Samstag, 15. Januar 2011

2012 und der ganze Rest

Schaut man dieser Tage in Zeitungen oder semi-professionelle Hochglanzblätter hinein, so überkommt einem angesichts hanebüchener und falscher Darstellungen und Behauptungen wissenschaftlicher Vorgänge oft mehr als einmal das kalte Grausen. Bei den so genannten Wissenschaftssendungen im Fernsehen, insbesondere bei den Privaten, ist es zum Teil durch die heutigen Visualisierungsmöglichkeiten noch schlimmer. Hier scheinen die Naturgesetze anscheinend überhaupt keine Rolle mehr zu spielen.

Durch Zufall erhielt ich vor einiger Zeit durch einen Freund die Kopie eines Artikels aus der Zeitschrift „Welt der Wunder“ über die Sonne. Danach würde unser Heimatstern krank daniederliegen, kaum mehr die Kraft haben, Aktivität zu entwickeln und uns dadurch quasi in den Untergang reißen. Es wurde gar spekuliert, dass die Lebensdauer der Sonne falsch berechnet sei und wir nun den Anfang vom Ende ihres Milliarden Jahre währenden Lebens hautnah miterleben. Sie würde einem seit 100 Jahren stattfindenden Schrumpfungsprozess unterliegen, weswegen sie immer kühler wird und uns den Klimawandel beschert.

Einige physikalische Vorgänge, so die relativ neue Theorie der meridonalen Flüsse, wonach magnetische Flussröhren mit einer höheren Geschwindigkeit vom Sonnenäquator in Richtung Nord- oder Südhemisphäre der Sonne laufen, als früher, wurde nur im Ansatz verstanden. In dem bewussten Artikel war von Tunneln die Rede, die tief ins Sonneninnere reichen und sogar den Kern berühren dürften; da fehlten nur noch die UFO-Landungen mitten in der Photosphäre. Verheerend an derartigen Beiträgen ist, dass zwar teilweise richtige Erläuterungen drin stehen, sie aber mit Spekulativem und dem gekonnten Nicht-Wissen des Journalisten verwoben werden, die der Laie auf Anhieb nicht erkennen kann. Mir als Nicht-Physiker und reinem Sternfreund standen da die weniger werdenden Haare mehr als einmal regelrecht zu Berge.

Da fehlte nur noch der Hinweis auf die mittlerweile unübersehbar große Zahl an 2012-Hypothesen, die allesamt jeglicher wissenschaftlicher Grundlage entbehren. Keine Zahl geistert derzeit so oft durch alle möglichen Medien wie die Jahreszahl 2012, genauer gesagt, der 21.12.2012 (manchmal auch der 23.12.2012). Wer sich ein wenig mit Astronomie auskennt, wird zunächst einmal aus dieser Angabe das Datum der jährlich wiederkehrenden Wintersonnenwende herauslesen. Ein Ereignis, das ohnehin die Esoterikszene beflügelt, weil der Tiefstand der Sonne in unseren Breiten erreicht wird (auf der Südhalbkugel ist es der Höchststand!). Jedes Jahr versammeln sich Anhänger obskurer Kulte rund um Stonehenge und andere Megalithbauten, wenn die Sommer- oder die Wintersonnenwende erreicht wird.

Im Hinblick auf Stonehenge ist aber archäologisch bekannt, das viele Steine heute nicht mehr an der ursprünglichen Stelle stehen und somit die Anlage nicht mehr so aussieht, wie zur Zeit ihrer Entstehung. Was freilich die Jünger wenig davon abhält, hierin einen gigantischen Kalender zu sehen.
Ähnlich verhält es sich mit dem Maya-Kalender, den nur wenige Menschen auf der Erde wirklich verstanden haben. Der 21.12.2012 hat nach ihm insofern eine besondere Bedeutung, weil just zu dem Zeitpunkt die Lange Zählung im komplexen Kalendersystem endet und überdies identisch ist mit dem Zahlenwert am ersten Tag zu Beginn dieses Zyklus. Das aber beruht auf einer teilweise falschen oder falsch verstandenen Interpretation der Überlieferungen. Dass danach ein neuer Zyklus beginnt, wird geflissentlich übersehen oder bewusst ignoriert, denn nach der Auffassung vieler 2012-Jünger gibt es nach dem Ende der Langen Zählung keine neue mehr und die Welt, wie wir sie kennen, endet.

Nun hält sich aber seit einigen Jahren der Gedanke, am 21.12.2012 würde die Erde vernichtet werden. Die Ursachen hierfür sind freilich höchst unterschiedlich. Mal ist es ein bislang nicht entdeckter Himmelskörper mit Namen Nibiru, der schon bei Babyloniern und Sumerern als Gott verehrt wurde die Erde killen soll, mal sind es Riesenprotuberanzen, die nach der Erde greifen und sie mit Mikrowellenstrahlung regelrecht zergrillen. Es wird auch schon mal eine Supernova in einer „erdnahen Galaxie“ als Ursache herangezogen. 

Bis auf Nibiru alles Szenarien, die in den drei derzeit im Handel erhältlichen DVDs zum Thema 2012 verarbeitet werden. Daneben füllen auch zunehmend so genannte Sachbücher und Romane zum Thema 2012 die Regale. Diese erinnern schon beim Reinschauen und Durchblättern an die obskuren Machwerke von Erich von Däniken oder Charles Berlitz.

Von Wissenschaft oder wissenschaftlichen Untersuchungen kann da kaum die Rede sein. Ein scheinwissenschaftlicher Ansatz, ein pseudowissenschaftlicher Schreibstil sowie die entsprechend reißerische Aufmachung der Thematik (auch zum Klimawandel gibt es haarsträubende Verschwörungstheorien) sind es aber, die die Konsumenten derartiger Lektüre im Glauben lassen, wissenschaftlich informiert zu werden.

Die Frage aber ist, welche Auswirkungen das hat. Heute schon trifft man bei öffentlichen Führungen auf oft seltsame Vorstellungen. Auch im Kollegen- und Freundeskreis wird man dann und wann schon nach 2012 gefragt und oft stellt man dabei fest, dass das astronomische Grundwissen anscheinend immer geringer wird. Wie ist es sonst zu erklären, dass immer mehr absurde Theorien und Vorstellungen in das Bewusstsein der Menschen eindringen und sich zu einem religiös-wissenschaftlichen Pseudobild vermischen? Gefördert wird dies vor allem durch die Medien des 21. Jahrhunderts, die oft genug nur auf Quoten, denn auf Inhalte schielen. Und so wundert es am Ende nicht mehr, dass sich die Leute vor einer inaktiven Sonne fürchten, meinen, der Klimawandel sei durch die Großmächte gezielt gesteuert, die Mondlandung in Hollywood inszeniert, auf der Mondrückseite gäbe es eine Basis von Außerirdischen, oder die Nazis würden mit ihren Reichsflugscheiben nach der Verwüstung Südwestaustraliens durch mehrere Atombomben alle Weltmächte zur Unterzeichnung des Antarktis-Abkommens gezwungen haben, um von ihrer Basis in Neuschwabenland aus das Vierte Reich vorzubereiten. 

Alles inesgesamt doch recht gruselige Szenarien, die jeglicher Grundlage entbehren aber in Zeiten wie diesen von immer mehr Leuten geglaubt werden, zumal sogenannte Dokumentationen im TV sich dieser Phantasien auch noch bedienen und uns glauben machen wollen, hier würden echte Geheimnisse aufgedeckt. Da drängt sich doch die Frage auf: Wer wird hier immer dümmer, die Macher solcher Filmbeiträge oder die, die das sehen und es glauben?

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