Sonntag, 11. September 2011

Besuch in Peenemünde (4)

Wieder im "Haus des Gastes" im beschaulichen Bansin: Den gestrigen Tag habe ich wieder mal in Peenemünde verbracht, dieses Mal aber nicht auf dem Museumsgelände. Um 13 Uhr wollte ich an einer Historischen Rundfahrt teilnehmen, die vom Flugplatz Peenemünde aus startet.


Zuvor suchte ich aber erst mal wieder den berühmten Parkplatz gegenüber den Resten der alten Hauptwache auf. Entlang des freigegebenen Wanderweges in Richtung Karlshagen wollte ich zwei der Punkte aus dem Museumsplan aufsuchen. Wegen der diversen Mückenstiche, die ich mir bei meiner letzten Wanderung zugezogen hatte, trug ich dieses Mal eine armlange Jacke und einen breitkrempigen Hut. Vorweg genommen: auch das half mir nicht und am Ende hatte ich einen richtig dicken Hals.


Das hielt mich aber dennoch nicht davon ab, das Gelände zu erkunden, wobei ich mich zunächst an die Weisung hielt, die vorbezeichneten Wege nicht zu verlassen. Die zahlreichen, aus Bombentrichter entstandenen Tümpel sind ein Segen für die einzigartige Naturlandschaft am Peenemünder Haken. Vor allem für die Steckmücken ...


Die erste Station waren die Überreste des ehemaligen Fernheizungssystems, damals das modenste im ganzen Deutschen Reich. Heute sieht man davon nur ein Paar Trümmerstücke und, im Unterholz verborgen, hier und da mal ein kurzes Stück Leitung, das damals nicht von den Russen demontiert worden ist. Weiter ging es in Richtung Karlshagen, so sich linker Hand diverse kleine Wege abzeichneten, die natürlich mit dem obligatorischen Hinweisschild, aber nicht mit einem Zaun gesperrt waren. Schließlich sah ich eine kleine Rampe, die auf eine betonierte Fläche führte. Es war die Verladestation, die ich vor ein paar Tagen doch nicht erreicht, sondern mit etwas anderem verwechelt habe. Das Teil war schnell erkundet und da ich auf den verbotenen Wegen ein paar Fahrräder stehen sah, gsing ich davon aus, dass man da gefahrlos herumlaufen konnte. So gelangte ich zu den Überresten der Fertigungshalle F1, ebenfalls eines def mordensten Hallen ihrer Art, die durch eine spezielle Dachkonstuktion dafür sorgte, dass man das Tageslicht optimal nutzen konnte, um damit Energie für die Beleuchtung zu sparen ...


Wenn ich mich da nicht allzusehr verirrt habe, besteht die Halle nur noch aus einem aufgeschütteten Trümmerberg. Von der einstmals futuristischen Konstruktion ist heute nichts mehr erhalten. Andere Gebäudereste sollen noch im Wald stecken, aber da hatte ich mich nun doch nicht mehr hingetraut.


Das jedenfalls glaubte ich, bis ich nach aktuellen Bildern der Fertigungshalle, bzw. deren zum Teil sehr umfangreichen und massiven Betontrümmer gegoogelt hatte. In den Waldstücken befindet sich noch viel mehr, das der eigenen Erkundung harrt.


Wenn man mutig wäre, müsste man von den Wegen, die durch den Wald in Richtung Peeneufer abgehen, direkt zu den dort liegenden ehemaligen Prüfständen, bzw. deren heute noch (zum Teil) vorhandenen Ringwällen kommen.


Irgendwann machte ich mich auf den Rückweg zum Auto, fuhr kurz zum Museum, verschlang ein Eis und fuhr dann weiter zum Flugplatz.


Die Rundfahrt begann pünktlich und brachte uns Fahrgäste, nachdem wir im Wald in einen Bus umsteigen mussten, zu den Überresten der alten Schussversuchsanlagen für den alten Kirschkern, der Tarnbezeichnung fur die spätere V1. Hier wurden mehrere Typen von Rampen getestet und deren Flugbahnen von der Messstation auf der nahe gelegenen Insel Ruden, die künftig auch zur Museumslandschaft gehören wird, vermessen wurden.


Wir erfuhren viel auch über die Geschichte von Peenemünde-West, der Erprobungsstelle der Luftwaffe, die später von einer Jagdfliegerstaffel der Roten Armee und noch später vom Jagdgeschwader 9 der NVA genutzt wurde. Das Werk Ost, die ehemalige Heeresversuchstelle Peenemünde, wurde nicht wieder aufgebaut, nachdem man alle Anlagen demoniert oder gesprengt, aus dem Boden gerissen oder, durch Luftangriffe zerstört, einfach sich selbst überlassen hat. Heute verstehen vor allem alliierte Besuchergruppen aus Russland, den USA und England nicht, wieso man das Gelände nicht offener und musealer gestaltet. Dabei zeigen die Engländer, die am meisten unter den V2-Raketen zu leiden hatten, noch am ehesten Verständnis dafür, dass man diese Stätte der NS-Waffenforschung lieber sich selbst überlässt. Außerdem stellen Teile davon ein einzigartiges Übungsgebiet fur die Bundeswehr dar, die einzelne Bereiche nicht anders nutzt, als damals die NVA. So sind manche Zerstörungen im Bereich der alten HVA auch neueren Datums.


Über die Jahre hinweg, als man die Landschaft sich selbst überließ, hat sich die Natur binnen wenige Jahrzehnte das zurückerobert, was ihr seit 1936 genommen worden ist. Dadurch ist ein einmaliges Biotop entstanden, das unter Naturschutz steht. Wenn man bedauert, dass man die ehemaligen Anlagen, von denen ohnehin nur Trümmer, tiefe Löcher im Boden, wassergefüllte Tümpel etc. vorhanden sind, nicht besichtigen kann, sollte man auch an den Erhalt der Natur denken, die für viele Tier- und Pflanzenarten zu einer neuen Heimat geworden ist. Problematisch aber ist die unkontrollierte Ansiedlung von Kormoranen, deren Kot zu einem Massensterben im Baumbestand führt.


In den kommenden Tagen werde ich wohl nochmal da hinfahren und an einer offiziellen Führung zum Prüfstand VII teilnehmen, sofern genügend Teilnehmerinnen und Teilnehmer zusammen kommen und es auch vom Wetter her passt. Der Grundwasserspiegel liegt auf der Insel Usedom sehr niedrig, und ist durch den vielen Regen der letzten Zeit, soweit angestiegen, dass manche Zufahrtswege bis zu 2 bis 3 Metern tief überflutet sind und  von dem eingesetzten Bus dann leider auch nicht passiert werden können. Und irgendwo mitten im Wald mit dem Bus in einer mit Wasser gefüllten Vertiefung stecken zu bleiben, ist sicher auch kein Vergnügen.

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