Dienstag, 22. Mai 2012

35. SONNE-Tagung in Bremen

Seit 1977 veranstaltet die Fachgruppe Sonne der Vereinigung der Sternfreunde e.V. (VdS) regelmäßig einmal im Jahr an wechselnden Schauplätzen ihre SONNE-Tagung. In diesem Jahr fand die Zusammenkunft vom 17.-20.5. in Bremen statt.

Die SONNE-Tagung begann bereits am 17. Mai mit der traditionellen SONNE-Redaktionssitzung und einem Fachvortrag von Ulrich von Kusserow von der Bremer Olbers-Gesellschaft. Wegen der hohen Übernachtungspreise in Bremen – manche Einrichtungen verlangten über 100 EUR pro Nacht ohne Frühstück – und auch aus anderen Gründen entschloss ich mich, nur am Freitag und am Samstag an der Tagung teilzunehmen.


So fuhr ich am Freitag um ca. 7:45 Uhr los und kam etwa zwei Stunden später auf dem Gelände des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt auf dem Bremer Unigelände an. Auf der Suche nach den anderen Teilnehmern der Tagung traf ich auf Klaus Bussian und später wurden wir dann eingesammelt und zu den anderen gebracht, wo wir dann auch Michael Delfs aus Berlin, einem der Organisatoren der Tagung, trafen.

Für den Vormittag war eine Führung über das Gelände des DLR und zwei Vorträge vorgesehen. Im ersten stellte Dr. Frank Jansen nach der offiziellen Begrüßung durch Ulrich von Kusserow sein „Institut für Raumfahrtsysteme“, dessen Organisationsstruktur und seine Aufgaben, etwa im Bereich der Systemanalyse, der Entwicklung von neuartigen Antriebsystemen und den raumfahrttechnischen Wissenschaftsmissionen vor. Im zweiten Beitrag berichtete Dr. Dirk Stiefs über das darin eingebettete DLR_School_Labs, dessen Aufgaben und Ziele. Dazu zählen u.a. Besuche von Schulklassen aus der Region, Lehrerfortbildungen und verschiedene Sonderveranstaltungen für Kinder und Jugendliche. Für dieses Projekt stehen auch zwei Teleskope, ein 60/500 mm Refraktor für die Weißlichtbeobachtung und ein 60 mm Hα-Teleskop zur Verfügung. Eindrucksvoll war die Schilderung des Myonen-Teleskops, das auf der Erde eintreffende und detektierte Teilchen per Beamer in eine kleine Halbkuppel – sie erinnerte an das legendäre Baader-Planetarium –. hinein simuliert. Zwischendurch wurde dann noch ein kleiner, selbstgebauter Spektrograf herumgegeben. In der anschließenden Führung ging es in einen anderen Gebäudetrakt, ins Rechenzentrum, wo neue Systemdesigns parallel an verschiedenen Rechnern entwickelt werden.





Vorbei an verschiedenen Laboreinrichtungen, in denen Geräte für künftige Marsmissionen getestet werden, am gar nicht so sauberen Reinraum bis hin zum Ausgang, wo unter der Decke ein riesiges 1:1 Modell eines Space-Shuttle-Haupttriebwerks hing.





Hier konnte auch ein kleiner, in Bremen entwickelter Rover als Technologiemodell besichtigt werden.




Nach dem gemeinsamen Antreten zum Gruppenfoto vor einem Marsbild und der Besichtigung der künstlichen Marslandschaft im Außengelände ging es in die Mittagspause, die Klaus Bussian, ein weitere Teilnehmer und ich im Café Sand verbrachten.


Nun war ein längerer, wohltuender Fußmarsch angesagt, da die Spektroskopie-Vorträge in den Räumen der Bremer Olbers-Gesellschaft (OG) abgehalten wurden. Der vorzügliche Catering-Service versorgte uns dabei mit Kaffee, Kuchen und anderen Leckereien.

Der gesamte Freitagnachmittag stand unter dem Thema Spektroskopie. Im ersten Referat erläuterte Ulrich von Kusserow kurz die Arbeit der Sonnengruppe der OG und deren ehrgeizigem Vorhaben, einen eigenen Spektrografen nur für die Sonnenbeobachtung zu entwickeln. Dass dies kein einfaches Unterfangen ist und man sehr viele physikalische Grundlagen kennen und beherrschen muss, darauf wies Dr. Eberhard Wiehr aus Göttingen hin, der hierzu den Göttinger Hainbergturm, den dortigen Littrow-Spektrografen und den Neubau einer Außenstelle in Locarno vorstellte. Am Beispiel einer Protuberanz, über die der Spektrografenspalt gelegt wurde, konnte er zeigen, wie man aus dem so gewonnenen Spektrum chemische Elemente wie Wasserstoff und Helium und die Absorptionslinien des Natriums (D1 und D2) herauslesen kann, und wie man anhand der gewonnenen Aufnahmen in den Linien und Strukturen des Zeeman-Effektes viel über den Temperaturverlauf innerhalb der Protuberanz lernen kann.

Dr. Klaus Reinsch führte danach in seinem Vortrag „Sternspektroskopie, oder die Kunst, aus dem Licht der Sterne zu lesen“ in dieses spannende, wissenschaftliche Arbeitsgebiet ein, das nach wie vor zu den meistgenutzten der Fachastronomen gehört. Neben den Grundlagen wie Typisierung von Sternspektren, der Analyse von Linienspektren, den Bewegungsmustern in Doppelsternsystemen oder der Kalibration und Auswertung von Instrumenten, zeigte und erläuterte er einige der an Großteleskopen verwendeten Spektrografensysteme und ging auch auf die Amateurspektrografie und deren Möglichkeiten ein.

In der nun anschließenden Pause konnte man sich beim Catering stärken, die Sternwarte besichtigen und in den wenigen Wolkenlücken auch mal die Hα-Sonne beobachten.

Ernst Pollmann berichtete in seinem Beitrag über „Spektroskopisch interessante Objekte, die mit Amateur-Spektrografen beobachtet“ werden können, von den Grundlagen, die man als Sternfreund beachten muss, über die technischen Varianten, die es gibt, und verschiedene Analysemethoden. Anhand ausgewählter Beispiele von Sternen und Doppelsternen wie β Lyr, VV Cephei, γ Cas, die regelmäßig spektroskopisch überwacht wurden, konnte er nochmals zeigen, dass auch Amateure mit verschiedensten Instrumenten auf diesem Gebiet sinnvoll arbeiten können.

Aufgrund der fortgeschrittenen Zeit wurde ein nun vorgesehener Vortrag auf den Samstagnachmittag verschoben, damit der Fachvortrag von Prof. Dr. Marcus Brüggen, Jacobs University Bremen, über „Radiobeobachtung mit LOFAR - Auf der Jagd nach kosmischen Magnetfeldern“ pünktlich beginnen konnte. Der künftig an der Hamburger Sternwarte arbeitende Astrophysiker, bislang Leiter der Forschungsgruppe Astrophysik der Jacobs University in Bremen, beschrieb neben den Grundlagen des Magnetismus und der Radioastronomie das große europäische LOFAR (Low Frequency Array): Entwickelt vom in den Niederlanden, besteht es heute aus mehreren, über ganz Europa verteilte Arrays – alle zusammen bilden ein großes digitales Radioteleskop -, und arbeitet hauptsächlich in den Frequenzen zwischen 10 und 80 MHz sowie 110 und 240 MHz. Damit will man neue Erkenntnisse über die Frühphase des Universums gewinnen, die langwellige Radiostrahlung ferner Galaxien und den Energieverlust von Elektronen, das interstellare Gas, kosmische Magnetfelder und Pulsare untersuchen. LOFAR ist aber aufgrund seiner Struktur und den verschiedenen Standorten prinzipiell in der Lage, komplette Radiodurchmusterungen vorzunehmen, die allgemeine kosmische Strahlung und die solar-terrestrischen Beziehungen vertiefend zu beobachten.

Kurz nach 19 Uhr war dann dieser Tagungsteil zu Ende und im Foyer wurde ein Abendbrot gereicht, an dem ich aber nur teilweise teilnahm, weil ich danach nach Hamburg zurückfuhr.

Am nächsten Tag fuhren Michael Steen und ich dann abermals nach Bremen und trafen rechtzeitig an der Sternwarte an der Werderstraße ein. Wir machten es uns vor dem Gebäude gemütlich, weil leider trotz guten Wetters nicht auf der Sternwarte beobachtet wurde. Wenig später traf auch Christian Harder ein.

Zu Beginn des heutigen Amateurblocks um 14 Uhr – die anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmer hatten vormittags eine Stadtführung unternommen – wurde der für den Freitag vorgesehene Vortrag von Lieselotte Balensiefer, OG, Bremen, üebr „Spektroskopische Berufserfahrungen - Ausbildung bei der spektroskopischen Abteilung von ZEISS und Arbeit im Fraunhofer-Institut Freiburg" nachgeholt. Gemeinsam mit Ulrich von Kusserow ging sie, inzwischen 90 Jahre alt geworden, durch verschiedene Stationen ihrer beruflichen Laufbahn, die sie vom Sudetenland bis nach Freiburg im Breisgau und zur Sternwarte auf dem Schauinsland führte, wo sie mit Karl-Otto Kiepenheuer zusammentraf und deren langjährige Assistentin wurde. Zu ihren Aufgaben gehörte damals neben den Untersuchungen des Sonnenpektrums im Spektrografenhaus, das Zählen und Klassifizieren von Sonnenflecken am Coelostaten sowie die Bestimmung von Fleckenpositionen. Viele zeitgenössische Fotos belegten, dass es damals auf der Sternwarte durchaus auch beschaulich zuging.

Ulrich von Kusserow setzte die Reihe der Amateurvorträge mit einer Vorstellung der Arbeit der AG Sonne der Olbers-Gesellschaft fort. Zusätzlich zur reinen Beobachtung gibt es regelmäßig Vorträge, man beteiligt sich am DLR_School_Labs-Projekt, betreut Besuchergruppen und erstellt eigene Sonnenaufnahmen in Weißlicht und Hα. Michael Delfs schilderte anschließend die Arbeit der nur noch aus ihm bestehenden Sonnengruppe der Wilhelm-Foerster-Sternwarte und die Probleme, die es vor Ort gibt.

Die leider nicht anwesenden Sonnenfotografen Anke Hamann und Manfred Heinrich hatten eine DVD mit ihren Aufnahmen der Sonne 2011 mit mittelalterlich anmutender Musik geschickt, die Bilder von Sonnenflecken, Protuberanzen, aber auch irisierenden Wolken und einer typischen Kiefernpollenkorona, enthielt.

Danach wurde die Kaffeepause vorgezogen, weil technische Probleme zunächst den Start des folgenden Vortrages verzögerten. In der Pause ging es um das leibliche Wohl, man konnte die Sternwarte besichtigen und ein wenig die Sonne zwischen den rasch vorüberziehenden Wolken beobachten. Leider wurde das nicht sehr intensiv genutzt, trotz der beiden F-Gruppen, die just an dem Tage auf der Sonne zu sehen waren.

Hans Pietsch aus Strausberg berichtete danach über die „Sonne 2011 und 2012“, stellte Instrumente und weiter Ausrüstung seiner Balkon-Sonnenwarte vor und präsentierte außergewöhnlich scharfe Aufnahmen der Sonne im Weißlicht und im Hα, die er mit einer DMK 31-Kamera aufgenommen hat. Ein weiteres, noch am Anfang stehendes, Projekt ist die Radioastronomie in Strausberg. Mit einer herkömmlichen, 1m durchmessenden Satellitenschüssel und jeder Menge elektronischer Hardware konnte er trotz bedecktem Himmel bei der Sonnenfinsternis am 4. Januar 2011 nachweisen, wie die Tageshelligkeit im Finsternisverlauf langsam zurück ging und dann wieder anstieg. Das hatten ein paar GvA-Sonnenbeobachter ja auch am Standort in der Festen Burg in Neu-Allermöhe beobachtet, aber nicht gemessen.

Weitere technische Probleme im Zusammenspiel zwischen Laptops und dem Beamer führten zunächst zu einer weiteren Pause und dann zum Ausfall der noch ausstehenden Vorträge von Thomas Jahan über „Die totale Sonnenfinsternis 2010 auf der Osterinsel“ und von Michael Delfs über die „Höhepunkte der Sonnenaktivität 2011 – Zeitrafferaufnahmen der Satelliten STEREO und SDO“.

Als Ersatz gab es einen Kurzvortrag von Ulrich von Kusserow über die Interpretation und Deutung von Daten der Website www.wetterzentrale.de sowie einen Film über das European Solar Telescope (EST), einem Gemeinschaftsprojekt von 14 Forschungsstätten und 15 industriellen Partnern aus Deutschland, Spanien, den Niederlanden, Italien, Schweden, Frankreich, Großbritannien, Tschechien und Slowenien. Auf den Kanarischen Inseln soll das 4m-Sonnenteleskop in den Jahren 2014-2020 errichtet werden und nach heutigen Schätzungen etwa 140 Mio. EUR kosten. Aber die Finanzierung ist nicht gesichert und derzeit ist unklar, ob das Projekt jemals Wirklichkeit wird.

Im Anschluss wurde das Resümee der Tagung in Form von Fotos und Videos gezogen und nach dem Aufräumen machten wir uns auf den Weg zum Abendessen im Café Sand. Einige Teilnehmer waren wegen den Champions League-Endspiels schon früher abgereist. Nach der sehr schmackhaften Mahlzeit fuhren wir wieder zurück über die weitgehend leere Autobahn nach Hamburg. Wo die nächste Tagung im Jahr 2013 ausgetragen wird, ist noch nicht sicher.

Die 35. SONNE-Tagung brachte viele neue Eindrücke und ein überaus interessantes Programm. Aber man muss sich Gedanken über den Beobachternachwuchs machen. Der Altersdurchschnitt der Teilnehmerinnen und Teilnehmer lag sehr hoch und leider war eine Gruppe Jugendlicher mit ihren Lehrer aus Verden (Aller) nur am Freitag zur Besichtigung der DLF und den mehr theoretischen Vorträgen über Spektroskopie anwesend, bei den praktischen Amateurvorträgen einen Tag später dann leider nicht mehr. Am Freitag zählte ich rund 30, am Samstag weniger als 30 Interessierte. Hier, wie auch bei anderen Veranstaltungen, scheint sich der Trend dahingehend zu entwickeln, dass solche Tagungsformen anscheinend nur noch für ältere eine Bedeutung haben. Jüngere fühlen sich dadurch offenbar nicht mehr angesprochen.

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