Mittwoch, 16. März 2011

Alle AKWs aus, und dann???

Mit meinem heutigen Posting will ich mal den Fokus nicht auf die Frage richten, woher wir als Industrienation nach einem Ausstieg aus der Kernkraft dann unseren Strom beziehen sollen. Vielmehr stellt sich die Frage, was aus den Menschen wird, die im Kraftwerk arbeiten, was es für die Gemeinden bedeutet, wenn ein AKW stillgelegt wird.

Vor einiger Zeit gab es einen TV-Bericht auf N 3, in dem die Folgen des Atomausstiegs für die Gemeinde Brokdorf geschildert wurden. Der Kraftwerksbetreiber hat pro Jahr rund 20 Mio. EUR an Grund- und Gewerbesteuer an die Gemeinde gezahlt. Davon hat sich die Gemeinde, weil ja Geld im Überfluss vorhanden war, einiges, auch Unsinniges, geleistet, das umliegende Kleingewerbe wie Zeitungshändler, Cafés hat von den Arbeiterinnen und Arbeitern gelebt. Mit ihrem Geld haben sie zudem dafür gesorgt, dass die Umsatzsteuer reichlich floss. Das hat nicht nur dazu geführt, dass die Gemeinde, sondern auch der Kreis und das Land Schleswig-Holstein, ein gutes Stück vom Kuchen abbekommen haben. Wird ein AKW stillgelegt, brechen diese Einnahmen weg, die Gewerbetreibenden müssen die Geschäfte aufgeben und gehen Pleite.

So ist es Stade nach dem Abschalten des AKWs ergangen und man wünscht sich dort lieber heute als morgen einen gleichartig finanzstarkes Gewerbe zurück.

So nahm die Stadt 2002, ein Jahr vor der Abschaltung des AKW 52 Mio. EUR an Steuern ein, 2009 waren es gerade mal 20 Mio. Die Folgen für die Stadt sind überall sichtbar und dauern bis heute an.

Zudem wurden durch die Abschaltung des AKWs am 14.11.2003 viele Kernkraftarbeiter arbeitslos. Einige werden noch beschäftigt sein, solange der Rückbau läuft. Aber waas dann? Sie sind Spezialisten auf ihrem Gebiet und werden irgendwann nicht mehr gebraucht. Selbst wenn alle AKWs von jetzt auf gleich abgeschaltet würden, wäre noch Arbeit für viele Jahre da, aber irgendwann ist die Arbeit erledigt und ein AKW-Arbeiter hat dann aufgrund seiner hohen Qualifikation keine Chance mehr auf einen adäquaten Arbeitsplatz. Und bekanntlich gibt es nur eines, was schlimmer ist, als unqualifiziert zu sein: Man ist überqualifiziert.

Doch damit nicht genug: Auch beim Rückbau der AKWs werden Aufträge an Fremdfirmen erteilt. Das sind oft Spezialfirmen, die sich auf die Arbeit am, im oder rund um das AKW konzentrieren. Fallen die Aufträge weg, gehen sie Pleite. Die Beschäftigten werden arbeitslos und die Gemeinden nehmen noch weniger Steuern ein. Geringere Steuereinnahmen haben aber immer eine Erhöhung gemeindlicher Gebühren zur Folge. Insofern verwundert es nicht, dass es in Stade nach dem Abschalten des AKWs Demonstrationen gegen diese Entscheidung gab.

Nun kann man freilich der betreffenden Gemeinde vorwerfen, sie habe in guten Jahren zu üppig gelebt, sodass nun die Unterhaltungskosten etwa für Schwimmbäder die öffentlichen Kassen erdrücken. Aber mal ehrlich: Würde man selber, wenn man gerade gut verdient, auf Lebensstandard verzichten, nur weil vielleicht in ein paar Jahren man fremdbestimmt die Arbeit verlieren könnte?

Freilich, die Frage nach dem finanziellen Fallout der Gemeinden, in denen AKWs stehen, tritt auch auf, wenn beispielsweise Bundeswehrstandorte geschlossen Firmenstandorte aufgegeben werden etc. Auch dort kämpft die öffentliche Hand ums Überleben. Aber ein massiver Ausstieg aus der Atomenergie, der von heute auf morgen erfolgt, bedeutet neben dem Gefühl der größeren Sicherheit (das nur vermeintlich ist, weil rund um Deutschland herum neue AKWs gebaut werden) auf jeden Fall den finanziellen Kollaps für die betroffenen Gemeinden. Mal abgesehen von den Kosten für den Rückbau, die die Kraftwerksbetreiber zwar selber tragen müssen, aber garantiert sich über höhere Stromkosten wieder hereinholen!

Kommentare:

  1. "Atomausstieg gefährdet Steuereinnahmen bei Gemeinden" ist echt das Beste, was ich seit "Tempolimit auf Autobahnen gefährdet Arbeitsplätze in der Deutschen Automobilindustrie" gehört habe ...

    Bitte mach weiter mit deinem interessanten Blog zu Astronomie, Sonne, Astronomie-Geschichte, usw., aber lass die Finger von solchen politischen Themen. Sonst bin ich leider gezwungen diesen Blog aus meinem Feed-Reader zu entfernen ;-)

    LG von einem wechsel-wählenden Öko ...

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  2. Hallo Anonym,

    es gibt leider Wahrheiten in diesem Land, die keiner hören will. Man mag die Steuereinnahmen, die den Gemeinden von den AKW - Betreibern gutheißen, oder nicht, aber Tatsache ist nun mal leider, dass Gemeinden wie Stade oder Brokdorf jahrzehntelang sehr gut mit dem Geld der AKW-Betreiber gelebt haben und nun bankrott gehen. Dass dann aber plötzlich Geld für Kitas etc. fehlt, will niemand sehen.

    Man kann natürlich sagen, okay, AKWs aus, die Steuereinnahmen, die wegbrechen, die Arbeitslosen, die wir dann zusätzlich haben, sind im Sinne des Gemeinwohls unbd der Gesundheit der Bürgerinnen und Bürger zu verkraften und in Kauf zu nehmen.

    Am Beispiel der Gemeinde Brokdorf wird aber deutlich, wie abhängig die Gemeinden von den Steureinnahmen sind. Dort hat / hatte man bislang 2,5 Mio. EUR pro Jahr zur Verfügung, allein 2 Mio steuert dabei das AKW bei. Davon hat man sich so einiges geleistet, wie Spaßbäder etc. Die Frage ist natürlich berechtigt, ob das denn sein musste. Fallen aber die 2 Mio weg, weil das AKW aufgegeben wird, heißt es für die Gemeinde, dass man die Betriebskosten für Bäder, Kitas etc. nicht mehr aufbringen kann und diese Einrichtungen dann schließen muss. Ich war, ehrlich gesagt, selber erstaunt, welche Abhängigkeiten hier im Spiel sind. Dies kam auch in dem besagten TV-Bericht zur Sprache. Man könnte auch fragen, ob AKWs bewusst dort gebaut wurden, wo man mit Steuern, die die Betreiber ja zahlen müssen, von vornherein politische Abhängigkeiten schafft!

    Gut, manchmal muss man Massnahmen ergreifen, die sich nachteilig auswirken. Nur für die Betroffenen (ein Kumpel von mir hatte in Stade bei einer Fa. gearbeitet, die für das AKW tätig war und ist jetzt seit 2003 arbeitslos, weil keiner sein Wissen mehr braucht und er bei allen möglichen Neueinstellungen als zu hoch qaulifiziert eingestuft wird. Ein Mitarbeiter kann ja nicht höher qualifiziert sein als der Chef).

    Dein Vergleich hinkt aber insofern, als das ein Tempolimit auch meiner Meinung nach keine Arbeitsplätze gefährden würde. Diese Aussage wäre nur vergleichbar, man den Autoverkehr in Deutschland verbieten würde.

    Das Posting war auch nicht pro-AKW gedacht, sollte eher auf die Nebenwirkungen hinweisen, die kaum beachtet werden. Beruflicherseits weiß ich aber leider, wovon ich hier schreibe.

    Viele Grüße

    Manfred

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  3. 45 Min - Risiko Atomkraft

    Zitat: "Für den Film haben wir auch Material verwendet, das wir aus juristischen Gründen leider nur für eine Woche nach der Ausstrahlung ins Netz stellen dürfen."

    Also, jetzt gucken:

    http://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/45_min/videos/minuten267.html

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  4. Hallo Anonymus,

    interessanter Beitrag. Aber selbst wenn in Deutschland alle AKWs abgeschaltet werden, was kümmert das Franzosen, Tschechen, Schweizer oder Polen??? Die lachen über uns und freuen sich, dass sie ihren Atomstrom künftig für teures Geld an Deutschland verkaufen können und wir dürfen noch höhere Strompreise erwarten ...
    Lediglich Österreich scheint eine ähnliche Linie wie wir fahren zu wollen, alle anderen machen unverdrossen weiter ...

    In den genannten Ländern würde man sich erst ändern, wenn es da auch einen größeren Störfall gäbe, von dem wir dann auf jeden Fall auch betroffen sein werden. Zumindest was die grenznahen AKWs angeht. Und das andere unserem Beispiel folgen würden, erscheint zumindest im Augenblick wenig wahrscheinlich. Leider.

    Viele Grüße

    Manfred

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  5. Hallo Anonymus,

    hier steht über Brokdorf genau ds, was ich im Blog gesagt habe, allerdings mit etwas anderen Zahlen, als ich sie im Kopf habe:

    http://www.ndr.de/regional/kommunen127.html

    Gruß

    Manfred

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