Montag, 12. September 2011

Bloggen aus dem Urlaub (2)

Für den heutigen Tag waren die Wetteraussichten nicht mal annähernd so gut, wie am gestrigen. Statt eines Tages am Strand entschloss ich mich daher, nach Anklam zu fahren. Auf den ersten Blick kein guter Entschluss, denn diese Stadt offenbart die Probleme vieler Städte und Gemeinden entlang der deutsch-polnischen Grenze. Mittlerweile ist nicht nur das Einkaufen in den grenznahen polnischen Regionen günstiger, auch finden dort oft mehr Menschen eine Arbeit als in Deutschland. Und Anklam gehört leider zu den Städten, wo die Bevölkerung immer mehr abwandert, entweder nach Polen oder in andere Bundesländer weiter westlich.


Dabei hat Anklam durchaus einiges zu bieten, zumindest für Touris, z.B. das Museum in Steintor. Dem gegenüber liegt übrigens der Pulverturm mit einer auch astronomisch interessanten Geschichte, denn hier hatte einst Gustav Spörer (1822-1895) in den Jahren von 1860 bis 1874 eine Sternwarte nur für die Sonnenforschung betrieben. Seit 1855 war er Oberlehrer in Anklam und zu seinen Schülern gehörte auch Otto von Lilienthal, der Segelflugpionier.


In Anerkennung für seine Verdienste bekam Spörer 1868 vom Kronprinzen Friedrich Wilhelm ein Fernrohr geschenkt. Heute verbindet man mit Spörers Namen Untersuchungen zum Sonnenfleckenzyklus, er untersuchte wie Edward Maunder das Fleckenminimum in den Jahren zwischen 1645 und 1715. Die späteren Ehren wurden aber Maunder zugesprochen. Dafür entdeckte er die Breitenwanderung der Sonnenflecken im Laufe eines Fleckenzyklus (Stichwort Schmetterlingsdiagramm), heute bekannt als das Spörersche Breitenwanderungsgesetz. Nach 1879 ging Spörer an die Berliner Sternwarte. Allein über seine vielfältigen Arbeiten zur Sonnenphysik, wobei er auch die 1860 aufgekommene Spektralanalyse intensiv einsetzte, sollen 50 verschiedene Schriften entstanden sein. Heute weits auf Spörer nurmehr eine Plakette am Pulverturm hin. Überreste seiner ehemaligen Sternwarte, die damals als Rundbau auf den Turm aufgesetzt wurde, sind heute nicht mehr vorhanden und wurden auch bei der Rekonstruktion 1998 nicht berücksichtigt.


Die Geschichte des Spörerschen Beobachtungsturms ist auch sehr interessant. Um 1450 fertiggestellt und erst 1463 erstmals urkundlich erwähnt, war er Teil der Stadtmauer, hatte früher eine andere Spitze und erlangte besonders im Dreissigjährigen Krieg besondere Bedeutung. Zuvor war er ein Wehrturm in der konfliktreichen Epoche des Adelsgeschlechts derer von und zu Schwerin, das seinerzeit unweit von Anklam im Schloß Stolpe residierte.


Noch später war hier das Stadtgefängnis, danach das Pulvermagazon der Stadt Anklam untergebracht. Die letzte besondere Nutzung des Turms war, als Spörer dort seine Sternwarte eingerichtet hatte.


Über die Jahre hinweg verfiel das Bauwerk zusehends und ist seit Ende des letzten Jahtausends in einem wieder hergestellten, ansehnlichen Zustand. Ob man ihn besichtigen kann, darüber gab die Hinweistafel keine Informationen.


So bewahrheitete sich am heutigen Tag mal wieder, dass man nur die Augen offen halten muss, um an vielen Orten, wo man gar nicht damit rechnet, auf Spuren von Astronomen oder vergessenen Sternwarten stoßen kann.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen