Freitag, 20. Januar 2012

Wohnungsauflösung - ein Drama in mehreren Akten

Seit Anfang des Jahres muss ich mich notgedrungen mit einem sehr unangenehmen Thema beschäftigen: Mein Vater, Jahrgang 1930, ist nach einer OP mit Vollnarkose im Juli letzten Jahres noch weiter in die Demenz abgerutscht, als er es ohnehin schon war. Die Entwicklung deutete sich schon vor dem OP-Termin an, als er im Schlafanzug zur Friseurin ging, vergaß im Supermarkt zu bezahlen, plötzlich und unerwartet im Treppenhaus Nachbarn angriff und anschrie und Getränkehändler vergraulte, die statt und 14 Uhr es wagten, um 14:05 oder noch später zu erscheinen.

Seine Persönlichkeitsstruktur veränderte ich immer mehr und ganz schlimm wurde es nach der OP, als er einmal mit Drenage das Bundeswehrkrankenhaus verlassen wollte und beim nächsten Mal dann mit Jacke und OP-Hemd bei mir vor der Tür stand, vollkommen verwirrt. In der Geriatrie wurde er nachts wieder sehr aggressiv und wurde für eine Nacht sogar in die Psychiatrie eingewiesen, was aber der Situation keine entsprechende Handlunsgweise war. Danach prügelte er sich mit einem Pfleger, der ihn zum Ergometertest abholen wollte. Angeblich war das einer vond er Gewerkschaft, der ihm ein Fahrrad verkaufen wollte. Da mein Urlaub bevorstand, riet mir die Sozialstation im Hamburger Amalie-Sieveking-Krankenhaus zu einer Unterbringung in einem Pflegeheim, wenn auch erst mal nur vorübergehend. Im Krankenhaus kamen sie mit seiner zunehmenden Aggressivität nicht mehr klar und hatten mich sogar mitten in der Nacht angerufen, weil ich meinen tobenden und herumwütenden Vater abholen solle. Man fand eine andere Lösung. Schließlich kam er in das Domizil zum Husaren, wo er gut untergebracht ist und rund um die Uhr betreut wird. In der Zwischenzeit entfremdete er sich immer mehr von mir und war nicht der Vater, wie ich ihn einmal kannte. In seiner immer noch andauernden Verwirrtheit stellte er merkwürdige Dinge an, lief im Nachthemd über die Straße, irrte im Wandsbeker Gehölz umher, fand einmal den Weg nach Hause und erlitt bei einem Wutanfall eine Kopfverletzung, als er, Hilfe verweigernd, auf einen Tritt stieg und das Gleichgewicht verlor. Er schlug sich den Kopf an einer Getränkekiste auf und musste erneut ins Bundeswehrkrankenhaus. Danach kam er über Umwegen wieder ins Heim.

In den kommenden Wochen beruhigte er sich etwas, bekam ein anderes Zimmer, ist aber dennoch weiter sehr verwirrt. So lief er irgendwann wieder weg und suchte mit dem Zapfhahn in der Hand an der Tankstelle nach seinem Auto, welches er bereits im Jahr 2000 verkauft hatte. Heilig Abend dann fragte er, warum meine 1998 verstorbene Mutter sich nicht blicken ließe, er verstand nicht, warum ich, mittlerweile fast 51 Jahre alt, nicht zur Schule gehe und er packte zwischendurch die Koffer, weil er als ehemaliger Busfahrer am nächsten Tag zur Arbeit wollte. Dabei geht er in der Zeit nicht kontinuierlich rückwärts, sondern macht nicht vorhersehbare Sprünge. Nur in der Gegenwart ist er nur noch selten.

Das bedeutet eines: Irgendwann wird er mich nicht mehr erkennen und er wird auch nie wieder in der Lage sein, sich selber zu versorgen, wird also im Domizil bleiben müssen.

Ab Mitte/Ende Dezember war dann endgültig klar, dass ich den nächsten Schritt einleiten musste: Die Wohnungsauflösung. Ist dies ohnehin schon emotional schwer zu schaffen, wenn der oder die Betroffene verstorben ist, so wird das noch schwieriger, wenn man die Wohnung eines noch Lebenden auflösen muss. Dabei stößt man dann an weitere eigene Grenzen.

Die Auflösung der elterlichen Wohnung ist auch immer eine Reise in die eigene Geschichte. Und oft kommt da was ans Tageslicht, was bislang immer im Verborgenen gehalten wurde, wie Devolutionalien aus der Zeit zwischen 1933 und 1945, deren Herkunft mir vollkommen unbekannt ist, altersmäßig aber nicht meinen Eltern gehört haben kann. Denn 1928 bzw. 1930 geboren heißt, dass keiner von beiden an irgendwelchen Kriegshandlungen teilgenommen hat. Lediglich von meinem Vater wusste ich, dass er um den 8. Mai 1945 herum morgens noch mit allem Pomp in die HJ übernommen wurde und mittags die Engländer bereits seinen Geburtsort besetzt hatten.

Aber auch weitaus alltäglichere Dinge wie Teller, Tassen, Becher, Geschirr erhalten plötzlich eine völlig neue Bedeutung, wenn man erkennt, wer welches Lieblingsbesteck immer gebraucht hat etc. Man unterschätzt dabei auch den zeitlichen Aufwand. Hatte ich anfangs angenommen, nach zwei Wochen fertig zu sein, wurden nun drei daraus, von denen zwei zu Lasten meines Jahresurlaubes gingen und ich deswegen in diesem Jahr zumindest keinen Sommerurlaub machen kann.

Aber die Arbeit muss getan werden und es ist ein schmerzlicher Schnitt zu vollziehen, vor allem, weil meine eigene Wohnung um 18qm kleiner ist, als die meiner Eltern. Mein Vater lebte in einer 60qm Wohnung alleine und hatte jede Menge Platz für seine Bücher und vor allem die Schallplatten-, CD- und Cassettensammlung, die nun verpackt in Umzugskisten in meinem Keller lagert.

Leider bemerkt man dann auch andere, schon seltsame Verhaltensweisen. So hatte mein Vater ein halb aufgegessenes Mittagsessen geschickt im Küchenschrank versteckt, wo es seit Anfang Juli sein unwürdiges Dasein fristete. Da es gut verpackt war, kamen da noch keine Tierchen ran. Auch musste ich feststellen, dass über die Jahre hinweg nur wenig Sachen weggeworfen wurden. So gab es vier komplette Ess-Services, sechs original verpackte Toaster, im gleichen Zustand fünf Bügeleisen, um die 50 Tischdecken fast aller Größen, Handtücher bis zum Abwinken und noch so manches andere. Doch statt die mal zu benutzen, wurde neu gekauft. Es gab nicht nur in der Wohnung, sondern auch im Keller eine komplette Kücheneinrichtung mit entsprechendem Innenleben. Das alles zu entsorgen und eine Auswahl für den eigenen Bedarf zu treffen, nahm unendlich viel Zeit in Anspruch. Die Klamotten wurden teilweise ins Heim gebracht und teilweise den Johannitern übereignet, damit sie an Bedürftige weitergegeben werden können.

So vergingen die Wochen mit ständiger Schlepperei (mein Rücken freut sich darüber …) und vielen emotionalen Tiefpunkten. Doch nun ist diese Arbeit fast erledigt und mit Hilfe von Freunden wird morgen der Rest aus der Wohnung geholt und die Arbeiten wie Entsorgung der Schränke, Entfernen der Dämmplatten an der Decke, des Teppichbodens etc. einer Firma übertragen, die auch mit meiner Wohnungsgenossenschaft zusammenarbeitet, am Ende dann die Schlüsselübergabe an den Vermieter übernimmt und die Wohnung bei den Wasserwerken und beim Stromerzeuger abmeldet.

Es ist, wenn alles verpackt in meinem Keller untergebracht ist, die bittere Erkenntnis, was im Grunde von einem Leben übrig bleibt, das jetzt allmählich in geistiger Umnachtung entschwindet.






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