Donnerstag, 10. Februar 2011

Das APOLLO-SOJUS-Test-Programm

Mittlerweile wird schon spekuliert, ob das amerikanische Shuttle-Programm nicht doch bis zur Fertigstellung der neuen (privaten) Raumfähren-Generation in irgendeiner noch festzulegenden Form weitergeführt wird.

Der Grund hierfür ist klar: Einerseits kann nur das Shuttle schwere Lasten ins All transportieren, oder die ISS auf eine höhere Umlaufbahn anheben. Dies würde bei einer deutlich ansteigenden Sonnenaktivität (wovon man im Augenblick aber nicht viel merkt) auch dringend notwendig werden: Durch einen verstärkten Partikelstrom von der Sonne dehnt sich die Ionosphäre der Erde aus und deren Teilchen könnten sich an der Raumstation reiben und diese, wie seinerzeit die Raumstation SKYLAB im Jahr 1979, zum Absturz oder zumindest auf eine niedrigere Umlaufbahn absinken lassen.

Nach der Einstellung der Mondflüge mit APOLLO 17 im Dezember 1972 und der zwar schon geplanten, aber noch längst nicht fertig gestellten Space Shuttles, besaßen die USA im Zeichen des Kalten Krieges im Prinzip keinen eigenen Zugang in die Umlaufbahn. Zwar gab es mit den Mission Skylab 1 bis 4 noch ein paar Anstrengungen (die aber auf der Verwertung bereits für die APOLLO-Missionen 18 bis 20 gefertigter Elemente), und 1975 noch die APOLLO-SOJUS-Mission (wobei das letzte, noch zur Verfügung stehende APOLLO-Raumschiff verwendet wurde), dann aber konnte man bis zum 12. April 1981 keine eigenen Astronauten mehr ins All schicken. Schauen wir uns daher mal die heutzutage fast vergessene ASTP-Mission mal ein wenig genauer an.

Das APOLLO-SOJUS-Test-Projekt, dass dann und wann falsch als APOLLO 18 bezeichnet wird, verdanken wir vor allem geänderten politischen Rahmenbedingungen. Ohne die Anfang der 70er Jahre einsetzende Entspannungspolitik wäre eine derartige Mission undenkbar gewesen. Am Rande von Konsultationen zwischen den USA und der damaligen Sowjetunion wurde bereits 1972 ein gemeinsamer Weltraumflug als Symbol für das gegenseitige Vertrauen vereinbart. Anfang 1973 wurde dann die Mannschaft für den Weltraumflug bekannt gegeben. Bis zum endgültigen Flug 1975 war das die längste Zeit, die man je für die Vorbereitung eines APOLLO-Fluges benötigte.

So war dieser erste amerikanisch-sowjetische Gemeinschaftsflug denn auch eher ein Propagandaunternehmen, wenn auch auf beiden Seiten nebenher ein wenig Wissenschaft betrieben wurde. Ein wenig überraschend gilt er heute als Grundstein für die gemeinsam zwischen Amerika und Russland sowie einigen anderen Ländern betriebene ISS, denn über den Flug im Jahr 1975 hinaus wurden zunächst keine gemeinsamen Unternehmungen in der Weltraumfahrt vereinbart. Dies wurde erst nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wieder ein Thema.

Damit aber ein amerikanisches APOLLO- und ein sowjetisches SOJUS-Raumschiff sich im All miteinander verbinden konnten, musste man nach einer Lösung für den Ausgleich der unterschiedlichen technischen Systeme gesucht werden. Die Antwort fand man in Form eines Dockingmoduls mit Luftschleuse und Kopplungsstutzen. Hauptproblem waren die unterschiedlichen Luftgemische in den beiden Raumschiffen. In APOLLO bestand die Luft aus reinem Sauerstoff bei einem Druck von 34% der Erdatmosphäre, in SOJUS traditionell aus Sauerstoff und Stickstoff im gleichen Mischungsverhältnis wie in der irdischen Lufthülle. Für die gemeinsame Mission wurde dieses aber auf 68% der üblichen Mischung reduziert.

Das Modul wurde im „Frachtraum“ der letzten SATURN-IB untergebracht, die APOLLO in den Erdorbit beförderte. Aus diesem wurde es dann herausgezogen und mit dem Kommandoteil APOLLOs verbunden (analog zum Verfahren beim Herausholen des Mondlandefahrzeugs aus der S IVb bei den Mondflügen).

SOJUS 19 war das Raumschiff auf sowjetischer Seite, bemannt mit Alexei Leonow (flog bei Woschod-2 mit) und Waleri Kubassow (Ersatzmannschaft: Anatoli Filiptschenko und Nikolai Rukwischnikow, beide flogen zuvor die SOJUS 16), das auch zuerst startete. Am 15 Juli 1975 hob es an der Spitze einer SOJUS U-Rakete ab. Der Start war der erste, der jemals live aus der UdSSR übertragen wurde.

Ganze 7,5 Stunden später startete die APOLLO-Mannschaft von Cape Canaveral aus. Kommandant war Thomas Stafford (GEMINI 6, GEMINI 9, APOLLO 10), Pilot Vance Brand (war zuvor nur in Unterstützungsmannschaften tätig, aber noch nie im All) und Dockingmodul-Pilot Deke K. Slayton (war trotz langer Zugehörigkeit zu den NASA-Astronauten auch noch nie im All). Die Ersatzmannschaft bestand aus Alan Bean (APOLLO 12, SKYLAB 3), Ron Evans (APOLLO 17) und Jack Lousma (SKYLAB 3, später STS-3).

Nach dem Start von APOLLO waren, ein Novum für die damalige Zeit, sieben Astronauten auf einmal im Weltraum, denn auf der sowjetischen Raumstation SALJUT 4 versahen gerade zwei weitere Kosmonauten ihren Dienst.

Am 17. Juli 1975 nahmen die beiden Raumschiffe um 8:01 OAZ das erste Mal Sichtkontakt zueinander auf und leiteten sogleich das Rendezvous-Manöver und die Kopplung ein, wobei APOLLO die aktive und SOJUS die passive Rolle übernahm. So blieben beide Raumschiffe zunächst für 44 Stunden miteinander verbunden. In dieser Zeit stiegen gleich mehrmals Astronauten und Kosmonauten in das jeweils andere Raumschiff über, wobei aber immer ein Mitglied der jeweiligen Stammbesatzung an Bord blieb. Klar, dass es davon jede Menge Foto- und Fernsehtermine und –übertragungen gab, die das gemeinsame in der Weltraumfahrt betonen sollten. Die erste Begegnung im All fand am 17. Juli 1975 um 14:15 Uhr OAZ statt, als Stafford und Slayton die SOJUS betraten.

Nach den 47 Stunden und 17 Minuten gemeinsamen Fluges entkoppelten sich APOLLO und SOJUS für eine halbe Stunde und APOLLO schob sich so vor die Sonne, dass für die sowjetischen Raumfahrer an Bord der SOJUS eine künstliche Sonnenfinsternis entstand. Danach koppelten die Raumschiffe wieder zusammen, wobei diesmal SOJUS die Führung übernahm. Nach weiteren drei Stunden ging man endgültig auseinander, SOJUS landete – wieder live im Fernsehen übertragen – am 21. Juli 1975 in der kasachischen Wüste. APOLLO umkreiste unterdessen für drei weitere Tage die Erde – wohl wissend, dass es für lange Zeit die letzte bemannte NASA-Mission sein würde. Eingedenk dessen wurden erfolgreich noch Experimente zur Erdbeobachtung und zur Erforschung der Sonne unternommen.

Am 24. Juli 1975 kehrte die letzte APOLLO-Besatzung zur Erde zurück und landete im Pazifik, wo sie von der Besatzung der USS New Orleans geborgen wurde. Diese letzte APOLLO-Landung verlief allerdings nicht reibungslos und hätte beinahe in einer Katastrophe geendet.

Am 23. Juli hatte man noch in den USA eine erste offizielle Pressekonferenz aller Beteiligten abgehalten, bei der die APOLLO-Astronauten per Funk zugeschaltet worden waren. Am 24. Juli um 15:44 Uhr ostamerikanischer Zeit erfolgte die Trennung zwischen der Kommandokapsel und dem Servicemodul, nachdem man zur 138-mal die Erde umrundet hatte. Sah es erst nach Routine aus, so setzte die Automatik für das Entfalten der Bremsfallschirme aus und die Astronauten mussten die manuell auslösen. Das führte um 16:18 Uhr OAZ nahe Honolulu zu einer sehr harten Wasserung und dem Kentern der Kapsel und es dauerte mehrere Minuten, bis sich die unterseitig angebrachten Ballone aufblähten. Wäre in dieser Zeit Wasser in die Kapsel eingedrungen, hätte für die Astronauten akute Lebensgefahr bestanden. So wurde die letzte APOLLO-Mission eher rustikal als sanft beendet. Damit endete auch die Ära der Wasserlandungen nach bemannten Weltraumflügen, da ab 1981 das Shuttle ja wie ein Flugzeug landete.

Das APOLLO-SOJUS-Test-Projekt war die erste und letzte gemeinsame Weltraummission der beiden Staaten bis zum Untergang der UdSSR und auch am Rande gab es eine ganze Reihe von beachtenswerten Besonderheiten. So war der amerikanische Astronaut Robert Overmyer (1936-1996), der später bei STS 5 und STS 51b mitflog, als Unterstützer in Moskau tätig. Leider wurde diese hoffnungsvolle Zusammenarbeit nicht fortgesetzt, vielleicht auch, weil es danach kein Programm gab, an dem beide Nationen hätten gemeinsam arbeiten können. Das wurde erst nach 1990, z.B. im Rahmen der ATLANTIS-MIR-Flüge möglich.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen