Dienstag, 12. April 2011

12. April 1961: Juri Gagarin ist der erste Mann im All

Er dauerte nur 89,34 Minuten und führte einmal um die Erde herum, dennoch schrieb er Geschichte: Der erste bemannte Weltraumflug durch den sowjetischen Kosmonauten Juri Gagarin an Bord des Raumschiffs WOSTOK-1. Erste Planungen für einen bemannten Weltraumflug gab es in der UdSSR bereits Ende 1957 und wurde beschleunigt, als bekannt wurde, dass die USA in Gestalt des MERCURY-Programms ebenfalls an bemannten Weltraumflügen arbeiteten.

So sollte Ende 1960 das Testprogramm des WOSTOK-Raumschiffs beginnen. Die Konstrukteure des Raumfahrzeugs schlugen derweil in einem Memorandum an das Zentralkomitee der  KPdSU (Kommunistische Partei der Sowjetunion) vor, bereits im Dezember 1960 einen ersten bemannten Weltraumflug zu unternehmen. Zwei Gründe führten jedoch dazu, dass der Start verschoben werden musste. Der eine war der Start der ersten sowjetischen Venussonde VENERA-1. Sie startete am 12.2.1961 erfolgreich, aber schon am 19.2. ging in 2 Mio. km Entfernung zur Erde die Funkverbindung verloren; die Sonde flog am 12.9.1961 in 100.000 km Entfernung an dem wolkenverhangenen Planeten vorbei, war dafür immerhin das erste irdische Raumfahrzeug, das in seine Richtung flog.

Der zweite Grund für die Startverschiebung war weitaus schwer wiegender: Die Nedelin-Katastrophe am 24. Oktober 1960. Benannt nach den Chef der strategischen Raketentruppen, Marschall und Held der Sowjetunion, Mitrofan Iwanowitsch Nedelin (1902-1960), kam es an dem bewussten Tag zu einer katastrophalen Fehlentscheidung. Auf dem Startplatz am Kosmodrom Baikonur (aus Tarngründen teilweise auch mit dem Namen Tjuratam versehen) stand die neuentwickelte und erste echte Interkontinentalrakete R-16 der UdSSR und wurde einer Reihe von Tests durchgeführt.

Auf Druck von Parteichef Nikita Chrustschow sollte der Start unbedingt am Tag der Oktoberrevolution erfolgen. Dafür sollte Marschall Nedelin unter allen Umständen sorgen. Doch die Rakete war noch nicht soweit, dass sie hätte starten können. Marschall Nedelin schlug alle Bedenken beiseite und forderte, den Start am 24. Oktober 1960 durchzuführen und platzierte sich 8m neben der Rakete auf einen Stuhl, um die Sicherheit der sowjetischen Raketensysteme zu demonstrieren. Techniker und Wissenschaftler sahen sich nun gezwungen, es ihrem militärischen Befehlshaber gleichzutun. Durch den Fehler eines unter hohem Druck stehenden Technikers, der den Aktivierungsschalter für die Startsequenz in die richtige Position bringen wollte, wurde die Schalterstellung, die ein manuelles Zünden der 2. Raketenstufe herbeiführen sollte, übersprungen. Dabei zündete die zweite Stufe der Rakete auf dem Startplatz und zerriss den Flugkörper in einer fürchterlichen Explosion. Dabei starben verschiedenen Quellen zufolge zwischen 126 und 157 Menschen, als innerhalb von 90 Sekunden 124 Tonnen Treibstoff explodierten. Von Nedelin fand man später nur seinen Orden „Held der Sowjetunion“.

Der Tod vieler Wissenschaftler und Techniker warf das sowjetische Raumfahrtprogramm um Jahre zurück, was auch Auswirkungen auf den Start des ersten bemannten Weltraumflug hatte, der sich bis zum 12. April 1961 verzögerte. Bis dahin gab es eine Reihe unbemannter Testflüge, so am 22.12.1960 (zwei mitgeführte Hunde überlebten eine Notlandung in Sibirien anch einem Problem mit der Oberstufe der Rakete), am 9.3.1961 (das Raumschiff flog erfolgreich in der WOSTOK-Konfiguration und hatte ebenfalls zwei Hunde und einen Dummie an Bord) und am 25.3.1961, der Generalprobe für den ersten Weltraumflug.

Den Start der WOSTOK-1 mit Juri Gagarin, der nach einem strengen und mühsamen Auswahlverfahren schließlich als erster für den Raumflug bestimmt wurde (im Falle eines Ausfalls wäre German Stepanowitsch Titow (1935-2000), der am 6. August 1961 als zweiter Mann die Erde in dem Raumschiff WOSTOK-2 an der Reihe gewesen) legte man schließlich auf den 12. April 1961 fest. Aus den ursprünglich vorgesehenen zwei Erdumkreisungen wurde aber nur eine einzige, weil man bei den Hunden, die ins All geflogen waren, Anzeichen von Raumkrankheit festgestellt hatte und Probleme bei Gagarin vermeiden wollte.

Bereits um 3 Uhr Ortszeit nahmen die Spezialisten der Bodenstation ihre Plätze ein, um 5:30 Uhr erfolgten das – wie auch in den USA – später traditionelle Frühstück, letzte medizinische Untersuchungen, um 6:50 Uhr stieg Gagarin in die Raumkapsel ein. Um 7:50 Uhr wurde die Luke verschlossen, musste jedoch später wieder geöffnet werden, weil eine Automatik wies darauf hin, dass, das die Verriegelung nicht ordnungsgemäß war. Wegen dieser Panne konnten die am Startturm anwesenden Techniker diesen erst 30 Minuten vor dem anberaumten Start wieder verlassen. Um 9:06:59,7 Uhr Ortszeit zündeten die Triebwerke der ersten Stufe und WOSTOK-1 startete mit Juri Gagarin an Bord zum ersten bemannten Weltraumflug der Geschichte. Doch ganz so perfekt lief der erste Flug nicht ab, wie man jahrelang alle Welt weiß machen wollte. Während des Aufstiegs wurde Gagarin mit mehreren g Beschleunigung in die Liege gepresst, der Pulsschlag erhöhte sich auf 150 Schläge pro Minute. Nach dem Auslaufen der 2. Stufe setzte schlagartig die Schwerelosigkeit ein und Gagarin wurde nun mit aller Gewalt in die Sicherheitsgurte gepresst. Nach dem Abtrennen der 3. Stufe erreichte WOSTOK-1 (weil die Trägerrakete mangelhaft gearbeitet hatte) einen um 70 km höheren Orbit als vorgesehen. Der Flug selber verlief außerordentlich ruhig, Gagarin hatte auch nicht sehr viel zu tun, außer, die Funkverbindung zu halten und die Erdoberfläche zu beobachten. Medizinische Daten wurden von den an seinem Körper befestigten Sensoren automatisch gemeldet und echte wissenschaftliche Untersuchungen waren bei diesem Erstflug nicht eingeplant worden. Immerhin nahm er die erste Weltraummahlzeit zu sich, in Tuben gepresste, pürierte Nahrung, die ihm aber nicht sonderlich schmeckte. Ein Phänomen, das heute allgemein bekannt ist, seinerzeit aber noch nicht.

Um 10:25 Uhr erfolgte die 40 s lange Zündung der Bremstriebwerke, was Gagarin durch einen leichten Anstieg der Beharrungskräfte wahrnahm. Dadurch kam es zu einem Zwischenfall, der leicht in einer Katastrophe hätte enden können. Zur Vorbereitung des Wiedereintritts in die Erdatmosphäre hatte Gagarin nicht nur die Rollläden in dem Raumschiff an zwei Fenstern heruntergelassen, sondern das Raumschiff auch in leichte Drehbewegungen versetzt, um eine Aufheizung durch die Sonne abzumildern. Um landen zu können musste die Landekapsel vom Rest des Raumschiffs abgetrennt werden, ein Verfahren, was die USA bei den APOLLO-Flügen ebenfalls praktizierten. Doch die Trennung war auch nach 2 Minuten noch nicht erfolgt. Zwar konnte der Körper des Service-Teils abgetrennt werden, blieb aber durch einige Kabel nach wie vor mit der Landeeinheit verbunden. Gleichzeitig begann sich das Raumschiff um den neuen Massenschwerpunkt zu drehen. Zwar hätte man wohl in dieser Konfiguration landen können, doch würde der Landeplatz irgendwo im Fernen Osten der Sowjetunion liegen. Nun kam aber die atmosphärische Reibung dem ersten Kosmonauten der Welt zu Hilfe, sie schmolz die Kabelverbindungen und 10 Minuten später als geplant wurden beide Raumflugkörper dann doch noch erfolgreich voneinander getrennt, wodurch sich auf die Eigenrotation von WOSTOK-1 verringerte. Der Abstieg konnte beginnen. Gagarin nahm in dieser Zeit außerhalb der Kapsel ein violettes Leuchten wahr, bemerkte einen kurzfristigen Anstieg der Schwerkraft auf das zehnfache und berichtete später von einem etwa 2 bis 3 Sekunden andauernden Sehkraftverlust. Erst nach Durchbrechen der Schallmauer hörten diese Effekte wieder auf.

In 7 km Höhe wurde der Hauptfallschirm der Landekapsel geöffnet und nur Augenblicke später Gagarin per Schleudersitz herausbefördert. Gagarin landete schließlich in der Nähe des vorausberechneten Landepunktes nahe dem Verwaltungsbezirk Saratow, 26 km südwestlich der Stadt Engels, wo er schon bei Trainingssprüngen gelandet war. Die Landekapsel ging unterdessen 2,5 km entfernt in einer Schlucht, nicht weit von einem Haus entfernt, nieder.

Der erste Weltraumflug war beendet. Juri Gagarin wurde zu allerlei Feierlichkeiten eingeladen und mit Orden ausgezeichnet, doch in den Weltraum durfte er nie wieder starten. Bis 1963 war er Chef der sowjetischen Kosmonauten und studierte anschließend an der Militärakademie Prof. N.J. Schukowski Ingenieurswissenschaften. Außerdem war er als Ersatz für Wladimir Komarow vorgesehen, der am 24.4.1967 bei der Landung von SOJUS 1 ums Leben kam.

Die Umstände von Gagarins Tod am 27.3.1968 sind bis heute nicht geklärt. Nach offiziellen Verlautbarungen starb er beim Absturz seiner MiG-15 UTI aufgrund mehrerer Pilotenfehler. Untersuchungsberichte der nach dem Unglück eingerichteten Kommissionen wurden bis heute nicht veröffentlicht, auch, um den Heldstatus von Gagarin nicht zu gefährden. Erst Mitte der 80er Jahre gelang es Alexei Leonow, in die Berichte Einsicht zu erlangen. Danach waren am Tag des Absturzes vier Abfangjäger vom Typ Suchoi-15 in der gleichen Gegend unterwegs wie Gagarin, wobei einer der Flugzeuge Gagarins MiG zu nahe kam und durch die Luftströmungen den Absturz herbeiführte. Leonow, der unweit der Absturzstelle an jenem Tag Fallschirmsprünge absolviert hatte, konnte sich an zwei Überschallknalle erinnern, die nur 1 bis 2 Sekunden auseinander lagen, während der Untersuchungsbericht von 15 bis 20 Sekunden ausging. Möglicherweise wurden, ganz gleich, wie viel Abstand zwischen beiden Ereignissen lag, im Cockpit falsche Angaben vom Höhenmesser angezeigt, sodass der Sturzflug der MiG nicht mehr abgebremst, die Maschine nicht mehr abgefangen werden konnte und schließlich am Boden zerschellte. Gerüchte, wonach Gagarin ermordet wurde, weil er Kritik am System der Sowjetunion geäußert haben soll, wurden indes nicht bestätigt.

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