Mittwoch, 31. Dezember 2014

Das Jahr 2014 - eine Bilanz

So langsam neigt sich das Jahr dem Ende zu, Zeit, wieder einmal Bilanz zu ziehen. Hinsichtlich meiner Sonnenbeobachtungen war es ein Top-Jahr. Erstmals konnte ich die 220er-Marke knacken und bin letztlich auf 222 gekommen. Ein absoluter Spitzenwert. Hoffentlich werden auch alle eingereichten Beobachtungen am Ende ausgewertet. Beim letzten Rekord, als ich 217 Einzelbeobachtungen erreichte, war seltsamer Weise ein Monat unter den Tisch gefallen und der Rekord war futsch.

Bei den Nachtbeobachtungen sah es dagegen katastrophal schlecht aus, denn ich hatte keine einzige wirklich gute klare Nacht erwischt. Zum ersten Mal erwischte ich in diesem Jahr keine Leuchtenden Nachtwolken, weil das Wetter zu schlecht war oder ich keine Zeit hatte. Mit Polarlichtern sah es ähnlich mies aus, die ich seit Beginn der digitalen Fotografie nicht mehr gesehen habe.

Auch konnte ich aus diversen Gründen nicht alle Astroveranstaltungen besuchen, die ich fest eingeplant hatte. Da war es wie mit dem Jahresurlaub, der für den Sommer geplant war, aber wegen Überstunden und aufgrund von Urlaubs- und Kranken-Vertretungen nicht antreten konnte, weil sonst niemand mehr da gewesen wäre, der die Arbeit hätte machen können. 

Im Urlaub ereilte mich dann auch noch die Nachricht, dass eine Arbeitskollegin plötzlich und unerwartet im Alter von 55 Jahren verstorben ist. Deren Stelle wird natürlich nicht nachbesetzt, wie es bei fast allen Kolleginnen und Kollegen der Fall ist, die in den letzten Wochen in Rente gingen. Die Auswirkungen auf meinen Arbeitsplatz durch Verteilung der Arbeit von ausgeschiedenen Kollegen sind noch nicht absehbar. Ob und in welchem Umfang sich das auf meine Astroaktivitäten auswirken wird, ist unklar. 

Auf jeden Fall führten die zum Teil extremen Überstunden dazu, dass ich den Sonnenworkshop der GvA über ein halbes Jahr nicht leiten konnte und das an einen Vereinskollegen abgeben musste. Ein Grund hierfür war meine Arbeit als Wahlhelfer und in einer Wahlgeschäftsstelle bei der Europawahl/Bezirkswahl und einem Volksentscheid. Keine Frage, sie macht mir sehr viel Spaß, ich mache sie sehr gerne und sie ist hochinteressant, nur geht dann nebenbei eben privat so gut wie nichts mehr. Und es ist heute schon absehbar, dass diese Arbeit verhindern wird, dass ich die Totale Sonnenfinsternis 2017 beobachten kann, weil wir im gleichen Jahr Bundestagswahl haben werden und die Vorbereitungsarbeiten genau in die Phase der Finsternis fallen.

Es gab dann noch diverse andere, auch gesundheitliche, Probleme, die das Jahr 2014 nicht zu dem werden liessen, was ich mir erhofft hatte. Sarkastisch kann man auch sagen, ich habe überlebt, weil in meiner Familie, oder in dem was davon noch übrig ist, fast immer nur in runden Jahren gestorben wird. Ungerade Jahre sind da besser.

Einen großartigen Ausblick auf 2015 möchte ich eigentlich nicht so gerne wagen. Sicher ist, dass ich wegen der Bürgerschaftswahl am 15. Februar 2015 sehr viel Arbeit haben werden und genau in diese Zeit fällt die Sichtbarkeit des Kometen Lovejoy. Aber dafür muss es dann erst einmal klar werden. Für mich wichtige Termine sind denn hauptsächlich die partielle, aber nahezu vollständige Sonnenfinsternis am 20. März und die totale Mondfinsternis am 28. September. Was noch so kommt, muss man abwarten. Ein weiterer Kirchheimurlaub ist geplant und ein Sommerurlaub. Keine Ahnung, was sich von beiden realisieren lässt. Mir scheint, es wird eher der Astrourlaub als der Sommerurlaub gelingen, aber das gilt erst einmal wieder abzuwarten.

Was sonst wird, weiß man heute noch nicht, aber was schon klar zu sein scheint, sieht derzeit nicht gut aus. Vielleicht wird es aber doch endlich mal besser als gedacht, bislang wurde es immer eher schlechter, auch wenn man dachte, es kann nicht mehr schlechter werden. Getreu dem Motto: Schlimmer geht immer. 

In wenigen Stunden beginnt die Silvesterfeier mit guten Freunden, daher wünsche ich allen, die bis hierher durchgehalten haben, einen Guten Rutsch und alles Gute für 2015.

Sonntag, 5. Oktober 2014

Norddeutsches Astrofotografentreffen vom 4.10.2014 in Kiel

Am 4. Oktober 2014 fand das Herbst-Treffen der norddeutschen Astrofotografen (NAFT) bei der GvA-Gruppe Kiel im Schulzentrum Kronshagen statt. Am Morgen trafen wir, André Wulff und Michael Steen uns bei mir zu einem gemeinsamen Frühstück. Nach der obligatorischen Sonnenbeobachtung brachen wir gegen 10:30 Uhr auf und fuhren über die A1 und die A21 nach Kiel, wo wir ziemlich genau um 12 Uhr ankamen.

Die Organisatoren des Treffens hatten bereits das Catering aufgebaut, in der Vorhalle war ein kleiner Verkaufsstand aufgebaut sowie ein kleiner Infostand mit einer Spendenbox. Nach dem reichhaltigen Frühstück gönnte ich mir erstmal einen heißen, dampfenden Kaffee. Schnell verging die Stunde bis zum ersten Beitrag.

Christoph Petermann von der GvA-Gruppe Kiel moderierte das Treffen unaufgeregt – ich hatte bei einer beruflichen Fortbildung in der Woche vorher das genaue Gegenteil davon kennen lernen dürfen -, begrüßte die Teilnehmerinnen und Teilnehmer und gab die allgemeinen Regularien bekannt, wobei er darauf hinwies, dass das NAFT das erste Mal seit 17 Jahren wieder in Kiel stattfand.

Im ersten Vortrag berichtete Hartwig Lüthen über seine Erfahrungen mit der Sonnenfotografie im Weißlicht und H-alpha, die er vom Balkon in seiner Altonaer Wohnung mittels einer DMK-Kamera, umgebauten PST und Lidl-Scope gewann, zeigte ein paar Mond- und Planetenaufnahmen sowie Bilder vom jüngsten Vorbeiflug der ISS vor dem Mond. Die Schärfe der Sonnenbilder in beiden Spektralbereichen war außerordentlich hoch und offenbarte, was man auch mit relativ einfachen Mitteln und ein wenig Bastelgeschick hinbekommen kann. Im Anschluss daran führte er live eine Bildbearbeitung mit Astrostakkert durch und wies auf das Balkonsternwarten-Forum hin.

Dass das NAFT durchaus gefährlich sein kann, bewies Michael Mushardt in seinem Vortrag. Die grundsätzliche Gefahr besteht auf jedem NAFT: Andere Leute und deren Ausrüstung kennen zu lernen. Dies führte in dem konkreten Fall dazu, dass die von ihm betriebene Limbachsternwarte mit ihrem 16 Zöller nunmehr statt einer schon in die Jahre gekommenen Rupp-Montierung über eine Alt-AD7 verfügt.

Dass sich einige Sternfreunde aus dem Norden intensiv atmosphärischen Erscheinungen widmen, verdeutlichte als nächstes Carsten Jonas, der Polarlichter aus der Saison 2013 / 2014 zeigte, die von Standorten in Kronshagen, Nymindegab in Dänemark und vom Leuchtturm Bülk aus mit einer Canon EOS 5D Mark II aufgenommen wurden. Besonders die aus den Einzelaufnahmen zusammengestellten Videos waren beeindruckend.

Die nachfolgende Pause wurde dann zur körperlichen Stärkung, dem körpereigenen Flüssigkeitshaushalt und vielen Fachgesprächen genutzt.

Michael Schomann präsentierte im zweiten Vortragsblock als erstes seine immer wieder sehenswerten 360°-Fulldome aufnahmen, die er für das Planetarium Wolfsburg erstellt. Auch die Aufnahmetechnik, die Erstellung von Zeitrafferaufnahmen mit einer Canon 6D kamen nicht zu kurz und belegten, welche technischen Möglichkeiten Planetarien abseits von eingekauften Shows, Lesungen und Kulturveranstaltungen noch bieten können, wenn man mehr Wert auf Wissensvermittlung und dem Naturerlebnis Astronomie legt. Als Beispiel führte er in 2D einige Videos mit Musikbegleitung vom Teleskoptreffen im Harz (SFHT) und dem Herzberger Teleskoptreffen (HTT) und dem Westhavelländerr Teleskoptreffen (WHAT) vor.

Ähnlich dem Beitrag von Carsten Jonas widmete sich Marco Ludwig mit „Neues auf Neumünster“ seinen Aufnahmen von Polarlichtern, der ISS vor dem Mond und Leuchtenden Nachtwolken (NLCs) und verwendete dabei auch Aufnahmen, die zusammen mit zwei anderen Sternfreunden (Stefans Bruns und Jürgen Kahlhöfer) entstanden waren. Natürlich auch wieder mit Musikbegleitung.

Bruno Mattern erstaunte die Zuhörer wieder einmal mit extrem langbelichteten Aufnahmen von Deep-Sky-Objekten, zeigte ein über mehrere Monate hinweg entstandenes Miclhstraßenpanorama und erläuterte seine Bilder von M 31, NGC 7023 (Irisnebel), NGC 7814 und NGC 1055. Der Hammer war dabei eine 51 Stunden lang belichtete Aufnahme von IC 5139.

Nach einer weiteren Pause führte Uwe Freitag aus Lübeck einen 25minütigen Film mit Aufnahmen von Polarlichtern, Planeten, NLCs, Gewitterwolken etc. vor, die mit Kameraobjektiven, an einem 125/1300 Lichtenknecker mit Okularprojektion und mit einer DMK 31 entstanden waren. Alles unter dem Motto: „Es geht alles auch mit Pentax“!

Hochwissenschaftlich ging es dann mit dem Bericht von Rainer Anton weiter, der zeigte, wie man als Amateur mit eigener Ausrüstung (hier: Dopplermessungen aus den Spektren von Sonne und Planeten) vornehmen und aus den gewonnenen Daten Rotations- und Umlaufgeschwindigkeiten mit Hilfe von viel Mathematik ableiten kann und die auch eine hinreichende Genauigkeit aufweisen. Zur Verfügung stand ihm ein Gitterspektrograph, den er am Teleskop der Internationalen Amateursternwarte (IAS) in Namibia einsetzte.

In der letzten Pause versammelten wir uns vor dem Gebäude zum üblichen Gruppenfoto mit rund 60 Sternfreundinnen und Sternfreunden. Außerdem konnte man in dieser Zeit die Teleskope der GvA-Gruppe Kiel besichtigen: ein 15 cm-Refraktor mit 2,25m Brennweite auf einer Rupp-Montierung sowie ein 12 Zoll Meade ACF-Schmidt-Cassegrain auf einer Alt-AD7-Montierung mit FS2-Steuerung, die vormals von der GvA Hamburg in ihrer Außensternwarte in Handeloh genutzt wurde. 

Zu Beginn des letzten Vortragsblocks schilderte Carsten Jonas die aktuelle Situation am Aschberg, wo in früheren Jahren regelmäßig Teleskoptreffen stattfanden und wo jetzt von der Globetrotter-Akademie eine neue, lichtverseuchte, Infrastruktur aufgebaut wurde. Hier bahnt sich möglicherweise eine engere Zusammenarbeit zwichen den Sternfreunden und der für Seminare und sonstige Veranstaltungen genutzte Akademie ein, deren Form allerdings noch ausgestaltet werden muss.

Carsten Jonas berichtete anschließend über seine Eindrücke beim Beobachtungsflug zum Kometen Lovejoy am 8. Dezember 2013, der unter dem Motto stand: „ISON ist tot, es lebe Lovejoy“, Der Start war frühmorgens vom Köln-Bonner-Flughafen aus gestartet und führte in mehreren , von einer Boeing 737-800 geflogenen Schleifen von Deutschland in Richtung Belgien, um danach wieder zum Startpunkt zurückzuführen.
Der Komet war visuell kaum oder gar nicht zu sehen und erst das Stacken mehrerer Aufnahmen führte zu einem Ergebnis. Spannend waren die bei diesem Flug gemachten Erfahrungen mit der Technik, den Lichtverhältnissen in der Flugkabine und der Befestigung der Kamera am Kabinenfenster.

Den krönenden Abschluss bildete ein Beitrag von Mario Lehwald. Sein Thema war „Zwischen Tag und Licht: Ein Herbsttag im Jahr 1885, wo er viele Bilder von Natur und Landschaft, dem Sternenhimmel und zeitgenössischen Innenleben von Häusern, die mittels Petroleumlampen stimmungsvoll erleuchtet wurden. Untermalt wurde das Ganze mit Musik von Claude Debussy.

Ziemlich genau um 18:50 Uhr endete das Herbst-NAFT. Wer wollte, konnte sich in einem nahegelegenen Restaurant weiter unterhalten und ein kalorienhaltiges Abendessen zu sich nehmen. Wir dagegen brachen relativ schnell auf und waren kurz nach 20 Uhr wieder in Hamburg, denn André Wulff hatte ab 21:30 Uhr noch eine Sonderführung auf der Bergedorfer Sternwarte vor sich.


Der Austragungsort für das nächste NAFT steht noch nicht fest, man darf gespannt sein, wohin es uns im Frühjahr 2015 führen wird.

Sonntag, 21. September 2014

Tag der offenen Tür in Bergedorf

Die Hamburger Sternwarte, der Förderverein und das Besucherzentrum hatten für den 20. September 2014 zu einem Tag der offenen Tür auf dem Gelände auf dem Gojenberg eingeladen.

Diese alle zwei Jahre stattfindende Veranstaltung dient in erster Linie dazu, die vielfältigen Forschungsaktivitäten der Sternwarte der Öffentlichkeit zu präsentieren, die Teleskope vorzustellen und abends Möglichkeiten zur Beobachtung an professionellen und Amateurteleskopen anzubieten. Die Sternfreunde des Fördervereins versammelten sich traditionell auf dem Rasen vor dem Sonnenbau und waren oft erster Anziehungspunkt für die Besucherinnen und Besucher, die in diesem Jahr aber nicht ganz so zahlreich erschienen waren, was wohl hauptsächlich an vielen Parallelveranstaltungen in Hamburg lag.

Gebäude mit dem 1m-Spiegel

Ein Dobson wartet auf die Nacht

Am Nachmittag konnte an Amateurgeräten unterschiedlichster Coleur und am Lippert die Sonne im H-alpha und im Weißlicht beobachtet werden. In der nebenan befindlichen Montessori-Schule wurden überdies stündlich zwischen 15 und 21 Uhr Kurzvorträge zu unterschiedlichen Themen angeboten.

Sonnenbeobachter waren gefragte Leute

Die Werkstatt konnte besichtigt werden, im Café Zeit und Raum wurde Kulinarisches angeboten und am 1m-Spiegel gab es regelmäßig Teleskopvorführungen. Dies war auch am Oskar-Lühning-Teleskop und am Äquatorial der Fall. Im Freigelände neben dem Großen Refraktor gab es ein Kuchenbasar, den obligatorischen Grillstand und ein kleiner Astro-Shop mit Devolutionalien der Sternwarte. Das Hauptdienstgebäude wartete in der Bibliothek mit stündlichen Vorträgen unter dem Motto „Frag-einen-Astronomen“ statt, es wurden hier aktuelle Forschungsergebnisse präsentiert und es bestand auch die Möglichkeit, Radiobeobachtungen live mitzuerleben. 

In der Direktorenvilla gab es zudem Präsentationen verschiedener Arbeitsgruppen der Sternwarte, die sich u.a. mit Exoplaneten, der Aktivität von kühlen Sternen, exotischen Sternsystemen, Fragen der Sternentstehung- und -entwicklung, verschiedenen Aspekten der Kosmologie, grundlegenden Methoden der Computersimulation, Planetenentstehung, der intergalaktischen Materie, Sternwinden und interstellarer Materie oder der Röntgenastronomie beschäftigen. 

Im Laborgebäude konnte man sich dann auch noch über das Plattenarchiv der Sternwarte und dessen Digitalisierung in einem mehrjährigen Projekt informieren. Außerdem war eines der beiden neuen, kleineren, Kuppeln geöffnet und gewährte einen Blick in sein Inneres, wo zwei kleinere Teleskope für Testzwecke eingebaut sind.

Für Leib und Wohl war gesorgt

Präsentation einiger Forschungsergebnisse der Sternwarte

Das Wetter spielte trotz gegenteiliger Ankündigungen ganz gut mit, allerdings zogen abends immer mehr Wolkenfelder herein, die die eine oder andere Beobachtung behinderten.

Neben vielen Führungen zu den einzelnen Stationen der Sternwarte gab es auch ein umfangreiches Kinderprogramm, das sehr gut ankam und angenommen wurde. So wurde der Tag der offenen Tür auch für viele zu einem Familienausflug, der sicher bei vielen in guter Erinnerung bleiben wird.

Montag, 21. Juli 2014

Gefallene Astronomen des 1. Weltkrieges (6)

Max Pauly (1849-1917)

So ganz sicher ist es nicht, ob Max Pauly in die Kategorie der durch mittelbare oder unmittelbare Kriegseinwirkungen „gefallenen“ Astronomen zählen kann, doch deutet vieles darauf hin, dass auch er, wie viele Menschen im damaligen Reichsgebiet, infolge der mangelhaften Ernährung der Zivilbevölkerung während des Ersten Weltkrieges ums Leben kam.

Geboren wurde er am 15. November 1849 als jüngster Sohn eines Postsekretärs in Halle. Seine Kindheit war geprägt durch das unstete Leben des Vaters, der seine geologischen Studien mehr liebte als den eintönigen Postdienst und daher kündigte und 1859 nach Harzgerode umsiedelte. Daraus entwickelten sich immer wieder Streitigkeiten in der Familie, sodass Max Pauly eine ruhige und behütete Jugend verwehrt blieb. Er kam 1858 als schwächlicher Junge in die Franksche Schule in Halle, besuchte ab 1859 die dortige Volksschule und 1862 in die Realschule eines Waisenhauses in Halle, bevor er ab 1863 die Realschule in Halberstadt besuchte. 

1866 musste er auf Druck seines Vaters in Harzgerode eine Schlosserlehre absolvieren. Nach nur einem Jahr ging er als Schlosserlehrling in die Maschinenfabrik von J. Billeter und später zu Billeter & Klunz in Aschersleben. 1868 verlor der Vater seine Arbeit bei einer Bergbaugesellschaft und Max Pauly war zusammen mit seiner Schwester, die gemeinsam die kränkliche Mutter pflegen mussten, der Alleinverdiener der Familie. Das änderte sich erst ab 1870, als der Vater in halle eine neue Anstellung in der Braunkohle-Industrie fand. Dadurch wurde Max Pauly in die Lage versetzt, in Halberstadt die Gewerbeschule zu besuchen, die er mit Auszeichnung absolvierte. Daraufhin versuchte sein Vater, ihn in der aufstrebenden Zuckerindustrie unterzubringen. Man riet ihm aber, vorherein Studium einzulegen. So entwickelte er sich beruflich in diese Richtung weiter, studierte in Halle und Berlin, erhielt eine feste Anstellung, hielt sogar Vorlesungen an der Zuckerschule in Braunschweig und wurde später Direktor einer Zuckerfabrik.

Wie er vor diesem Hintergrund zur Astronomie kam, ist unklar. Es heißt zwar, dass er seit seiner frühen Jugend eine „Sehnsucht nach den Sternen“ hatte, aber frühe Aktivitäten sind nicht überliefert, was nicht heißen muss, dass es nicht so war. Von seinem Vater hatte er eine gewisse Ruhelosigkeit und den Sinn für schöngeistige Dinge geerbt. Irgendwann überkam ihm, so die Legende, einfach die Lust, selber Linsen zu schleifen. 

Erste Versuche hatte er wohl schon in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts unternommen und nebenbei ein wenig Optik studiert. Den richtigen Anstoß erhielt er wohl durch eine Ausstellung im Jahr 1885 in Görlitz, auf der er erstmals ein Spiegelteleskop sah, dessen Spiegel von einem Herrn von Schlicht geschliffen und von G. Meißner in Potsdam zusammengebaut worden war. Er nahm daraufhin Kontakt zum Erstgenannten auf, der für Herrmann Carl Vogel (1841-1907) in Potsdam verschiedene Spiegel geschliffen hatte. Dieser brachte ihm eine ganze Reihe von Tricks und Kniffen für die Herstellung von Teleskopspiegeln bei und zusammen mit zwei Arbeitern aus seiner Zuckerfabrik begann er mit dem Bau erster, eigener Spiegel. Hier kam Pauly seine Erfahrung als Schlosser zugute. Schließlich baute er nicht nur Teleskope für sich selbst, sondern auch Instrumente als Prüfwerkzeuge für Optiken aller Art. Er revolutionierte die Spiegelherstellung, in dem er 1895 erstmals eine Poliermaschine entwickelte, die Glasflächen bis 600 mm Durchmesser bearbeiten konnte und die in seinem Keller aufgestellt war. In dieser für damalige Verhältnisse recht modern und komfortabel ausgesatteten Werkstatt begann er regelmäßig Teleskopsiegel, Prismen, Linsen und Okulare zu produzieren, die er anfangs oft ohne Bezahlung an interessierte Sternfreunde verschenkte. Dazu gehörte ein 6" Objektivprisma für O'Gyalla (1886) und die beiden 10" Objektivprismen für O'Gyalla; und Hereny (1893) deren einem wir v. Gothards Nebelspektren verdanken, das 8" Objektiv für den eigenen Gebrauch (1888), ein 6" Objektiv für Grinenko und ein gleiches für Fauth (1891).

Zwischen 1891 und 1894 versuchte er sich auch an der Herstellung von Apochromaten mit neuen Gläsern der Firma Schott. Dabei entstanden u.a. ein 7" Apochromat für die Jenaer Sternwarte, ein 6" Apochromat für die Berliner Urania und ein 7" Apochromat für Philipp Fauth (1867-1941).

Erst in den 90er Jahren ließ er sich eine eigene Sternwarte bauen, mit einer Kuppel, die einen 8-Zöller samt Montierung aufnehmen sollte. Dazu kam ein Passageninstrument von Gothard und eine Strassersche Pendeluhr. Pauly beobachtete damit zwar in erster Linie die Sonne und Planeten, häufiger aber setzte er sein Instrumentarium wieder für Prüfungen neuer Zusatzgeräte ein.

Mit der Zeit hatte Pauly Kontakte zur optischen Industrie in Jena aufgenommen und lernte so Schott und Abbé kennen, die von seiner Geschicklichkeit im Instrumentenbau sehr angetan waren. Als Abbé seinen Plan, bei den Zeiss-Werke in Jena eine Abteilung zur Herstellung von astronomischen Instrumenten aufzumachen, lag der Schluss nahe, Pauly für die Mitarbeit zu gewinnen.

Mit Paulys Gesundheit stand es allerdings nach wie vor nicht zum besten und so riet sein Arzt ihm, sich von einem seiner Berufe als Zuckerfabrikant oder als Optiker aufzugeben. Er gab schließlich die Fabrik auf, ging nach Jena und übernahm dort die Teilhaberschaft an der astronomischen Abteilung. Es fiel Pauly allerdings nicht leicht, die Selbständigkeit aufzugeben – immerhin hatte er die weithin bekannte Zuckerfabrik nicht nur geleitet, sondern auch ihre Techniken und Prozesse immer weiter entwickelt – und nach dem Tod Abbés auch auf die Teilhaberschaft zu verzichten und nur noch Angestellter bei Zeiss zu sein.

Pauly galt als emsiger, aber oft unterschätzter Mitarbeiter, der an vielen Stellen des Werkes für Verbesserungen sorgte, ohne dafür jemals belohnt zu werden. So war Pauly maßgeblich für den Aufstieg der Astronomischen Abteilung bei Zeiss verantwortlich und konstruierte auch einige Instrumente selbst. Dazu zählten der dreifache 150, 120, 120 mm-Refraktor für Simeis, das 720 mm-Spiegelteleskop für den Königstuhl, das 640 mm- Objektivprisma für die Kap-Sternwarte, das Zenitteleskop für die Jenaer Sternwarte, das 400 mm-Spiegelteleskop für Innsbruck, ein 1000 mm-Spiegelteleskop für Bergedorf, den 145 mm-UV-Petzval mit 15° und 10° Objektivprismen für das Yerkes-Observatory,, den dreifachen 360 mm-Refraktor für Neuchatel, das Objektiv für die Berliner Sternwarte, die 350 und 300 mm-Objektive für Zürich, der 340 mm-Astrographen für Bergedorf, der 650 mm-Refraktor für Babelsberg und das 1914 begonnene, wegen des Krieges unvollendete 1200 mm-Spiegelteleskop für das gleiche Institut.

1912 verließ Pauly die Zeiss-Werke aufgrund seines immer schlechter werdenden Gesundheitszustandes. Er widmete sich nun zunehmend seiner Familie und der alten Leidenschaft für die Chemie. Seine Krankheit schritt in immer schnellerem Tempo voran, das durch die Entbehrungen während des Ersten Weltkrieges und der mangelhaften Ernährung, noch beschleunigt wurde, bis er am 26. April 1917, schwer von diversen Krankheiten gezeichnet, verstarb.

Wie Max Wolf in seinem Nachruf schreibt, ist „…Von Manchen, die ihn nicht aus nächster Nahe kannten, ist die geistige Bedeutung Paulys nicht recht erfaßt worden. Das kommt daher, daß er, im Umgang ein bescheidener und stiller Mensch, sich nirgends vordrängte, aber doch bei jedem Umgang stets der anregende und gebende Teil war, ohne daß es die meisten wurden.“

Freitag, 18. Juli 2014

Gefallene Astronomen des 1. Weltkrieges (5)

Dr. Erich Kron (1881-1917)

Der nächste, im 1. Weltkrieg gefallene Astronom in dieser Reihe, ist Dr.Erich Kron vom Astrophysikalischen Observatorium in Potsdam. Er fiel am 24. Oktober 1917 bei der Dritten Flandernschlacht (31. Juli – 6. November 1917). Geboren wurde Erich Kron am 13. Juli 1881 in Potsdam als erster von insgesamt drei Söhnen der Familie.

Sein Vater verstarb sehr früh und so wuchs er bei seiner Mutter auf, die ihn sehr liebevoll und mit Hingabe erzog. Er besucht das Gymnasium in Potsdam und Brandenburg und machte Ostern 1900 sein Abitur. Danach begann er mit großer Begeisterung mit dem Studium der Astronomie und promovierte bereits 1906 mit einer Schrift über den Bedeckungsveränderlichen δ Librae vom Algol-Typ.

Damit legte er auch Zeugnis ab über eine sehr große Gründlichkeit bei der Bearbeitung langer Beobachtungsreihen und Zahlenkolonnen und dass er daraus die richtigen Schlüsse über die Vorgänge bei diesem Typ veränderlicher Sterne zu ziehen vermochte. Die Promotion führte zu einer festen Anstellung als Assistent am 1. Oktober 1906 beim Astrophysikalischen Observatorium in Potsdam.

Seine erste Aufgabe bestand darin, Aufnahmen für eine fotografische Himmelskarte auszumessen und er tat dies mit einem hohen Maß an Gewissenhaftigkeit, wie man den Bänden V und VI der sogenannten Potsdamer Zone, veröffentlicht zwischen 1899 und 1915 in der Schriftenreihe der Publikationen des Astrophysikalischen Observatoriums zu Potsdam, entnehmen kann.

Darüber hinaus zeichnete er sich durch eine hohe Beobachtungsgabe auf, die dazu führte, dass er 1910 gemeinsamen mit dem späteren Direktor des AOP Karl Hermann Gustav Müller (1851-1921) an einer Expedition nach Teneriffa zur Messung der Extinktion der Erdatmosphäre teilnehmen konnte. Diese verlief anscheinend, wie den Anmerkungen in der Todesanzeige zu entnehmen ist, nicht ganz so erfolgreich, wie man es sich gedacht hatte und es war nur dem Engagement, dem Beobachtungstalent und dem sorgsamen Umgang mit dem Instrumentarium durch Erich Kron zu verdanken, dass noch halbwegs brauchbare Ergebnisse zustande kamen. 

Der Expeditionsbericht mit dem Titel „Die Extinktion des Lichtes in der Erdatmosphäre und die Energieverteilung im Sonnenspektrum nach spektralphotometrischen Beobachtungen auf der Insel Teneriffa. Unter Mitwirkung von E. Kron. Potsdam 1912 in: Publikationen des Astrophysikalischen Observatoriums zu Potsdam. 22,64. 92 S.,Abb.,Taf.“ belegt dies eindrucksvoll und beschäftigte Kron während der gesamten, ihm noch am Observatorium verbleibenden Zeit. Hieraus resultierte auch seine letzte Veröffentlichung aus dem Jahr 1914: „Über die Extinktion des Lichtes in der Erdatmosphäre für das Ultraviolett“, Annalen der Physik, vol. 350, Issue 19, pp.377-398. Überdies wurde er Mitarbeiter der von Müller geleiteten Arbeitsgruppe „Photometrische Durchmusterung der Polzone +80° bis +90° Dekl.“

Kron hatte 1910 überdies auch an Beobachtungen des Halleyschen Kometen teilgenommen, seine Ergebnisse wurden im darauf folgenden Jahr in einem Artikel von keinem geringeren als Karl Schwarzschild und ihm veröffentlicht: „On the Distribution of Brightness in the Tail of Halley's Comet“ , Astrophysical Journal, vol. 34, p.342

Mit Beginn des 1. Weltkriegs wurde Kron eingezogen und aus Potsdam abberufen und an die Westfront geschickt. Seine Arbeiten an der Durchmusterung waren nicht vollendet, konnten aber durch andere Kollegen abgeschlossen werden. Er hatte sich, quasi nebenher, noch mit zwei anderen Projekten beschäftigt. So untersuchte er den Lichtwechsel von XX Cygni (1912, Publikationen des Astrophysikalischen Observatoriums zu Potsdam) und den später sogenannten Schwarzschild-Exponenten bei fotografischen Platten, (1913, Über das Schwärzungsgesetz photographischer Trockenplatten, Annalen der Physik, vol. 346, Issue 9, pp.751-758, Über das Schwärzungsgesetz photographischer Platten, Publikationen des Astrophysikalischen Observatoriums zu Potsdam). Eine weitere Arbeit, die Kron noch begonnen hatte, wurde posthum von Ejnar Hertzsprung veröffentlicht: Photometrische Beobachtungen von W Ursae majoris von Erich Kron (1918).

Auch Krons Vorgesetzter Karl Hermann Gustav Müller blieb nicht von den Auswirkungen des Weltkriegs verschont. Überhaupt hatten er und Kron viele Gemeinsamkeiten, auch er verlor seinen Vater sehr früh und beide waren sich auch sonst wohl sehr ähnlich. Müller hatte sieben Kinder, eines starb während des Ersten Weltkriegs, ein weiteres an seinen Kriegsverletzungen. Der bekannteste seiner Söhne war Rolf Müller (1898-1981), der nach dem 1. Weltkrieg Astronomie, Mathematik, Physik, Meteorologie und Philosophie an der Universität Berlin studierte, 1924 mit einer Arbeit über den veränderlichen R Aquilae promovierte und dann Assistenz, später Observator am AOP wurde, 1946 kurz an der Hamburger Sternwarte arbeitete und noch im gleichen Jahr Leiter des Sonnenobservatoriums auf dem Wendelstein wurde. Rolf Müller machte sich auch einen Namen durch ernste wissenschaftliche Untersuchungen zur Archäoastronomie und sein Buch „Der Himmel über dem Menschen der Steinzeit“ aus dem Jahr 1970 gilt bis heute als einer der wenigen ernsthaften Publikationen zu diesem Thema.

Donnerstag, 17. Juli 2014

Gefallene Astronomen des 1. Weltkrieges (4)

Dr. Julius Kramer (1875-1916)

Neben den direkt an der Front gefallenen Astronomen traf der Tod auch jene, die entweder infolge der Mangelernährung während der Kriegszeit oder Ereignissen, die dem Krieg zuzuordnen sind, ums Leben kamen und daher von mir zu den Gefallenen gerechnet werden. Einer davon war Dr. Julius Kramer.

Geboren am 6. September 1875 in Merseburg, besuchte er das Leibniz-Gymnasium in Berlin und machte dort Ostern 1894 das Abitur und begann kurze Zeit später mit dem Studium der Mathematik und Astronomie an der Berliner Universität. Im Mai 1896 musste er das Studium zunächst unterbrechen, weil er nach dem Tod seines Vaters gezwungen war, dessen Fabrik in Schweidnitz zu übernehmen. Er verkaufte sie jedoch binnen kurzer Zeit und kehrte im Oktober 1897 nach Berlin zurück, um Studium fortzusetzen. Er promovierte bald darauf mit der Schrift „Die genäherte absolute Bahn des Planeten 108 Hekuba“. Der Tätigkeitsbericht des Astronomischen Rechen-Instituts in Berlin – auf dem Gelände der Sternwarte – wies Kramer im Jahr 1898 als Berechner der Bahn eines Kleinplaneten aus. Von 1899 bis 1900 wohnte er zudem als Student auf dem Sternwartengelände.

Im September 1899 wurde er als Assistent an der Berliner Sternwarte eingestellt und durfte sich zunächst mit der Reduktion der Beobachtung am Meridiankreis und den Zeitdienst – damals eine sehr häufige Aufgabe an Observatorien (wie der Hamburger Sternwarte am Millerntor, später in Bergedorf) - befassen. Nebenher interessierte er sich für die Störungstheorie und –rechnung und veröffentlichte zwei Abhandlungen über Kleinplaneten von „Hekubatypus“ in der Schriftenreihe der Königlichen Gesellschaft der Wissenschaften zu Göttingen.

Zum 1. Oktober 1902 berief man ihn als ständigen Mitarbeiter in die Kaiserliche Normal-Eichungskommission, wo er erst mit der Auswertung physikalischer und metronomischer Beobachtungen und nebenher mit Längenmessungen und Wägungen (Eichung von Waagen) betraut wurde und aufgrund der dabei gezeigten Fertigkeiten und Leistungen sich dann dem schwierigen Thema der Festlegung von Normalgewichten im Vergleich zum deutschen Urgewicht des Kilogrammes annähernd sollte. Es war gleichzeitig der Beginn einer fast rastlosen Tätigkeit, bei der er Fehlern bei früheren Angaben über die Veränderlichkeit von Gewichten in Abhängigkeit von unterschiedlichen Stoffen nachging und die Werte auf den neuesten Stand brachte. Er stellte außerdem viele Untersuchungen über die Verunreinigung von Luft und Wasserdampf, Staubteilchen etc. an, verfolgte dessen Auswirkungen und ruhte stets erst dann, als er – zumindest vorläufige - Ergebnisse vorweisen konnte. Aus ihnen leitete die Kommission später die für alle geltenden Werte für Gewichtsnormen ab.

Schon länger an einer Lungenkrankheit leidend, bereiteten ihm seine umfangreichen Arbeiten zunehmend Schwierigkeiten. Neben der amtlichen Arbeit beschäftigte er sich weiter mit der Theorie der korrekten Darstellung der Örter der Kleinen Planeten, nahm an den Forschungen Martin Brendels (1862-1939) am Planeteninstitut in Frankfurt am Main teil, der sich ebenfalls auf Kleinplaneten spezialisiert hatte und erstellte Berechnungsgrundlagen für Hilfstafeln.

Daneben schaffte er es auch noch, intensiv am zweiten Band des von Prof. Schilling in Bremen herausgegebenen Schriftverkehrs zwischen Carl Friedrich Gauss (1777-1855) und Heinrich Wilhelm Olbers (1758-1840) mitzuwirken und stellte versicherungsmathematische Berechnungen an.

Bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges war er zwar aufgrund seiner Lungenkrankheit nicht kriegsdiensttauglich, stellte sich aber für den Bahnschutz zur Verfügung, musste oft nachts Wache halten und machte freiwillig eine kurze militärische Ausbildung, weil er hoffte, bei den Luftschiffern an Bord von Zeppelinen als Meteorologe mitfliegen zu können. Dabei erkrankte er an einer Rippenfellentzündung, wodurch seine Lungenkrankheit wieder in vollem Umfang ausbrach. Er nahm keine Rücksicht auf sich, brach Anfang Oktober 1916 zusammen und wurde in ein Sanatorium nach Sülzhain im Harz gebracht. Als er sich ein wenig erholt hatte, musste er sich am 26. November 1916 einer Blinddarmoperation unterziehen, von der er sich nicht mehr erholen sollte und am 28. November 1916 in Nordhausen im Alter von nur 41 Jahren verstarb.

Sonntag, 13. Juli 2014

Gefallene Astronomen des 1. Weltkriegs (3)

Dr. Walther Zurhellen (1880-1916)
An chronologisch zweiter Stelle der im Ersten Weltkrieg durch direkte Kampfhandlungen gefallener Astronomen steht Dr. Walther Zurhellen, der, nach der Todesanzeige in der Astronomischen Nachrichten, in „Nordfrankreich den Heldentod“ fand.

Zurhellen war am 5. Januar 1880 in Mühlheim am Rhein als Sohn des Pfarrers und späteren Superintendenten August Zurhellen geboren worden. Hier besuchte er die sogenannte Elementarschule und ging auf das Gymnasium, dass er Ostern 1898 mit dem Abitur in der Tasche wieder verließ. Er studierte in Bonn, Berlin und Göttingen Astronomie und promovierte 1904 mit der Schrift „Darlegung und Kritik der zur Reduktion photographischer Himmelsaufnahmen aufgestellten Formeln und Methoden“. Die Gründlichkeit und Sorgfalt, die er dieser Arbeit zugrunde legte, sollte für sein weiteres wissenschaftliches Leben kennzeichnend sein.

Bereits im Jahr zuvor hatte er eine Assistentenstelle an der Bonner Sternwarte übernommen und so wurde der eigentlich als zweiter Teil seiner Dissertation gedachte Teil über die Vermessung des Offenen Sternhaufens M 46 noch einmal gründlich überarbeitet. Die Ergebnisse publizierte er 1909 gemeinsam mit Friedrich Küstner in den Veröffentlichungen der Königlichen Sternwarte zu Bonn: Der Sternhaufen Messier 46 : nach photographischen Aufnahmen am Bonner Refraktor.

Als eine der ersten Aufgaben als Assistent beteiligte sich Zurhellen an den spektroskopischen Arbeiten Prof. Karl Friedrich Küstners (1856-1936), der vormals Observator an der Hamburger Sternwarte, 1884 an die Berliner Sternwarte und 1891 nach Bonn gewechselt war. Hier setzte er seine Forschungen zur Polbewegung fort und konnte durch langfristige Messungen der Polhöhe den Nachweis erbringen, dass die Polachse der Erde nicht fest im Raum steht, sondern einer kleinen, durch die Schwerkrafteinwirkung der Sonne und des Mondes hervorgerufene Präzessionsbewegung und in weitaus geringerem Maß wohl auch der Planeten vollführt.

Zurhellen zeigte sich aber auch interessiert an Instrumententechnik und der Theorie der Bestimmung der Bahnen bei spektroskopischen Doppelsternen. Aus diesen Untersuchungen resultierten verschiedene Berichte in den Astronomischen Nachrichten (1906: Die Untersuchungvon Mikrometerschrauben in der Praxis, 1908: Die Bestimmung des Nullpunkts photographischer Himmelsaufnahmen, 1911: Über sekundäre Wellen in den Geschwindigkeitskurven spektroskopischer Doppelsterne)

Im April 1909 übertrug man ihm die Leitung des Fachbereichs Astrophotographie an der Sternwarte Santiago de Chile und damit die Ausdehnung der Erstellung eines fotographischen Himmelsatlas für die Südhalbkugel. Es dauerte allerdings geraume Zeit, bis der dafür gedachte Astrograph in der neuen Sternwarte in Lo Espejo aufgebaut und einsatzbereit war. In der Zwischenzeit widmete er sich theoretisch der Technik dieses Teleskops und seiner Zusatzgeräte. Am 23. Mai 1910 beobachtete und fotografierte er von Bonn aus eine totale Mondfinsternis mit einer einfachen Holzkamera, die an der Deklinationsachse des Äquatorials befestigt war. Mit dieser Kamera hatte er bereits Beobachtungen und Fotografien vom Halleyschen Kometen gewinnen können, die er dann in Chile fortsetzte.

Zum 1. Oktober 1913 folgte er dem Ruf der Sternwarte Babelsberg, um dort am – noch nicht fertig gestellten – Toepferschen Astrographen seine Forschungen fortzusetzen. Dazu sollte es allerdings nicht mehr kommen. Bei Amtsantritt war dieses Instrument noch nicht fertig, sodass er sich – wie schon in Bonn und Chile – mit der Instrumententheorie und hier der Abbildungsqualität von Objektiven auseinandersetzte. Außerdem begann er mit den Planungen einer Expedition zur Beobachtung der totalen Sonnenfinsternis am 21. August 1914 in Südrussland. Diese war noch gestartet, konnte ihr Ziel aber nicht mehr erreichen und Zurhellen wurde zunächst interniert und kehrte erst 1915 zurück. Er trat sogleich dem Bonner Regiment als Vize-Feldwebel bei und zog an die Westfront, wo er am 15. Juli 1916 starb.

Donnerstag, 10. Juli 2014

Gefallene Astronomen des 1. Weltkrieges (2)

Karl Schwarzschild (1873-1916)
Das wohl prominenteste Opfer des Ersten Weltkrieges war Karl Schwarzschild. Geboren wurde er am 9 Oktober 1873 in Frankfurt am Main als Sohn einer wohlhabenden, an Musik und Kunst interessierten, jüdischen Familie. Er besuchte die jüdische Elemantarschule in seiner Heimatstadt und wechselte später an das Städtische Gymnasium, wo er das erste Mal mit der Astronomie in Berührung kommen sollte, die ihn zeitlebens faszinierte und in den Bann zog. Hier entwickelte er auch eine außerordentliche Begabung für Mathematik und Physik. Im Alter von 16 Jahren veröffentlichte er 1890 als Schüler (!) in den Astronomischen Nachrichten einen hochmathematischen Artikel Zur Bahnbestimmung nach Bruns, dem nur wenige Wochen später der Beitrag Methode zur Bahnbestimmung der Doppelsterne, ebenfalls mathematisch geprägt, folgen sollte. Er schloss das Abitur mit der Bestnote ab und studierte dann ab 1890 Astronomie an der Universität Straßburg, wo er sich mit Veränderlichen Sternen auseinander setzte. Zwei Jahre später wechselte nach München, leistete seinen Militärdienst ab und ging dann an die Ludwig-Maximilians-Universität, wo er 1896 unter Hugo Seeliger (1849-1924, damals noch ohne das „von“, weil er erst 1902 geadelt wurde) mit der Schrift Die Entstehung von Gleichgewichtsfiguren in rotierenden Flüssigkeiten promovierte.

Von 1897 bis 1899 fand Schwarzschild an der Wiener Kuffner-Sternwarte eine Anstellung als Assistent und beschäftigte sich in dieser Zeit hauptsächlich mit der Photometrie von Sternhaufen und entwickelte eine mathematische Formel, aus der die Belichtungszeit von Himmelsaufnahmen in Abhängigkeit vom Schwärzungsgrad der Fotoplatte abgeleitet werden konnte, was später als Schwarzschildexponent in der Astrofotografie bekannt werden sollte. Das auch heute noch erhaltene Heliometer der Sternwarte war in dieser Zeit „sein“ Instrument, mit dem er alle seine Beobachtungen ausführte und fotografische Aufnahmen anfertigte.

1899 kehrte er nach München zurück, wurde Privatdozent und habilitierte dort. Er beschäftigte sich in dieser Zeit mit dem nicht-euklidischen Raum, berechnete Kometenbahnen und untersuchte Kometenschweife.

Als im 1901 der Direktor der Göttinger Sternwarte, Wilhelm Schnur, verstarb, entbrannte dort ein Streit um die Nachfolge. Hugo von Seeliger schlug im Juli seinen ehemaligen Schüler Schwarzschild vor, der jedoch erst einmal die weitere Entwicklung abwartete. Schließlich wurde ihm, trotz seiner erst 27 Jahre, das Direktorat übertragen und er wurde zum Professor ernannt. Trotz der langen Tradition war das Observatorium zu diesen Zeitpunkt in einem wenig guten Zustand, was sich erst durch die Initiative Schwarzschilds und die Anschaffung neuer Instrumente wieder verbesserte.

In seiner Göttinger Zeit entwickelte Schwarzschild viele neue Zusatzgeräte (wie den Libellensextanten, für den er 1909 ausgezeichnet wurde), befasste sich mit Roten Riesen und der Lücke im Hertzsprung-Russell-Diagramm zwischen den Spektralklasse A5 und G0 – sie entsteht, weil sich massereiche Sterne nach kurzer Zeit in Richtung des Riesenastes bewegen und dieses Teil des Diagramms unbesetzt erscheint. Weitere Arbeiten umfassten die Stellarstatistik, (1907), Sterngeschwindigkeiten (1909), Messungen der Radialgeschwindigkeiten von Sternen mittels Objektivprisma (1913) und der Parallaxe von Sternen (1914). Ab etwa 1905 wandte sich sein Interesse den neuem Gebiet der Sonnenphysik zu und so unternahm er eine Expedition nach Algerien zur Beobachtung der totalen Sonnenfinsternis am 30. August 1905, wobei er eine Schichtung in der Chromosphäre nachweisen konnte. 1906 führte er in einer grundlegenden Arbeit zur Theorie der Sonnenphysik den Begriff des „Strahlungsgleichgewichts“ ein und publizierte mehrere Artikel über seine Untersuchungen der Sonnenatmosphäre im UV-Licht. Quasi nebenbei war Schwarzschild auch als Lehrer für Astronomie an Göttinger Schulen und in der Lehrerfortbildung tätig.

1907 erhielt er einen Ruf an das astrophysikalische Observatorium nach Potsdam, dem er sich anscheinend nicht verweigern konnte. Er bedauerte seinen Weggang aus Göttingen sehr, hatte er hier doch vor kurzem geheiratet und einen guten Draht zu Eijnar Hertzsprung (1873-1967) aufgebaut, dem er eine ordentliche Professur verschafft hatte. Schwarzschild ging nur unter der Bedingung nach Potsdam, wenn auch Hertzsprung mitkommen könne. Das aber war nur möglich, wenn Professor Johannes Franz Hartmann (1865-1936) Potsdam verließ und das Direktorat der Göttinger Sternwarte übernahm. Das war für ihn ein gewaltiger Rückschritt, denn Potsdam war ein modernes Observatroium mit Weltruf, Göttingen das genaue Gegenteil. Der Tausch der Posten zog sich bis 1909 hin, musste dann aber wegen diverser Absprachen vollzogen werden, womit Schwarzschild keineswegs glücklich war. Ein Versuch, alles wieder rückgängig zu machen, wurde abgelehnt.

1909 wurde Schwarzschild das Direktorat des Astrophysikalischen Observatoriums in Potsdam übertragen, 1912 wurde er Mitglied der Preußischen Akademie der Wissenschaften, die Antrittsrede hielt kein Geringerer als Max Planck (1858-1947).

Schwarzschild musste sich notgedrungen mit den Verhältnissen in Potsdam abfinden und konnte teilweise an alte Zeiten anknüpfen. Mit dazu beigetragen hatte auch eine Reise in die USA, wo er auf den Gedanken kam, auf der Südhalbkugel eine Sternwarte zu errichten. Er dachte dabei an Windhuk als Standort.

1911 hatte er ebenfalls an Beobachtungen des Kometen Halley teilgenommen und seine Ergebnisse gemeinsam mit Erich Kron veröffentlicht, der im Ersten Weltrkieg fiel.

Als 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach, meldete er sich freiwillig und wurde in einer Artillerietruppe zunächst an der Ost- später an der Westfront eingesetzt, wobei eine seiner Aufgaben in der Berechnung ballistischer Kurven für Artillerie-Geschosse bestand.

Der Kriegseinsatz hinderte Schwarzschild nicht an weiteren astronomischen Forschungen, die allerdings nur noch theoretischer Natur waren, sich aber mit der relativ neuen Relativitätstheorie und der Quantenphysik befassten. So entstand 1915 in Russland die Schrift On the Gravitational Field of a Mass Point According to Einstein's Theory/ Über das Gravitationsfeld eines Massenpunktes nach der Einsteinschen Theorie, worin er erste Lösungen der Feldgleichungen der Allgemeinen Relativitätstheorie veröffentlichte. Weitere Überlegungen stellte er, sozusagen im Felde, über Schwarze Löcher und ihre Eigenschaften an, die später so klangvolle Namen wie Schwarzschild-Metrik, Schwarzschild-Tangherlini-Metrik, Schwarzschild-Radius und Schwarzschild-Singularität erhielten.

In dieser Zeit erkrankte er an einer unheilbaren Autoimmunkrankheit, der Pemphigus vulgaris, einer blasenbildenden Erkrankung der Haut. Er kehrte 1916 als Kriegsinvalide nach Potsdam zurück und starb hier am 11. Mai des Jahres. Ihm zu Ehren wurde der Hauptgrütelasteroid (837) Schwarzschilda genannt, den Max Wolf am 23. September 1916 in Heidelberg entdeckt hatte. In Berlin, Göttingen und Garching bei München wurden Straßen nach ihm benannt, außerdem trägt seit 1960 die heutige Thüringer Landessternwarte Taubenberg (seit 1992) den Namen „Karl-Schwarzschild-Observatorium“. Außerdem wurde der 1916 von Max Wolf entdeckte Asteroid (837) Schwarzschildia wurde nach ihm benannt.

Schwarzschild ist darüber hinaus der Vater des Astrophysikers Martin Schwarzschild (1912-1997), der wegen seiner jüdischen Herkunft 1935 in die USA auswanderte, 1942 die US-Staatsbürgerschaft annahm und von 1947 bis zu seiner Emeritierung 1979 an der Princeton-University forschte und lehrte. 




Dienstag, 8. Juli 2014

Gefallene Astronomen des 1. Weltkrieges (1)

Der Erste Weltkrieg zwischen dem 1. August 1914 und dem 11. November 1918 und forderte fast 20 Millionen Todesopfer unter den Soldaten und der Zivilbevölkerung. Es ist anzunehmen, dass darunter auch sehr viele Astronomen aus verschiedenen Ländern waren. Eine offizielle Aufstellung lässt sich bis heute, zumindest im Web, nirgends finden und auch diese nachfolgende Übersicht über einige Biografien von durch mittelbare oder unmittelbare Kriegseinwirkungen gefallene Astronomen kann und soll eine Gesamtzusammenfassung nicht ersetzen und höchstens einen Anstoß für weitere Nachforschungen geben. Es ist anzunehmen, dass in vielen Archiven noch so manches unerzähltes Schicksal schlummert, dass der Vergessenheit entrissen werden sollte. Grundlage für die Erarbeitung der hier vorgestellten Biographien waren Todesanzeigen in den Astronomischen Nachrichten der Jahre 1914 bis 1919. Diese trugen im Heft stets ein dem Eisernen Kreuz nachempfundenes Symbol in der Überschrift und kennzeichneten so den „für das Vaterland“ Gefallenen.

Adam Massinger war der erste, auf dessen Todesanzeige ich aufmerksam wurde. Er starb am 21. Oktober 1914, einen Tag nach Beginn der der Schlacht um Ypern (Erste Flandernschlacht vom 20. Oktober bis 18. November 1914). Die Stadt wurde im Verlauf des Krieges fast vollkommen zerstört und hier setzte die deutsche Artillerie auch 1915 erstmals Chlorgas ein.

Massinger wurde am 6. September 1888 in Feudenheim in der Nähe von Mannheim als Sohn des Gastwirts Johannes Massinger geboren. Er besuchte bis 1908 das Realgymnasium in Mannheim und studierte anschließend Mathematik und Naturwissenschaften in Heidelberg und bekam 1910 eine Assistentenstelle auf der erst1889 als neue großherzogliche Bergsternwarte, der heutigen Landessternwarte Heidelberg-Königstuhl. Hier entdeckte er am 22. März 1911 sein erstes Objekt, das die vorläufige Bezeichnung LP 1911 erhielt, aber aufgrund schlechten Wetters hatte er keine Positionsmessung vornehmen können, weshalb es bis heute nicht wiedergefunden werden konnte. Mit großer Geschicklichkeit und Eifer übernahm er die ihm übertragenen Aufgaben, die hauptsächlich in der von Max Wolf für die Heidelberger Sternwarte organisierten Suche nach Kleinplaneten mit astrofotografischen Mitteln bestand, unterbrach seine Tätigkeit aber im Herbst 1912 für das Oberlehrerexamen, dass er im darauf folgenden Winter ablegte.

Im April 1913 kehrte er an die Sternwarte zurück und übernahm wieder seine vorherige Arbeit, während er gleichzeitig an der Mannheimer Oberrealschule im Schuldienst seine Arbeit als Referendar aufnahm. Massinger war nicht nur ein sehr fleißiger Beobachter und Fotograf, sondern auch Entdecker einer ganzen Reihe von Objekten.

Am 31. März 1911 entdeckte er durch Vergleich alter und neuer Fotoplatten den neuen Veränderlichen 15.1911 Virginis, der auf der Entdeckungsplatte vom selben Tag eine Helligkeit von 9,5 mag aufwies. Auf einer Vergleichsplatte vom 22. April 1901 lag sie bei 18,1 mag. Massinger berechnete aus eigenen Beobachtungen zudem, dass die Helligkeit wohl nicht unter 12,8 mag absinken würde, worüber er in den Astronomischen Nachrichten berichtete. Es findet sich in dieser Schriftenreihe eine zweite Veröffentlichung Massingers, in der er in einem Kurzbericht über aktuelle Helligkeitsschätzungen des Veränderlichen X Piscium berichtete.

Den größten Erfolg seiner viel zu kurzen beruflichen Laufbahn erlangte er jedoch mit der Entdeckung von insgesamt 7 Hauptgürtelasteroiden:

(727) Nipponia, 11. Februar 1912, benannt nach der Eigenbezeichnung für Japan: Nippon,
(731) Sorga, 15. April 1912, benannt nach dem indonesischen Wort für Sorge,
(732) Tjulaki, 15. April 1912, benannt nach dem gleichnamigen Fluss nahe der Stadt in Malabar, Indonesien
(770) Bali, 31. Oktober 1913, benannt nach der Insel Bali in Indonesien,
(772) Tanete, 19. Dezember 1913, benannt nach dem gleichnamigen Ort auf der Insel Sulawesi in Indonesien
(776) Berbericia, 24. Januar 1914, benannt nach dem Astronomen Adolf Berberich
(785) Zwetana, 30. März 1914, benannt nach Tsvetana Popova, der Tochter von K. Popov aus Sofia, Bulgarien

In seiner letzten Zeit auf der Sternwarte hatte Adam Massinger eine eher langfristig angelegten Arbeit übernommen: er durchmusterte die Nebelflecken des Herschelschen Generalkatalogs, prüfte die darin angegebenen Örter, vermass diese erneut und ordnete sie nach galaktischen Positionen. So berechnete er die Angaben von 4400 nebligen Objekten neu und begann mit der Untersuchung der statistischen Verteilung der Nebel in der Milchstraße. 

Wie Max Wolf in der Todesanzeige ausführte, war Massinger „… von seltener Liebenswürdigkeit. Seine Anhänglichkeit an die Eltern, die in ihm das einzige Kind verlieren, war rührend. Sein Erzählertalent und seine Opferwilligkeit gegen seine Freunde und Kollegen machten ihn zu einem Genossen, an dem alle mit Liebe hingen. Sein Verlust wird lange von uns betrauert werden.“

Sonntag, 6. Juli 2014

Astronomie im Hamburger Stadtpark

Die Entscheidung, heute in den Hamburger Stadtpark zu fahren, fällte ich sehr spontan, nachdem ich mit meiner heutigen Sonnenbeobachtung die „Pflichtaufgabe“ des Tages schon um 8 Uhr erledigt, danach gebloggt, geduscht und gefrühstückt hatte. Angesichts des guten, sommerlichen Wetters wollte ich nicht den halben Tag zu Hause verbringen, sondern wenigstens ein paar Stunden so etwas wie einen kleinen Urlaub einschieben, der bei mir in diesem Jahr arbeitsbedingt wohl weitgehend ins Wasser fallen wird.

Ich fuhr mit dem 171er Bus bis zur Haltestelle Saarlandstraße und betrat dort die größte, 1914 eröffnete, Parkanlage der Stadt. Grob geplant hatte ich mir vorgenommen, einige der dort reichlich aufgestellten Kunstobjekte zu fotografieren, obwohl bildende Künste nicht gerade mein Spezialgebiet sind. So landete ich zunächst bei „Diana auf der Hirschkuh“ und kam später - nach einer kleinen Entspannungsrunde auf einer Parkbank - bei „Adam“ und „Eva“ vorbei, verweilte kurz bei den „Pinguinen“ und gelangte schließlich zum Knaben mit Fischen“, bevor ich in einer kleinen Lokalität einkehrte, wo man Hunde mitführen durfte und das interessanterweise auch als „Lesecafé“ ausgewiesen war. Ich nutzte die Gelegenheit für einen Milchkaffee und arbeitete mich langsam durch das neue Astrobuch über Kometen, für das ich eine Buchbesprechung schreiben muss.

Am Nebentisch unterhielten sich zwei ältere Damen über die Neuerungen im „Sierichschen Forsthaus“, was mich neugierig machte, war dieses doch mit einem Teil der früheren GvA-Geschichte insofern verbunden, als dass man Anfang der 60er Jahre des vorherigen Jahrhunderts überlegt hatte, dort ein festes Domizil für den Verein zu finden. Dieser tagte zur damaligen Zeit im nahegelegenen Gymnasium am Grasweg 39, wo der damalige Planetariumsdozent und Schulleiter Werner Schindler dem noch jungen „Verein Hamburger Sternfreunde e.V. (VHS)“ Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt hatte. Vorsitzender war seinerzeit der Initiator der Gründung eines Hamburger Planetariums und langjährige Vortragende Hans Hagge, der 1924 bei der Eröffnung des allerersten Planetariums in Jena beigewohnt hatte und der Meinung war, das Hamburg auch so etwas haben müsse. Ein Vergleich zur Gründungsgeschichte der Hamburger Sternwarte ist durchaus angebracht, denn auch dieser war eine private Initiative des Amateurastronomen und Oberspritzenmeisters Johann Georg Repsold (1770-1830) vorausgegangen.

Hagge hatte in den Jahren 1960/61 nach seinen Vorträgen immer wieder interessierte Sternfreunde zu einer Beobachtung auf der obersten Plattform eingeladen, wo sich in einer tonnenförmigen „Metallhütte“ ein einfaches Linsenfernrohr auf Rollen befand. Bevor der Verein, der seit seiner Gründung intensive Kontakte zum Planetarium pflegte, die erst 2002 mit dem Rauswurf aus dem Wasserturm endeten, dort ab 1968 in mehreren Stufen einzog und erstmals einen eigenen Vereinssitz hatte – denn er seit 2006 nicht mehr hat – wurden vielfältige Überlegungen für einen festen Standort angestellt und einer war das „Sierichsche Forsthaus“, wo sich der Sitz des Stadtparkvereins befindet.

Strassenfest zur 100-Jahr-Feier des Stadtparks

Ich nahm die Gelegenheit wahr, mir das Gebäude anzusehen und geriet in die Festivitäten zur 100-Jahr-Feier des Stadtparks – ohne dies vorher gewusst zu haben. Die nächste Überraschung gab es vor dem Forsthaus. 

Großes Modell der Sonnenganguhr



Kleines Modell der vereinfachten Sonnenganguhr

Hier waren zwei Modelle einer „Sonnenganguhr“, die bereits 1993 von Dr. Martin Zarth entwickelt wurde und im Fall des kleineren Modells mittels beweglichem „Sonnenzeiger“ die Wanderung der Sonne über den Himmel zu verschiedenen Jahreszeiten darstellte. Das größere Modell erlaubte zudem, die Situation von verschiedenen geographischen Breiten aus darzustellen. Der Stadtparkverein plant die Errichtung einer dauerhaften Sonnenuhr mit festem Gebäude und „Sonnenzimmer“ direkt am Stadtparksee in Luftlinie zum Wasserturm, über dem man schon mal am 6. Mai 2003 um 20:21 Uhr die Sonne fotografiert hatte. Ich wohnte den Erklärungen kurze Zeit bei und ging dann weiter die Otto-Wels-Straße, die frühere Hindenburgstraße, entlang, wo man ein Straßenfest organisiert hatte, machte noch einen kleinen Umweg über den ehemaligen Blindengarten des Stadtparks, wo die Skulptur Diana mit den Hunden“ stand und begab mich dann zu meinem Eismann nach Dulsberg. 

Leider erfuhr ich erst im Nachhinein, dass Vereinsmitglieder im Stadtpark bei der Feier heute spontan die Sonne in Weißlicht und H-alpha zeigen wollten, ich war da schon weg, als sie ankamen. Aber auch ohne dem geht nun ein überraschend ereignisreicher Tag langsam dem Ende entgegen.