Montag, 31. Januar 2011

TV-Kritik: Spiegel TV: Apokalyptische Prophezeihungen

Als große Samstagabenddokumentation angekündigt, wurde am 30.1.2011 im Spiegel TV-Format mal wieder allerhand Absonderliches unter dem Deckmantel der Dokumentation dem unbedarften Fernsehzuschauer präsentiert. Dass dabei bewusst Ängste geschürt werden, scheinen die Macher solcher Werke kaum zu interessieren, anscheinend geht es ihnen nur um möglichst hohe Werbeeinnahmen. Aber zu den Spiegel TV-Dokumentationen habe ich ohnehin eine eigene, differenzierte, Meinung.

Worum ging es hier? Natürlich um den Weltuntergang 2012 und alles, was damit in irgendeiner Form in Zusammenhang zu bringen ist. Teilweise wirkte der Beitrag recht konfus und verlor sich in Nebenkriegsschauplätzen.

Aufhänger war natürlich der am 21.12.2012 zu Ende gehende Maya-Kalender, was den Anhängern der Theorie zu Folge mit dem Weltuntergang gleichzusetzen ist. Dabei kam auch eine Nachfahrin der Mayas zu Wort, die immer wieder das Erbe ihres Volkes und den Untergang der Welt heraufbeschwor. Sie meinte, am 21.12.2012 werde die Sonne verlöschen, weil der Kalender endet.

Der Geologe Prof. Adam Maloof von der Princeton University in New Jersey hat sich den Überlegungen zum 2012er-Thema angekommen und seine Hypothese ist, dass der Untergang der Maya auf eine Verschiebung des erdmagnetischen Pols zurück zu führen sei. Im Rahmen einer Expedition in die Antarktis fand er nahe Spitzbergen Hinweise auf geologische Eigenheiten, die einen Polumschwung vor 800 Mio. Jahren nahe legen. Ihm zufolge, müsse es dann ähnliche Strukturen auf der Südhalbkugel geben, die er, dem Bericht zufolge, in Westaustralien in Form von Stromatolith auch tatsächlich entdeckte.


Bevor es aber damit weiterging, wurde erst mal über verschiedene Weltuntergangsszenarien berichtet. So erzählte der allseits bekannte Astrologe Kurt Allgeier, dass Nostradamus nicht nur die Terroranschläge vom 11.9.2001, sondern auch über den Untergang der Welt am 21.12.2012 vorhergesagt haben soll. Allein der Kontext muss einen schon stutzig machen. Dabei ist bekannt, dass selbst die Urtexte des vermeintlichen Sehers so verklausuliert und verschlüsselt sind, dass man heute alles Mögliche hineininterpretieren kann.

Dann kommen mit einem Mal Weltuntergangssekten ins Spiel, wie die, die sich beim Erscheinen des Kometen Hale-Bopp ins Jenseits beförderte, weil ein UFO im Kometenschweif sie aufnehmen und in eine bessere Welt transportieren wollte.

Zwischendurch kommt denn immer wieder mal der Kulturwissenschaftler PD Dr. Michael Kempe von der Universität St. Gallen zu Wort. Er analysierte auf wissenschaftlicher Grundlage die Entstehung von Weltuntergangsfantasien, die größtenteils auf der Schlichtheit der Gemüter in den Sekten hinwies. Sie sind leicht beeinflussbar und glauben einfach alles, was ein charismatischer Guru ihnen erzählt. Dies aber sei, so erklärte er richtig, nur auf das oft mangelhafte Wissen der Leute zurück zu führen. Denn, wer mehr an Wissen als an Glauben interessiert ist, wird in der Regel nicht in Sekten anzutreffen sein.

Dann folgte wieder ein Einschub über die Arbeiten von Prof. Maloof, der anhand der Funde bestätigen konnte, dass es vor 800 Mio. Jahren einen Polumschwung gegeben haben soll, der allerding 1 Mio. Jahre andauerte und daher als Szenario für den Untergang der Maya nicht in Frage kommt. Seinerzeit hätten sich die Erdkruste und der Erdmantel bewegt, Kontinente hätten sich verschoben oder seien teilweise in den Erdmantel gedrückt worden.

Dann wird wieder zum Sektenthema übergeleitet und man berichtet u.a. über den Sonnentemplerorden, dessen Mitglieder sich wegen der bevorstehenden Jahrtausendwende umbrachten.

Zum wiederholten Male wird die Frage gestellt, warum der Maya-Kalender so plötzlich endet (ist wie Weihnachten, plötzlich und unerwartet steht das Fest vor der Tür …). Nun kommt der Schweizer Hugo Stamm zu Wort, der seit den 70er Jahren Sekten analysiert und einiges interessante zu berichten hat, was aber in dem ganzen Kontext unterzugehen scheint.

Unklar ist, und diese Frage ist durchaus auch wissenschaftlich berechtigt, warum die Maya so plötzlich ihre Städte aufgaben. Eine Theorie besagt, sie hätten ihre Brunnen durch zu häufige Menschenopfer verunreinigt. Die Geschichte der Maya soll sich in fünf große Zyklen unterteilen, die jeweils in einer Katastrophe endeten (wofür die Belege aber eher spärlich sind). Jedes dieser Zyklen soll 5000 Jahre umfassen (hier wird m.E. der wissenschaftliche Boden verlassen) und am Ende wurde von den Göttern der Mayas entscheiden, dass das Volk es nicht Wert sei, weiterzuleben, weshalb man es durch ein anderes ersetzte. Insofern scheinen Untergangsszenarien zumindest annähernd plausibel. Und da der aktuelle 5000er ausläuft, muss es am 21.12.2012 zu einer Katastrophe kommen.

Der massenhafte Tod und das Wesen apokalyptischer Sekten sind dann ein Thema, das breit erläutert wird, bevor man sich der Kosmologie der Mayas widmete. Diese sei sehr hochstehend gewesen, die die astronomischen Kenntnisse der Maya sehr tief und umfassend gewesen sein sollen. So entdeckten sie angeblich schon vor 2000 Jahren, dass am Tage der Wintersonnenwende 2012 die Sonne vor dem Zentrum der Milchstraße stehen und durch diese Bewegung (!) besondere Kräfte freisetzen würde, die die Vernichtung der Erde zum Ziel haben. Dieses würde alle 26.000 Jahre der Fall sein, das wussten schon die alten Mayas. Angeblich.

Irgendwie passend, dass danach wieder Furcht und Schrecken vor Sonnenfinsternissen verbreitet wurde, wobei aus dem Zusammenhang gerissene Ausschnitte aus TV-Übertragungen zur totalen Sonnenfinsternis in der Türkei in diese Richtung zielen. Archaische Ängste werden bemüht anstelle einer wissenschaftlichen Erklärung eines Naturphänomens.

Da darf dann der Codex Dresdensis nicht fehlen, eines der ältesten schriftlichen Zeugnisse der Mayas. Die Eintragungen werden gedeutet, als schwarzer Regen, Blitze und dunkle Wolken, die am 21.12.2012 die Welt verdunkeln und untergehen lassen.

Nun kommt mal wieder Prof. Maloof zu Wort, der die Prophezeihungen der Maya mit Erfahrungen aus Naturereignissen wie Wirbelstürmen und Tsunamis sowie drastischen Klimaveränderungen in Zusammenhang bringt, was ja durchaus noch einleuchtend erscheint. Wie aber die negativen Prognosen mit dem angeblich hohen astronomischen Wissen der Mayas zusammenzubringen sind, weiß vielleicht der sprichwörtliche Geier (wobei man der Tierart aber eher Unrecht tun würde)

Und klar, in dem ganzen Sammelsurium dürfen Kometen und Asteroiden nicht fehlen, wobei Prof. Neukum zum Asteroiden (4179) Toutatis befragt wird. Und obwohl längst bekannt ist, dass dieser Felsen in sicherer Entfernung an unserem Planeten vorbeifliegen wird, nehmen die Untergangsjünger (wozu Prof. Neukum aber nicht gehört!) ihn als Grund für das Ende der Erde. Die größte Annäherung an die Erde erfolgt am 12.12.2012 mit einer Distanz von 0,046 Astronomischen Einheiten, was in etwa 6,9 Millionen Kilometern entspricht. Bei einer durchschnittlichen Entfernung des Mondes von 384.000 km wird der Asteroid, der eine scheinbare visuelle Helligkeit von rund 10 Größenklassen erreicht, noch nicht mal zwischen Erde und Mond hindurch fliegen. Diese Fakten werden leider vollkommen außer Acht gelassen. Dennoch soll Toutatis am 21.12.2012 auf der Erde einschlagen …

Der deutsche Astronaut Ulrich Walter wurde zu den Folgen eines Asteroideneinschlags auf der Erde befragt, auch im Hinblick auf den Jupitercrash 1994. Ein Kameraschwenk über das Nördlinger Ries endet mit dem Kommentar eines Heimatforschers: Der nächste Saurierkiller ist überfällig.

Abschließend kommt dann nochmals Prof. Maloof zu Wort, der nun ehrausgefunden haben will, das vor 5000 Jahren, beim Ende des letzten Mayazyklus, die Erde binnen weniger Tage vollkommen vereiste. Am 21.12.2012 stünden uns also drastische Klimaveränderungen ins Haus, dieses Mal aber von Menschen ausgelöst.

So endet die Sendung mit der bangen Frage: Was wird also am 21.12.2012 passieren. Meine Antwort: Gar nichts. Es wird ein Freitag sein (okay, das ist für manche Untergangsbeschwörer auch schon wieder zu viel), die Leute werden sich, wie immer kurz vor Weihnachten, abhetzen, um noch Geschenke für die Lieben zu erhaschen, aber die Welt wird nicht untergehen.

Was also soll eine Dokumentation wie diese. Das wissenschaftliche Fundament vermisst man auf weiten Strecken, unbewiesene Behauptungen werden als Tatsache hingestellt, Äußerungen aus dem Kontext gerissen und schlicht die Angst am Thema weiter geschürt. Da fragt man sich, was das soll. Anscheinend geht es bei dieser Art Dokumentation nicht um die Vermittlung von Inhalten, sondern nur um Quoten. So wird es verständlich, wenn Menschen vor dem Jahr 2012 Angst haben, wenn sie nicht in der Lage sind, sich Informationen an geeigneter Stelle zu besorgen. Leider passt die Sendung zu vielen anderen dieses Formates, die Themen ebenso tendenziös und unfundiert abhandeln, nur um Quote zu machen. Mein Fazit: Nicht sehenswert.

Kommentare:

  1. Sehr schön geschrieben! Klasse! Habe mit Begeisterung bis zum letzten Wort gelesen und freue mich auf ein schönes 2013 ...LG Nadine ;o)

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  2. (Nag Hammadi Library / Dialog des Erlösers) Der Herr sagte: Ihr habt alle Dinge verstanden, die ich euch gesagt habe, und ihr habt sie im Glauben angenommen. Wenn ihr sie erkannt habt, dann sind sie die Eurigen. Wenn nicht, dann sind sie nicht die Eurigen.

    Welches enorme Wissen hatte Jesus allen anderen Menschen voraus? Selbst wenn sich dies nicht beweisen ließe, wäre es noch immer hochgradig unwahrscheinlich, dass die berühmteste Persönlichkeit der Welt, auf der bis heute die planetare Zeitrechnung basiert, irgendetwas anderes entdeckt haben könnte, als das Grundprinzip der absoluten Gerechtigkeit, die Basis des Weltfriedens.

    Wer (noch) nicht weiß, was Gerechtigkeit ist, darf auch nicht wissen, was Ungerechtigkeit ist, um eine Existenz in "dieser Welt" überhaupt ertragen zu können. Zu diesem Zweck gibt es die Religion, die so erfolgreich war, dass sie die systemische Ungerechtigkeit der Erbsünde bis heute aus dem allgemeinen Bewusstsein der halbwegs zivilisierten Menschheit ausblenden konnte.

    Angesichts der Tatsachen, dass die Erbsünde über 14.000 Kriege in der bekannten Geschichte verursachte, denen mehr als eine Milliarde Menschen zum Opfer fielen, und dass gegenwärtig etwas 100.000 Menschen pro Tag aufgrund der Erbsünde verhungern müssen, während das Wissen längst zur Verfügung steht, um diese "Mutter aller Zivilisationsprobleme" endgültig zu eliminieren, war die Religion, die Rückbindung auf den künstlichen Archetyp Jahwe, deutlich zu "erfolgreich".

    (Nag Hammadi Library / Thomas-Evangelium / Logion 113) Seine Jünger sagten zu ihm: "Das Königreich, an welchem Tag wird es kommen?" Jesus sagte: "Es wird nicht kommen, wenn man Ausschau nach ihm hält. Man wird nicht sagen: "Siehe hier oder siehe dort", sondern das Königreich des Vaters ist ausgebreitet über die Erde, und die Menschen sehen es nicht."

    Alle genialen Dinge sind einfach, aber immer erst im Nachhinein auch einfach zu verstehen:

    http://www.deweles.de/willkommen.html

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