Dienstag, 13. September 2011

Buchbesprechung: Peter Faber: Hitlers V2 - Rakete

Hier auf der Insel Usedom bekommt man im normalen Buchhandel so manches Druckwerk, wofür man in anderen Teilen Deutschlands zumindest schief angesehen wird. Als ich dieses Buch von Peter Faber aus dem Jahr 2009 zusammen mit einer Biografie von Loriot im Strandbuchladen in Bansin erwarb, der respektabel gut sortiert ist, schaute mich die junge Verkäuferin ob der Kombination schon etwas merkwürdig an. Kein Wunder nach den letzten Wahlergebnissen in Mecklenburg-Vorpommern.


Das Buch war vom Klappentext her eigenlich ganz interessant, aber leider hielt es nicht das, was der Text auf der Umschlagrückseite versprach. Dieses Buch ist keineswegs die erste schriftliche Dokumentation seiner Art, noch ist sie die erste mit einem Umfang, wie es die Werbung einem weiß machen will. Schon vor vielen Jahren gab es die wirklich tiefgehenden Bücher etwa von Michael J. Neufeld über die "Rakete und das Reich" oder die "Raketenspuren" von Bode und Kaiser.


Erzählt wird dann auch nicht wirklich was Neues, eben die bekannte Geschichte der Raketen- und Flugzeugentwicklung in Peenemünde-Ost und Peenemünde-West. Ein paar Details sind vielleicht neu, mehr aber auch nicht. Auch werden seltsamerweise gewisse Fakten außen vor gelassen, wie die Tatsache der freiwilligen Mitgliedschaft Wernher von Brauns in der SS, lange bevor diese sich überhaupt für das Gelände am Peenemünder Haken zu interessieren begann. Und auch, dass es Arthur Rudolph war, der als ehemaliges SA-Mitglied den Kontakt zur SS herstellte und er gerade auch deswegen in späteren Jahren in den USA angefeindet wurde, was man alles in Neufelds Buch nachlesen kann, wird unkorrekt dargestellt. Eben darum wurden die Vorwürfe gegen Rudolph nicht entkräftet, wie hier behauptet. Der Autor folgt eher der Linie Marsha Freemans, die behauptet, die Verwicklung der Peenemünder Wissenschaftler und Techniker sei eine reine Erfindung des ostdeutschen Geheimdienstes Stasi gewesen.


Nach der Wiedervereinigung 1990 und der damit verbundenen Zugänglichkeit zu Archiven im Osten wurde die Verstrickung der Peenemünder in das NS-Regime immer deutlicher. Auch die inzwischen zweifelfrei belegte Existenz von Konzentrationslagern in Peenemünde, eines in Trassenheide, das andere im Bereich der Luftwaffenerprobungsstelle Peenemünde-West nahe des Peenemünder Flughafens, wird nur kurz am Rande erwähnt und zwar beinahe verniedlichend als Barackenlager für Kriegsgefangene.


Schließlich und endlich wird die unmenschliche Situation der Häftlinge im KZ Dora beim Mittelwerk auch eher verharmlosend als Arbeitslager mit eigener, humaner Infrastruktur geschildert, um den Arbeitskräften Unterkünfte und Verpflegung zu bieten. Dass sich den Amerikanern bei der Befreiung des KZs freilich ein ganz anderes Bild bot, wird ebenso verschwiegen, wie die nach Neufeld mehrfach dokumentierte Anwesenheit Wernher von Brauns im KZ Buchenwald, um dort KZ-Insassen für die Mitarbeit im Mittelwerk auszusuchen, wobei seine SS-Mitgliedschaft äußerst hilfreich war. Auch, dass von Braun öfter in den unterirdischen Stollen war, in denen die KZ-Häftlinge unter unmenschlichen Bedingungen die V2 und anderes Kriegsgerät zusammenbauen mussten, lässt der Autor unter den Tisch fallen. Überhaupt wirken seine Bezüge zu den Menschen, die leiden mussten, um die Raketen für die Peenemünder, die Wehrmacht und die SS zu bauen, irgendwie notgedrungen, so als wären die vielen Toten nur unangenehme Begleiterscheinungen auf dem Weg zum Mond.


Auch unterliegt der Autor einer Fehleinschätzung, wenn er schreibt, dass ein früherer Fronteinsatz der V2 viel Gutes bewirkt und noch mehr Todesopfer vermieden hätte. Das Gegenteil ist der Fall, denn die heutigen Historiker sind sich darüber einig, dass, wäre der Krieg nicht am 8. Mai 1945 in Europa beendet worden, die ersten Atombomben auf deutsche Städte abgeworfen worden wären. Die hießen dann nicht Hiroshima und Nagasaki, sondern womöglich Hamburg, Berlin, Köln oder München als "Hauptstadt der Bewegung", wie man die bayerische Metropole damals nannte.


So fragt man sich, ob sich ein Kauf diese Buches lohnt. Ehrlich, ich weiß keine rechte Antwort darauf, aber hätte ich mehr über den Inhalt gewusst, hätte ich es wohl nicht gekauft.

Kommentare:

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