Mittwoch, 4. Juli 2012

Thomas Jefferson Jackson See (19.02.1866-04.07.1962)

See war ein ungewöhnlicher amerikanischer Astronom mit einer schon beinahe tragisch zu nennenden Biografie. Am 19. Februar 1866 nahe Montgomery City im US-Bundesstaat Missouri geboren, waren seine astronomsichen Hauptarbeitsgebiete die Themen der klassischen Astronomie: Entdeckung und Vermessung von Doppelsternen, die Bestimmung von Position und Größe von Planeten und Monden des Sonnensystems.

Zur tragischen Figur wurde er durch die Berechnung eines 9. Planeten hinter dem Neptun und drei weiteren Objekten in der Region, um die Schwankungen in der Bahn des 8. Planeten zu erklären. Die Suche nach den Transneptunen blieb erfolglos, was See aber nicht davon abhielt darüber, und zu anderen, auch fachfremden Wissenschaftszweigen, eine Vielzahl von Abhandlungen zu verfassen. Das machte ihn zwar in der Öffentlichkeit bekannt und beliebt, doch er isolierte sich damit zunehmend von seinen eigentlichen Fachkollegen. Dabei sah es bei ihm zunächst nach einer typischen Wissenschaftlerkarriere aus. Nach dem Studium von Astronomie und Physik an der Universität zu Berlin erhielt er den Doktortitel und kehrte danach in die USA zurück, wo er gleich eine Anstellung an der University of Chicago erhielt. Er trat als glänzender Beobachter hervor und ging 1896 an das Lowell-Observatory und machte auch dort durch herausragende Beobachtungsergebnisse von sich reden. Doch kamen bald Zweifel an seiner Glaubwürdigkeit auf, etwa als er bei 70 Ophiuchi meinte, einen dritten, unsichtbaren Himmelskörper - heute würde man Exoplaneten dazu sagen – gesehen zu haben.

Die veröffentlichten Daten wurden aber alsbald in Zweifel gezogen, vor allem durch den Doktoranden Forest Ray Moulton, worüber beide in einen heftigen Streit gerieten. Dieser endete erst, als die Herausgeber des Fachmagazins „Astronomical Journal“ See eine Rüge erteilten und sich künftig weigerten, Artikel von ihm zu veröffentlichen. See fand Ersatz in den „Astronomischen Nachrichten“, dessen Herausgeber er seit seiner Berliner Uni-Zeit gut kannte. Doch wurden die Themen immer seltsamer, so entwickelte er eine Theorie, wonach Sonne und Planeten getrennt voneinander entstanden und die proplanetare Gaswolke von der noch jungen Sonne eingefangen wurde. Eine andere Theorie aus dem Jahr 1906 brachte Erdbeben in Zusammenhang mit der Entstehung von Bergen und Ozean – was schon damals als falsch und veraltet galt -, aber See nicht von dieser Idee abbrachte, die er dann auch auf die Entstehung von Planeten ausdehnte. Doch statt seine Arbeiten auf ein wissenschaftliches Fundament zu stellen, behauptete er bei allen Veröffentlichungen immer wieder, dass er weiter sei, als alle anderen, und man ich deswegen auch nicht verstehen kann.

So veröffentlichte er seine Artikel in zunehmendem Maße auch ohne mathematische Grundlagen, sondern rein argumentativ. Viele heutige Verschwörungstheoretiker verfahren nach der gleichen Methode und bringen Argumente vor, die oft jeglicher Grundlage entbehren. See, immer noch am Naval Observatory in Washington beschäftigt, driftete immer mehr in eine nicht-wissenschaftliche Gedankenwelt ab, veröffentlichte 1910 ein 735seitiges, auf eigene Kosten gedrucktes Buch, in dem er munter Hypothesen zur Entstehung des Sonnensystems, Aufbau der Milchstraße, die Entstehung von Sternen oder über das Leben auf fremden Planeten fabulierte. Darin behauptete er auch, der Mond sei weit draußen im All entstanden und dann von der Erde eingefangen worden. Das Buch fand in der Öffentlichkeit eine weite Verbreitung, war wissenschaftlich aber nicht anerkannt. Trotzdem zog er durch Vorträge und andere öffentliche Darstellungen das Publikum in seinen Bann.

1913 erschein über ihn eine Biografie von William Webb. Offenbar ein Pseudonym, unter dem er das Buch selber geschrieben hatte und worin er behauptete, die Vorsehung hätte ihn dazu auserkoren, der beste Astronom der Welt zu sein, der schon im zarten Alter von zwei Jahren über die Entstehung des Sonnensystems nachgedacht hatte. So verstieg er sich immer mehr – fast schon pathologisch – in eine Art Scheinwelt und glitt nicht nur durch eine neue, völlig absurde „Äthertheorie“ als Gegenmodell zu Einsteins Allgemeiner und spezieller Relativitätstheorie in die Pseudowissenschaft ab. Die Schrift war teilweise ein Plagiat und völlig wirr in der Argumentation. See selber sah darin aber eine einfache Erklärung des gesamten Universums.

Bis zu seinem Tode am 4. Juli 1962 in Oakland, Kalifornien, – im hohen Alter von 96 Jahren – veröffentlichte er noch weitere 11 Bücher zu oft obskuren Themen, wurde aber von seinen ehemaligen Kollegen völlig ignoriert, die nicht mal mehr seine Briefe beantworteten und auch nicht mehr mit ihm zu tun haben wollten.

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