielle Mondfinsternis vom 4. Juni und der Venustransit vom 5./6. Juni 2012 in Australien beobachtet werden. Dass dies durchaus machbar ist – bei vernünftiger vorheriger Planung – bewies der Referent auf eindrucksvolle Art und Weise. Zwischenzeitlich stand die Frage im Raum, ob man denn nach der Beobachtung der Sonnenfinsternis wieder nach Hause fliegt, oder die Zeit im Pazifikraum quasi überbrückt. Der Referent entschied sich für letzteres und so entstanden viele Bilder einer erstaunlichen Reise, die das Publikum begeisterten.

Jens Leich aus Wiehl präsentierte hiernach Aufnahmen von Sonne und Planeten (Venus, Mars, Jupiter und Saturn), die auf der heimischen „SOL-Sternwarte Marienhagen“ mit einem 5 Zoll-Refraktor – auch unter widrigen Umständen – entstanden und die deutlich machen, wie man mit einem Fernrohr mittlerer Größe hochaufgelöste Detailaufnahmen im Weißlicht und Hα anfertigen kann. Dazu gehören Sonnenzeichnungen, Mondfotos, Doppelstern-Zeichnungen, Fotos von Deep-Sky-Objekten sowie Animationen von Protuberanzen und eine Bewegungssequenz des Kometen 168P/Hergenrother.

Der nächste Höhepunkt der diesjährigen Boheta bildete ein Vortrag von Heiko Wilkens aus München, der das Projekt „Optisches Weltraumteleskop für Amateure, Bildung und Wissenschaft“ vorstellte. Demnach ist mit Unterstützung namhafter deutscher Raumfahrtfirmen, deutscher Raumfahrer und deutschen Institutionen wie Schulen, Universitäten und Max-Planck-Instituten geplant, ein – wie es hieß – „universelles optisches Weltraumteleskop für Bilder, Spektroskopie und Photometrie“ mit 80cm Öffnung zu konstruieren und in die Erdumlaufbahn zu schicken. Was sich zunächst einmal wie ein verspäteter April-Scherz anhörte, entpuppte sich sehr bald als ein von den Initiatoren ernsthaft in Erwägung gezogenes Vorhaben. Allerdings, zwei ähnliche Projekte in den USA sind vor Jahren gescheitert, da fragt man sich, wie das realisiert werden soll, wenn zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht mal die Finanzierung für die Projektstudien (geschätzt zwischen 500.000 und 1 Mio. EUR) steht. Man rechnet mit 130 Mio. EUR Gesamtkosten und hofft, die laufenden Betriebskosten durch Vergabe von Beobachtungsstunden (jede Stunde kostet dann mindestens 1.000 EUR) locker wieder hereinzubekommen. Überhaupt soll das Projekt ausschließlich durch Spenden aus Deutschland ausfinanziert werden, es wird angenommen, dass 7.000 Amateure ausreichen, um das Projekt finanziell zu stemmen (haben wir überhaupt so viele in Deutschland?). Realistisch erscheint das nicht, denn das vorgetragene Finanzierungsmodell weist so viele und so große Lücken und jede Menge Wenns und Abers und Annahmen auf (Motto: Passt scho …), dass es derzeit vollkommen unrealistisch erscheint, dass das Vorhaben jemals Wirklichkeit werden kann. Es ist ehrgeizig, erscheint derzeit aber vollkommen unrealistisch und wird wohl alsbald wieder in der Versenkung verschwinden, wenn sich schon die ersten Studien nicht finanzieren lassen. Wenn man sich anguckt, wie andere Großprojekte in Deutschland derzeit an die Wand gefahren werden, so klingt es wenig glaubhaft, wenn ausgerechnet für ein Amateurteleskop in der Umlaufbahn Millionenbeträge fließen sollen, wo doch die Wissenschaftsetats allerorts gestrichen und die Bildungsprogramme zu Lasten der Astronomie nach unten gefahren werden.

Im letzten Vortrag berichteten Heinz Niermann aus Hüsten und Dieter Petrich aus Menden über ihre gemeinsame Reise zum Nordkap, um dort den Venustransit zu beobachten. Es hätte ein fantastischer Vortrag werden können, denn der Venustransit war DAS astronomische Top-Ereignis des Jahres 2012. Leider ging der Eindruck durch technische Probleme vollkommen verloren. Immerhin konnte man aber  zumindest einen Hauch dessen erspähen, was die beiden Protagonisten an der nördlichen Spitze Europas erlebten.

Mit diesem Vortrag war denn auch die 31. Bochumer Herbsttagung schon wieder zu Ende. Sie bot dieses Mal eine Vielzahl von Anregungen für die eigene amateurastronomische Arbeit, auch wenn man kein Highend-Gerät verwenden kann.

Während Konni, Hartwig und Rainer schon vor dem letzten Vortrag den Hörsaal verließen, um sich in der Pizzeria Chianti für die Rückfahrt zu stärken, blieben André und ich bis zuletzt und bestellten in der Pizzeria lediglich ein Getränk, was aber auch schon fast 15 Minuten dauerte, bis es gebracht wurde. Chaotisch wurde es beim Bezahlen, denn die Bedienung ließ sich anfangs nicht auftreiben. Wir mussten aber zusehen, dass wir pünktlich am Bochumer Hauptbahnhof waren. Zwar hatte unser ICE nach Hamburg 20 Minuten Verspätung, die wurde aber fast vollständig aufgeholt. So war ich nach etwas mehr als 20 Stunden gegen 1 Uhr wieder zu Hause.

Kommentare:

  1. Sehr schöner Bericht, danke. Die etwas überforderte Bedienung der Pizzeria hat mittlerweile auch Tradition, oder? Immerhin hatte unser Tisch diesmal nach ~30min das Essen, letztes Mal hat das gefühlt 2 Stunden gedauert...

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  2. Hallo Jan,

    Gehört zur Boheta wie die klappernden Gehwegplatten,

    Viele Grüße

    Manfred

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