Sonntag, 10. Juni 2012

Tag der offenen Tür auf der Sternwarte Bergedorf



Es war der denkbar ungünstigste Termin, den man sich aussuchen konnte: Mitten während der Fussball-EM 2012 und ausgerechnet am Tag des ersten Gruppenspiels gegen Portugal fand auf der Sternwarte Hamburg-Bergedorf anlässlich ihres 100 jährigen Bestehens ein Tag der offenen Tür statt. Überdies waren die Wetteraussichten eher typisch für den Juni, nämlich schlecht.

Aufgrund dieser Konstellation rechnete ich nicht mit einer großen Besucherzahl. Ursprünglich hatte ich nebenbei ein kleineres Treffen der GvA-Sonnenbeobachter geplant, die hier nicht nru ihre eigenen Sonnenfernrohre zeigen, sondern diese auch miteinander vergleichen konnte. Daraus wurde leider nichts, da ab Mittag der Himmel völlig zuzog und als ich André Wulff abholte es sogar nach einem kräftigen Gewitter aussah.

Zunächst war auch nur ein Sternfreund auf der Wiese vor dem Sonnenbau anwesend, der hier mutig sein Fernrohr aufgebaut hatte. Später kamen andere Mitglieder aus dem Förderverein hinzu und präsentierten ebenfalls ihre Instrumente. Man konnte die Fernrohre nur zeigen, aber an eine Sonnenbeobachtung war zu keinem Zeitpunkt auch nur zu denken.

Dafür nahmen wir uns die Zeit, in die einzelnen Kuppeln zu gehen und die Instrumente bei Tageslicht zu fotografieren, dazu hat an während der Führungen, die ich seit über einem Jahr dort auch mitmache, in der Regel nicht die Zeit. Auch das im Innern schon weitgehend fertig restaurierte Meridianhaus mit den Sockeln für das ehemalige Meridianfernrohr, das sich gegenwärtig im Archiv des Deutschen Museums in München befindet, konnte man erstmals nach langer Zeit mal wieder besichtigen – für mich war es sogar das erste Mal.

Sockel des Meridianfernrohres im Meridianhaus

Im Hauptdienstgebäude konnte man in der Bibliothek Fachvorträge über den aktuellen Stand der astronomischen Forschung der Hamburger Sternwarte, z. B. über Sternatmosphären, Hochenergieastrophysik, Galaxienforschung oder Exoplaneten hören. In der oberen Etage wurde die Arbeit der Sternwarte vorgestellt und im Parterre gab es wieder den beliebten Shop, wo man sich mit Jacken, Becher, Bilder und Büchern der Sternwarte eindecken konnte.

Rückseite des Hauptdienstgebäudes

Interessant war es auch im – anscheinend nur wenig besuchten – Laborgebäude, denn das ging es wahrlich ans Eingemachte. Im ersten Raum waren einige Platten aus dem Archiv der Hamburger Sternwarte ausgelegt, die von Bernhard Schmidt belichtet worden waren. Dazu konnte man drei seiner Originalschreiben an die Sternwarte einsehen. Mit A3-Scannern, die ebenfalls in dem Raum standen, wird derzeit das Plattenarchiv der Sternwarte digitalisiert. In einem weiteren Raum standen ein alter Blinkkomparator und das Hamburger Mikrodensitometer G1010 (PDS) war am arbeiten. Im Gang konnte man viele Hinweistafeln sowie ein altes Plattenmessgerät besichtigen, an dem 1219 Photoplatten für den AGK 2 und 1939 Platten des AGK 3 manuell mit dem Auge erfasst und katalogisiert wurden! Überdies konnte man hier viel über eines der Hauptarbeitsmittel des Astronomen, die Spektroskopie, erfahren.

Altes Plattenmessgerät

Blinkkomparator

In der Direktorenvilla hinter dem Hauptgebäude sind mehrere Arbeitsgruppen der Sternwarte untergebracht und diese stellten hier per Poster und Beamer ihre Arbeit etwa über Quasare, Gravitationslinsen, aktive Sterne und Exoplaneten vor und erläuterten, wie Spektren entstehen und was man alles aus ihnen herauslesen kann.

Nachdem wir den großen Rundgang unternommen hatten, zu dem natürlich auch das älteste Instrument der Sternwarte, das Äquatorial mit seiner 26 cm Linse um 3 m Brennweite, das bereits auf der alten Sternwarte am Millerntor für vielfältige Beobachtungen von Kleinplaneten, Veränderlichen Sternen und für die Erstellung eines ersten Sternkatalogs genutzt worden war, suchten wir die Außengastronomie auf.

Außengastronomie

Man hätte sich auch einer der stündlich stattfindenden Führungen anschließen können, aber da man die ja selber macht, erschien und das als nicht sehr sinnvoll. Stattdessen war nach dem Würstchen vor dem Rundgang jetzt Kaffee und Kuchen danach angesagt. Hier trafen wir auch auf Sternfreunde aus Kiel, die extra zum Tag der offenen Tür angereist waren. Wer wollte, konnte sich verpflegungstechnisch zwischen den zwischen Großem Refraktor und Direktorenvilla aufgestellten Zelten oder dem Café „Raum und Zeit“ im Besucherzentrum entscheiden.

Und, was erstaunlich war, trotz der Fussball-EM, trotz des leichten Regens, der zwischendurch auf uns niederging, kamen sehr viele Besucherinnen und Besucher zur Sternwarte. Wesentlich mehr, als ich gedacht hatte. In der Hauptsache waren es Mütter mit ihren Töchtern und Söhnen, und gerade für die Kleinen wurde auch eine ganze Menge geboten. So gab es im Besucherzentrum beim 1m-Spiegel kleine Vorträge für Kinder ab 6 Jahren über das Sonnensystem, oder für 7jährige über die Frage, wie viel Sterne am Himmel stehen. Es gab außerdem eine Kinder-Rally sowie den Start von Wasserraketen zu bewundern. Und im Sonnenbau fanden Malwettberwerbe statt.

Der Start der Wasserrakete steht unmittelbar bevor

Kurz nach 18 Uhr, als das EM-Spiel Niederland gg. Dänemark begonnen hatte, leerte sich das Gelände sehr schnell. Waren davor noch spielende und tobende Kinder mit ihren Eltern anzutreffen, war es mit einem Mal fast leer. Kurz danach brachen wir auch dann auch auf. Doch das Besichtigungs- und Vortragsprogramm – im Besucherzentrum z.B. über die Sternwarte als Kulturdenkmal, Galaxienforschung und Sternentstehung, lief trotzdem weiter.

Der diesjährige Tag der offenen Tür dürfte die Sternwarte trotz der widrigen Umstände und der eher suboptimalen Witterungsbedingungen ein voller Erfolg gewesen sein.

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