Samstag, 21. Mai 2016

Kurztripp zum ATT nach Essen

Dieses Mal war nur ein Kurztripp zum Astronomischen Tausch- und Trödeltreff (ATT) nach Essen geplant, weil ich einerseits keinerlei Kaufabsichten hegte, andererseits aber nach einem passenden Geschenk für einen Arbeitskollegen suchte, der Ende kommender Woche in Rente geht. Geplant war außerdem ein Arbeitstreffen – das leider nicht zustande kam und weswegen ich hauptsächlich nach Essen gefahren bin – sowie eine Zusammenkunft mit einem langjährigen Freund und Sonnenfotografen.

Anders als in den vergangenen Jahren verzichtete ich auf eine Bahnfahrt und schloss mich stattdessen einer kleinen Gruppe aus dem Verein an, die nicht bis zum Ende des ATT bleiben wollte, was mit sehr sympathisch war. Nach drei Stunden Autofahrt kamen wir bequem am Stoppenberg-Gymnasium an und mussten sogar noch ein wenig auf den Einlass warten, der pünktlich um 10:00 Uhr erfolgte.

Eigentlich war es wie immer auf dem ATT, es gab Vereinsstände – auch die GvA war vertreten – private Stände, professionelle Händler von Teleskopen und reichlich Zubehör, Verlagshäuser und jede Menge Gelegenheiten, seinen Geldbeutel zu erleichtern. Dumm nur, dass ich nichts auf dem Zettel hatte, was ich mir unbedingt kaufen wollte und für die Sachen, die ich vielleicht gebrauchen könnte, waren nicht die passenden Händler da. Es hatten nämlich, vowiegend aus Personalmangel, im Vorfeld viele ihr Nichtkommen angekündigt. Daher waren nach meinem persönlichen Empfinden wohl auch deutlich weniger Besucherinnen und Besucher in die Ruhr-Metropole gekommen.

Alles in allem wurde wieder ein schöner Querschnitt durch die (technischen) Möglichkeiten, die sich dem heutigen Sternfreund und ambitionierten Amateurastronomen offenbaren, geboten. Die »Schnäppchensituation« war gegenüber den Vorjahren deutlich besser geworden und es gab bei vielen Händlern spezielle Messeangebote.


Wie immer viel Trubel in der großen Halle

Auch die Kommunikation kam nicht zu kurz, so traf ich mich mit Erich Kopowski auf einen Kaffee und lief vielen anderen über den Weg, die man sonst eher selten trifft. Kurz nach 13 Uhr waren wir der Meinung, alles abgegrast zu haben und so traten wir den Rückweg an. Inklusive einer längeren Pause auf der Autobahnraststätte »Tecklenburger Land« an der A1 war ich nach einem Einkauf im Supermarkt bei mir um die Ecke um 18:30 Uhr wieder zu Hause. Gerade rechtzeitig, um noch die Sonne beobachten zu können und das bei allerbestem Seeing. Was will man mehr an so einem Tag?

Donnerstag, 19. Mai 2016

Lohnt es sich noch, Astrozeugs zu kaufen? (3)

Schon mehrfach hatte ich mir an dieser Stelle die Frage gestellt, ob es sich wirklich noch lohnt, Geld in das Hobby Astronomie zu pumpen, um dann Sachen zu kaufen, die mangels Zeit und Gelegenheit in irgendeiner Ecke verstauben und nach ein paar Jahren unbenutzt wieder verkauft werden. Dadurch wird das Hobby zu einer reinen Geldvernichtungsmaschine, ohne am Ende wirklich etwas davon zu haben.

Wenige Tage vor der diesjährigen ATT stelle ich mir natürlich erneut die Frage, ob man sich noch was kaufen soll, oder nicht. Als Sonnenbeobachter dachte ich natürlich an ein echtes H-alpha-Teleskop auch zur Fotografie oder den Einstieg in die Calcium-Beobachtung.

Allerdings lassen mich die zuletzt gemachten Erfahrungen davon erst einmal wieder Abstand nehmen. Zunächst ging ein einwöchiger Astrourlaub daneben, weil an der Sternwarte die Technik bei keinem einzigen Teleskop funktionierte. Überdies war es überwiegend bewölkt. Bei der Sonnenbeobachtung habe ich das »Glück«, tagsüber bei Sonnenschein auf der Arbeit blauen Himmel zu haben, der sich fast regelmäßig zu Feierabend zuzieht und einem jegliche Freude an der täglichen (!!!) Relativzahlbestimmung nimmt. Sie wird dadurch zu einem täglichen Kampf, den ich am Ende durch berufliche Tätigkeiten nur verlieren kann, weil es fast nur noch vormittags sonnig ist. Und diesen Kampf habe ich in diesem Jahr schon zu oft verloren, sodass ich gegenüber den Vorjahren in einen erheblichen Rückstand geraten bin und das Jahresziel von 200 Beobachtungen in unerreichbare Fernen gerückt ist. Aus beruflichen Gründen werde ich dieses und wohl auch nächstes Jahr fast keinen Urlaub nehmen können, sodass ich in der Zeit den Rückstand auch nicht mehr aufholen kann. Daher sind alle (astronomischen) Reisepläne auch erst einmal auf Eis gelegt.

Beim Merkurtransit war das Wetter zwar überwiegend gut, dafür versagte trotz vorheriger Tests und Probeläufe die gesamte Technik. Ein Vereinskollege nur wenige Meter neben mir hat aufgebaut und einfach fotografiert, bei mir ging wieder alles schief. Am Ende habe ich fast nur unscharfe Bilder herausbekommen, während ihm alle gelangen. Vielleicht sollte ich die Astrofotografie aufgeben, bringt bei mir anscheinend sowieso nichts außer vermurphten Bildern und jede Menge Frust.

Mit der Nachtbeobachtung sieht es ebenfalls düster aus. Wenn es denn wirklich mal klar ist – hinter mir liegt der schlechteste Winter seit Beginn meiner beobachterischen Tätigkeit – kann ich nicht beobachten, weil dass dann mitten in der Woche ist, oder ich just an dem einzig klaren Wochenende seit Monaten arbeiten muss oder Rufbereitschaft hatte und unsere Außensternwarte für kurze Beobachtungsaktionen zu weit draußen liegt. Ich kann sie daher nicht nutzen. Durch berufliche Verpflichtungen, die in den kommenden Jahren noch weiter ansteigen werden, schaffe ich es noch nicht mal mehr, Hamburger Vereinstermine wahrzunehmen.

Lohnt sich vor dem Hintergrund denn der ATT? Ich denke schon, mehr aber zum Informationsaustausch als zum Kauf irgendwelcher Teile (außer einem schönen Meteoritenfragment als Geschenk). Daher werde ich am Samstag Freunde treffen, zur »Dienstbesprechung« an den Stand vom Oculum-Verlag gehen und mal schauen und hoffen, nicht irgendwelches nutzloses Zeugs zu kaufen, mit dem am Ende nichts wirklich besser wird.

Dienstag, 10. Mai 2016

Der Merkurtransit – ohne Murphy geht es nicht

Der 9. Mai 2016 war schon länger in meinem astronomischen Jahreskalender rot angestrichen und ich hatte frühzeitig einen Tag Urlaub eingereicht und dann auch bekommen. Die Frage für mich war nur, wo ich ihn beobachten könnte. Innerhalb Hamburgs hat mein Astroverein keinen eigenen Standort und somit auch keine Sternwarte, die man hätte nutzen können. Meine Wohnung verfügt nicht über einen Balkon, weshalb ich zwar das Ende des Transits beobachten könnte, den Anfang aber verpassen würde, weil ich mit dem Fernrohr direkt am Fenster stehend die Sonne nicht erreichen würde. Das geht bei mir sinnvollerweise erst ab ca. 16/17 Uhr. Daher testete ich von meiner Küche aus das Equipment funktionierte - schlecht für die Generalprobe, die bekanntermaßen schiefgehen muss, damit es bei der Premiere gut geht.

Erfolgreiche Tests am Küchenfenster
In unserer Hamburger Sonnengruppe hatten wir das Thema natürlich auch besprochen und so erging eine Einladung von Klaus-Peter Daub an Michael Steen und mich, bei ihm im Garten zu beobachten. Wir nahmen die Einladung gerne an und wurden nebenbei bestens mit Essen und Trinken versorgt. Am Ende waren wir fünf Beobachterinnen und Beobachter, die im Garten ihre Teleskope aufgebaut hatten. Nach dem Aufbau der Instrumente und dem Installieren der Technik warteten wir gespannt auf das kommende Ereignis. 
Ganz ohne Murphy ging es bei mir wieder einmal nicht, denn pünktlich zum 1. Kontakt zog eine Wolke vor die Sonne - so ziemlich die einzige, die gerade am tiefblauen Himmel zu finden war - und gleichzeitig stieg mein Rechner aus, was mir an diesem Tag gleich mehrfach passierte.

Pünktlich zum 1. Kontakt kamen Wolken
Ich hatte meinen 90/1000er Refraktor auf einer SP-Montierung  reanimiert und diese über ein Netzteil betrieben. Allerdings wies der Handtaster einen Schaden an der Schnittstelle für den Strom auf, weshalb die Nachführung dann und wann aussetzte. Probleme gab es auch mit dem Steuerungsprogramm Apt 3.11. Die Verbindung zur Canon EOS 40D brach immer wieder ab. Die Sonne lief raus, ich musste wieder alles neu einrichten, während unser Gastgeber an seinem 152/1200-Refraktor munter sein Aufnahmeprogramm abarbeiten konnte.

Der Fernrohrpark im Garten
Das Seeing zeigte sich auch nicht gerade von seiner besten Seite und so musste ich mehrmals versuchen, einen Schärfepunkt zu finden, was selbst mit einem Badelaken über dem Kopf am Rechner zu einer Qual wurde. Zwischendurch gelangen durchaus einige Aufnahmen, die meisten waren aber aufgrund der schlechten Luftbedingungen weitgehend unscharf. Bei regelrechtem “Schwabbelseeing” war es schlechterdings nahezu unmöglich, einen Schärfepunkt zu finden. Schließlich dann der Super-GAU: Irgendwann weigerte sich das Programm, Aufnahmen zu machen, weil angeblich kein Speicherplatz mehr auf der Festplatte vorhanden, obwohl ich die Bilder auf eine externe Festplatte ausgelagert hatte. Es waren über 10 GB Platz auf der Festplatte des Rechners, doch Apt 3.11 ließ sich davon nicht beeindrucken und behauptete, es hätte nur noch 27,3 MB zur Verfügung. Damit endete mein Aufnahmeprogramm etwa eine Stunde, bevor die Sonne hinter einem Baum verschwand.
Neben der fotografischen Arbeit beobachteten wir den Transit mit meinem PST im H-alpha und schon beim 1. Kontakt war zu sehen, dass Merkur knapp unterhalb einer Randprotuberanz vorbeiwanderte und später auch nahe an einigen kleinen Filamenten stand. Durch die Vielzahl der Instrumente konnte man das Ereignis auch visuell sehr schön verfolgen. Was auffiel war, dass der Planet – wie eigentlich auch nicht anders zu erwarten – als dunkler, schwarzer Ball dahinzog und daher auch nicht mit einem der wenigen vorhandenen Sonnenflecken verwechselt werden konnte. Zwar kannte ich das schon vom letzten Venustransit her, aber es ist immer wieder beeindruckend, dass dann live zu sehen. Erfahrungen vom letzten Merkurtransit 2003 hatte ich leider keine, weil ich an dem Tag nicht frei bekommen hatte. Daher erstaunte mich dann die “Kleinheit” des Planeten doch ein wenig, aber er war klar von den aktuellen Sonnenflecken zu unterscheiden – selbst kurz nach dem 1. Kontakt, als die Wolken eine erste Beobachtung erlaubten – und mein Rechner gerade wieder am Hochfahren war.
Eine der ersten Aufnahmen um 11:30 UT kurz nach dem 2. Kontakt, aufgenommen mit 90/1000er Refraktor mit Canon EOS 40D, gesteuert mit gerade mal funktionierendem Abt 3.11, ISO 400, 1/1000s belichtet 

Merkurtransit um 13:55 UT aufgenommen mit 90/1000er Refraktor mit Canon EOS 40D, gesteuert mit gerade mal funktionierendem Abt 3.11, ISO 400, 1/1500s belichtet 

So vergingen die Stunden und auch nach dem Ende der Beobachtung saßen wir noch in lockerer Runde beisammen. Es war – bis auf die nervenden technischen Probleme – ein entspannter Merkurtransit. Ob es den am 11. November 2019 ebenfalls geben wird, ist fraglich, da das Wetter in dem Monat traditionell schlecht ist und man das Ereignis ohnehin nicht in voller Länge wir beobachten können. Für Hamburg und Umgebung wird der Planet um 12:35 Uhr MEZ vor die Sonne treten, der Mittelpunkt des Transits wird um 15:20 Uhr erreicht und um 18:04 Uhr wird der 4. Kontakt zu beobachten sein. Sonnenuntergang ist aber schon um 16:30 Uhr. Man bräuchte dann schon eine wirkliche Horizontsicht, ansonsten ist – zumindest bei mir – der Transit schon um 14 Uhr wieder zu Ende, weil die Sonne dann hinter Hochhäusern verschwindet.

Sonntag, 1. Mai 2016

Frühjahrs-NAFT in Lübeck


Die Versammlung im Musiksaal einer ehemaligen Schule
Das Frühjahrstreffen der norddeutschen Astrofotografen wurde am 23. April 2016 am alten Standort der Lübecker Sternwarte ausgetragen und bot wieder einmal einen schönen Überblick über die Aktivitäten von Sternfreundinnen und Sternfreunden aus dem Norden der Bundesrepublik.

An diesem zunächst sonnigen Samstagvormittag kam Christian Harder bei mir vorbei, sodann holten wir Michael Steen aus Bergedorf ab und fuhren hernach in einer kleinen Fahrgemeinschaft in die Hansestadt an der Trave, wo wir gegen 12 Uhr ankamen.

Auf dem Freigelände vor der Sternwarte hatten die Sternfreunde des ASL (Arbeitskreis Sternwarte Lübeck e.V.) einige Fernrohre zur Sonnenbeobachtung aufgestellt, und während es in Hamburg bereits stürmte und hagelte, konnten wir hier noch die beiden einsamen Sonnenflecken im Weißlicht und die Gesamtsonne im H-alpha-Licht beobachten. Im Gebäude, das vor kurzem noch von der „Schule an der Wakenitz“ im Teil „Johannes-Kepler-Schule“ in Lübeck-Eichholz genutzt wurde, war im Aufenthaltsraum das Büfett aufgebaut, wo man sich vor Beginn der Veranstaltung kräftig stärken und nebenbei klönen konnte.


Sonnenbeobachtung auf der Wiese vor der Sternwarte
Pünktlich um 13 Uhr begann das Frühjahrs-NAFT vor rund 50 Teilnehmerinnen und Teilnehmern im ehemaligen Musiksaal der Schule mit einer kurzen Ansprache des Vorsitzenden Oliver Paulien, der auf den bevorstehenden Umzug in ein noch zu errichtendes Neubaugebiet hinwies und an den Gründer der Sternwarte, den baltischen Astronomen Dr. Peter von der Osten-Sacken erinnerte. Dieser hatte 1957 mit einem kleinen Linsenfernrohr den ersten Erdsatelliten SPUTNIK-1 beobachtet, das hier vor Publikum präsentiert wurde. Am neuen Standort wird die Sternwarte auf einem 19 m hohen Turm erreichtet, der einen 360°-Rundumblick bietet und so Beobachtungen in alle Himmelsrichtungen ermöglichen wird. Die übrigen Räumlichkeiten der neuen Lübecker Sternwarte, die tief im Kulturleben der Stadt integriert ist – anders als bei der GvA in Hamburg – und in die Neubauplanungen mit einbezogen wird, sollen barrierefrei ausgestaltet sein.

Das Programm des Frühjahrs-NAFT
Im ersten Vortrag wusste Ralf Biegel mit Aufnahmen von Leuchtenden Nachtwolken (NLC) und/oder Polarlichtern der letzten Monate zu begeistern, die er mit musikalischer Untermalung darbot. Aufgenommen hatte er die Bilder am Ostseestrand bei Kühlungsborn, wo sich das Leibniz-Instituts für Atmosphärenphysik e. V. an der Universität Rostock (IAP) befindet, auf deren Internetseiten man sich über aktuelle Entwicklungen und Vorhersagen zu Polarlichtern und NLC informieren kann.

Dirk Zachow berichtete danach über seine Erfahrungen auf verschiedenen Internationalen Teleskoptreffen (ITT) mit der Emberger Alm in Kärnten, die durchweg positiv ausfielen, und zeigte Aufnahmen von M42, M45, California-Nebel, M31, Skorpion vor Sonnenaufgang, Pferdekopf-, Rosetten-, Trifid-, Lagunen-, Adler- und Omeganebel, NGC 253 sowie Landschafts- und Panoramaaufnahmen. Die Astroaufnahmen entstanden dabei mit Optiken von 419 mm und 800 mm Brennweite.

Erik Wischnewski führte danach in die Polarisationsastronomie ein. In diesem speziellen Fall geht es darum zu untersuchen, welche Objekte polarisiertes, also beispielsweise an interstellarer Materie oder interstellarem Gas gestreutes Sternenlicht aussenden, und ob man dies als Amateur überhaupt messen kann. Der Effekt wurde 1949 von den Astronomen William Hiltner und John S. Hall erstmals beobachtet und wird von der professionellen Astronomie genutzt, um Rückschlüsse auf die Art der aussendenden Quelle ziehen zu können. Zum einen sind es Objekte, die Synchrotonstrahlung aussenden, zum anderen die Kerne sog. Starburst-Galaxien, Supernova-Überreste etc. Die Idee war, mittels eines Polfilters derartige Messungen zu wiederholen. Dies misslang aber in allen oben genannten Fällen, auch, weil der Filter während der Aufnahme zu viel Licht schluckte. Es wurde berechnet, dass man wohl mindestens ein 60cm-Spiegel und einen ausreichend dunklen Himmel braucht, um die Messungen an Aktiven Galaxien und Reflexionsnebeln zumindest im Ansatz zu ermöglichen. Daher wich der Referent auf den Mond als Empfänger polarisierten Lichtes von der Sonne aus und bearbeitete seine Mondbilder mit dem Programm IRIS. Das Ergebnis verblüffte im negativen Sinne, denn die stärkste Polarisation sollte in einigen der Mondmeere auf Grund der chemischen Zusammensetzung des Mondbodens auftreten, wurde aber erstaunlicherweise überwiegend in den hellen Regionen am Mondsüdpol registriert. Eine Untersuchung ergab, dass man hier selbst beim Mond mit einer Subpixelgenauigkeit in den Aufnahmen und der anschließenden Bildverarbeitung arbeiten muss, denn schon die geringste Abweichung führt zu völlig falschen Ergebnissen. So ist auch bei den Beobachtungen am Mond – es eignen sich hierfür auf Grund der gegenseitigen Stellungen von Sonne, Erde und Mond am besten die beiden Halbmondphasen – kein wirklich vernünftiges Ergebnis visuell darzustellen. Anscheinend sind aber die Daten der Polarisationsmessungen, die in IRIS abgelegt werden, durchaus brauchbar. Unterm Strich ist die Idee sehr gut, mit Amateurmitteln aber (noch?) nicht umsetzbar.

In der anschließenden Pause konnte man sich weiter mit kostenlosen(!) heißen und kostenpflichtigen kalten Getränken, belegten Brötchen, Würstchen und selbst gebackenem Kuchen versorgen. Anlässlich des letzten NAFT an der Sternwarte, gab es Kuchen in Form einer kleinen Sternwarte, einer Kamera und ein Kuchenblech mit einem Tortenguss in Form des Observatorium von 1957 - 2016. Außerdem stellten wir uns für das Gruppenfoto auf der Grünfläche vor der Sternwarte auf. Und wer wollte, konnte immer noch einen Blick auf die Sonne werfen, denn die aus Westen heranrückende Schlechtwetterfront mit Temperatursturz, Gewitter, Regen, Eis und Schnee war noch nicht in Lübeck eingetroffen. Die kam erst während des letzten Vortragsblocks an.

Im ersten Vortrag nach der Pause stellte Bruno Mattern seine Sternwarte und seine neuesten Galaxienaufnahmen sowie einige Testergebnisse mit der Sony Alpha 7R im Vollformat vor, die schon sehr beeindruckend waren. Auf Grund des anhaltend schlechten Wetters im Norden, konnten nur wenige Nächte astrofotografisch genutzt werden, sodass er dieses Mal vergleichsweise wenige Aufnahmen dabei hatte: Pferdekopfnebel, NGC 2683, M 106 (mit 16 Stunden Belichtungszeit), NGC 4485-90, M108. Einige Aufnahmen mit kurzbrennweitigen Optiken, die er mit der Canon 60Da aufgenommen hatte, waren auch dabei, und zwar vom Nordamerikanebel, Komet Lovejoy, NGC 4725 („nur“ 9,5 Stunden belichtet) und NGC 5709.

Mathias Levens berichtete anschließend über seine Reisen mit den Hurtig-Routen und schilderte die Eindrücke der letzten Tour im Februar 2016. Wieder konnte er viele beeindruckende Polarlichtaufnahmen vorweisen, die vom Schiff aus aufgenommen worden waren: Polarlichtoval, sich bewegende Vorhänge, Polarlichter mit Hintergrundsternen in Farben von grau bis grün waren die am häufigsten vorkommenden Erscheinungsformen. Ein weiteres seiner Betätigungsfelder ist die Fotografie mit Schmalbandfiltern und hier mit H-alpha und OIII und oft auch beides zusammengemixt, was einen vollkommen andersartigen Blick auf die Objekte gestattet, die er vom heimischen Garten aus fotografierte: NGC 6888, IC 410, IC 1805, IC 443. Im „normalen“ Spektralbereich hatte er M97 und M108, Komet Catalina, Komet Wild 1 und als Highlight das Leo Triplett samt Komet 67P/Churyumov-Gerasimenko und Kleinplanet (394) Arduina fotografiert.

Uwe Freitag war danach an der Reihe, unter dem Motto „Atmosphärisches und Astronomisches aus dem Land zwischen den Meeren“ Fotos mit musikalischer Untermalung zu präsentieren: Aufnahmen vom Airglow, von Polarlichtern, Leuchtenden Nachtwolken, der Sonnenfinsternis vom 20.03.2016, der Mondfinsternis vom 28.09.2016, Venus und Jupiter (mit der DMK31), Komet 2014Q2 Lovejoy sowie M42/43, M21/22, M16/17 etc.

Über die erfreuliche „Wiedergeburt des Aschberg Frühjahrs-Teleskoptreffen (AFT)“ berichtete Carsten Jonas. Im Umfeld des alten und neuen Beobachtungsplatzes hatte sich die Globetrotter-Akademie etabliert und es war befürchtet worden, dass die Wiese nun in einer Lichtflut ertrinken würde, was aber nicht unbedingt der Fall ist. Man nimmt auf die Sternfreunde während des AFT Rücksicht, und so kamen zum 2016er Treffen schon wieder mehr Sternfreundinnen und Sternfreunde als 2015.

In seinem „Rückblick auf 2015“ berichtete Carsten Jonas anschließend von seinem Polarlichtbeobachtungsflug, bei dem er mit einer Sony Alpha 7S bei ISO 20000 und 1 Sekunde Belichtungszeit Polarlichter fotografieren konnte. Er zeigte Aufnahmen des Polarlichts vom 17.03.2016 aus Kiel, Leuchtenden Nachtwolken aus der Saison 2015 und sehenswerten Animationen aus Einzelbildern.

Im letzten Vortrag des Tages gab Mario Lehwald einen kleinen Überblick über die allgemeinen Kenndaten des Saturnmondes Titan sowie die Raumsondenmissionen zu ihm, und führte danach einen mit dem Programm terragen 3 simulierten Flug über die Mondoberfläche aus originalen NASA-Aufnahmen vor.


Nach den Schlussworten des Veranstalters übergab Marco Ludwig an Oliver Paulien symbolisch den Schlüssel für die Neumünsteraner Sternwarte als Domizil für die Zeit vom Auszug aus der alten und den Einzug in die neue Sternwarte! Wann und wo das Herbst-NAFT 2016 ausgetragen wird, wurde noch nicht festgelegt, wird aber über Astrotreff.de und die entsprechenden Mailinglisten bekannt gegeben werden.

Montag, 11. April 2016

16. LNdM und 4. BTT in Bergedorf

Am 9. April 2016 gab es die 16. Lange Nacht der Museen (LNdM) in Hamburg und die Sternwarte Bergedorf nahm mit einem umfangreichen Programm daran teil. Aus diesem Anlass fand vom 8. bis zum 10. April auf dem Freigelände vor dem Sonnenbau gleichzeitig das 4. Bergedorfer Teleskoptreffen statt.

Kurz nach Mittag holte ich einen Astrokollegen ab und kaum angekommen, begrüßten wir die Teilnehmer des Treffens, die teilweise von weither gekommen waren und ihre Fahrzeuge zu einer Wagenburg auf dem Freigelände neben dem Beamtenwohnhaus zusammengestellt hatten.

Schon Wochen vor der Veranstaltung hatte ich mich als Mitglied des Fördervereins der Sternwarte bereit erklärt, beim Aufbau mitzuhelfen und am Abend bei einer der Ausstellungen Aufsichtsdienst zu übernehmen. Gleichzeitig sollte auch ein kleines Sonnenbeobachtertreffen stattfinden, was aber mangels Beteiligung nicht wirklich zustande kam.

Amateurteleskope auf der Wiese mit Blickrichtung Westen. Im Hintergrund das Beamtenwohnhaus, daneben die "Wagenburg". Das gelbe Haus im Vordergrund ist das letzte verbliebene Mirenhaus, über das man vom Meridianhaus aus die Nordrichtung einpeilen konnte
Amateurteleskope mit Blickrichtung Osten vor dem Sonnenbau
Auf der Wiese vor dem Sonnenbau stand eine erkleckliche Zahl von Teleskopen unterschiedlichster Bauart und Öffnung. Einige hatte Sonnenfilter vor dem Objektiv und so durften und konnten wir sie zur Beobachtung der gerade sichtbaren großen Fleckengruppe 12529 nutzen. 

Schon am frühen Nachmittag – die LNdM begann offiziell erst um 18 Uhr – erschienen die ersten Besucherinnen und Besucher auf der Sternwarte und kamen so in den Genuss einer öffentlichen Sonnenbeobachtung. Kurz nach 15 Uhr half ich mit, im Bereich des Nebeneingangs in der August-Bebel-Straße ein Zelt für Kasse und den Infostand aufzubauen. Danach gab es eine kleine Stärkung im Café Raum und Zeit im Besucherzentrum, das wieder mal mit einigen kulinarischen Höhepunkten aufwartete und die Besucherinnen und Besucher bis spät in die Nacht hinein mit schmackhaftem Essen und Getränken bestens versorgte. Deren Dienste wurde umso stärker in Anspruch genommen, je dunkler und je kälter es draußen wurde.
Ab 18 Uhr begann das offizielle Programm im „Astronomiepark Hamburger Sternwarte“ zahlreichen mit Führungen und Vorträgen unter dem Motto „Raum und Zeit“. Bei den Führungen konnte man nicht nur Teleskope besichtigen, sondern auch durch sie hindurchschauen, und auch bei den Sternfreunden wurde eifrig zusammen mit den Interessierten Mond und Jupiter beobachtet. Leider zog der Himmel später zu, zwischendurch gab es aber einige klare Phasen, in denen man auch ein paar Deep-Sky-Objekten gezeigt bekam.

Bei den relativ gut besuchten Vorträgen ging es u.a. um die „Vermessung des Himmels mit dem Schmidtspiegel“, „Weltbild und Vermessung des Himmel“, „Einsteins rätselhafter Kosmos“, „Zeitmessung und Navigation – der Hamburger Zeitball“, „Historische astronomische Photoplatten in der Forschung von heute“ oder „Raum und Zeit – Einstein und die Kosmologie“.

Im Hauptgebäude gab es im Keller, der Bibliothek und im 1. Stock interessant gestaltete Sonderausstellungen zu den Themen: „Bibliophile Kostbarkeiten - Raum und Zeit“, „Vermessung von Raum und Zeit“, „Raum und Zeit - Einstein und die Kosmologie“, „Vermessung des Himmels mit dem Schmidtspiegel“‚ „Zeitmessung und Navigation – der Hamburger Zeitball“, „Historische astronomische Photoplatten in der Forschung von heute“ und „Sterne über Hamburg“. Abgerundet wurde das Ganze durch musikalische Darbietungen des LOLA Chors Bergedorf im Vortragsraum des 1m-Gebäudes.


Bildposter Kopernikus I
Bildposter Kopernikus II



Modell des Hamburger Schmidtspiegels, der sich seit 1975 auf dem Calar 
Alto befindet und dort 2001 außer Dienst gestellt wurde  
Der "Ur-Schmidt"
Wenn auch etwa 30% weniger Leute als im letzten Jahr die Veranstaltung besuchten, so taten sie dies doch in guter und ausgelassener Stimmung und so verging meine von 19 bis 20 Uhr und von 21 bis 23 Uhr dauernde Dienstzeit im Keller wie im Fluge, zumal ich auch viel über die Ausstellung und das Schmidt-Museum befragt wurde.

Gegen 23 Uhr verabschiedete ich mich dann, zumal der Himmel jetzt endgültig zugezogen war.  Nach diesem arbeitsreichen Tag war ich trotzdem sehr zufrieden. Es war eine gelungene Veranstaltung bei der alle ihren Spaß hatten und auf ihre Kosten kamen.

Sonntag, 22. November 2015

Norddeutsches Astrofotografentreffen in Hannover

Am 21. November 2015 fand das zweite Treffen der norddeutschen Astrofotografen in diesem Jahr in Hannover an der dortigen Volkssternwarte statt. Wir, das waren André Wulff, Michael Steen und ich, kamen bereits gegen 11 Uhr beim Observatorium an und bauten erst einmal einen kleinen Bücherverkaufsstand auf. Schnell kamen weitere Sternfreundinnen und Sternfreunde hinzu. Am Ende wurden über 60 Personen gezählt, die dem umfangreichen Vortragsprogramm - wie immer völlig anarchisch ohne vorherige Anmeldung -  beiwohnten, das mit der Begrüßung durch Mathias Levens begann, Vorsitzender der VSW Hannover.

Die berühmte "Anarcho"-Vortragsliste
Er eröffnete die Vortragsreihe mit einem Beitrag mit „Bildern aus Hannover und Namibia“. Neben seiner Ausrüstung zeigte er viele Deep-Sky-Aufnahmen wie M 106 und Umgebung, den Pelikannebel im H-alpha und IC 1396 aus Hannover sowie die Nebelstrukturen um Eta Carinae, die Gegend um M8, die Nebel rund um NGC 6559, NGC 253 und NGC 7293. Eine Addition verschiedener Aufnahmen gleicher Objekte mit unterschiedlichen Brennweiten scheiterte an technischen Unzulänglichkeiten, sind aber offenbar ein Trend, der bei norddeutschen Sternfreunden langsam in Mode kommt.

Ein ganz anderes Thema behandelte Utz Schmidtko von der Sternwarte St. Andreasberg. Er begeistert sich seit Jahren für Polarlichter und konnte hier wieder beeindruckende Zeitraffer- und Echtzeitvideos mit musikalischer Untermalung von Polarlichtern der Jahre 2013 und 2015 vorführen. Ein Teil der Aufnahmen war mit der neuen Sony Alpha 7s entstanden. Beeindruckend, was mit dieser Kamera offenbar möglich ist. Ein Film des Sternenhimmels über der Sternwarte St. Andreasberg rundete die Vorführung ab.

Carsten Dosche aus Oldenburg präsentierte Aufnahmen mit der nur wenig verbreiteten Anord Luca.EMCCD-Kamera, die er an einem C9 betreibt und die vorwiegend dazu gedacht ist, sogenannte „Lucky Images“ zu produzieren. Davon konnte man sich anhand der Bilder von M 106, M 13, M 17, NGC 6888, M 22, M 20, NGC 7293, Abell 72, PK 080-06.1, IC 5146, NGC 6765, NGC 7139, NGC 7023 Jones 1,  M 81, den Pferdekopfnebel, M 42, M 82 mit der Supernova 2014j, Abell 21, NGC 2903, M 97, NGC 3718, M 65, Hickson 44, M3,  M 102, um nur einige wenige zu nennen, auch überzeugen.

Michael Koch zeigte Zeitrafferaufnahmen aus dem Sternbild Andromeda, die aus Einzelbildern mit feststehender Canon 6D-Kamera und 200 mm Objektiv im November 2015 entstanden waren. Dabei wurden 1600 Aufnahmen zu je 3,2s Belichtungszeit alle 8 s verarbeitet.

In der ersten Pause konnte man sich - dank an den Catering-Service - mit Kaffee, belegten Brötchen und Kuchen stärken. Danach ging es auf die Beobachtungsplattform zum Gruppenfoto, dem sich eine kurze Besichtigung der Sternwarte anschloss.



Pause auf der Beobachtungsplattform

Sternwartenbesichtigung
Der zweite Vortragsblock begann mit einem Vortrag von Bruno Mattern aus Hamburg, der nebst Sternwarte und Ausrüstung Aufnahmen des östlichen Cirrus, vom Pferdekopfnebel, M 27, M 33, M 31, M 27, M 42, NGC 7000, NGC 5907, NGC 6946, NGC 7331 und NGC 891 zeigte. Die meisten Aufnahmen waren jedoch nur „Schnappschüsse“ von bis zu 90 Minuten Belichtungszeit. Wesentlich länger belichtete Aufnahmen haben den Vorteil, dass noch mehr Details in schwachen Strukturen bei Galaxien und Nebeln herausgearbeitet werden können. Als Beispiel hatte er eine 8-stündige Aufnahme von M 27 und eine 21-stündige von NGC 7331 dabei, die aber durch Kombination mit älteren Aufnahmen zustande kamen. Zum Testen hatte er eine Sony Alpha 7r genutzt. Einige der neueren Canon-Kameras haben offenbar den Nachteil, nicht mehr modifiziert werden zu können, weil Chip und Filter zu einer einzigen Einheit verbaut wurden. Dafür sollen sie rotempfindlicher sein, als die bisherigen Kameras.

Hartwig Lüthen aus Hamburg begann unter dem Titel „Baseball oder Tennis“ mit einer astronomischen Sportreportage der besonderen Art. Gemeint war hier ein doppelter Transit der Internationalen Raumstation ISS am 22.08.2015, um 16:15:59 und 17:51:32 MEZ den er von Schmalenbeck aus fotografieren konnte. Wie man daraus mit Virtualdub, Fitswork und Photoshop ein einzelnes Bild bastelt, dass dann auch noch zum APOD (Astronomy Picture of the Day) vom 12. September 2015 führte, führte er live am Rechner vor.

Andreas Zirke aus Springe war danach mit CCD-Bildern (Atik und Moravia) von Hicksen 68, M 106, M 109, M 13, M 16, M 3, M 92, NGC 4565, NGC 7380 und NGC 891 an der Reihe. Auch er hatte bei einigen Aufnahmen mit sehr langen Belichtungszeiten experimentiert und NGC 7822 binnen 4 Wochen insgesamt über 37 Stunden hinweg belichtet. Herausgekommen ist eine Aufnahme, die sehr viele Details in diesem Emissionsnebel im Kepheus offenbart.

Fachsimpeln in der nächsten Pause
Eine weitere Pause wurde eingelegt, die zur Verpflegung oder Kommunikation genutzt wurde, bevor Uwe Freitag mit Zeitrafferfilmen und Musik „Atmosphärisches und Astronomisches aus dem Land zwischen den Meeren“ den dritten Vortragsblock einläutete. Neben dem nicht immer leicht zu sehenden Airglow hatte er Polarlichter am 17.03., 16./17.4.2015, 10./11.7.2015 und 9./10.9.2015, Leuchtende Nachtwolken am 10.07., die Sonnenfinsternis vom 20.03.2015, die Mondfinsternis vom 28.09.2015 und weitere Ereignisse zu einem schönen Film verarbeitet.

Konstantin von Poschinger aus Hamburg zeigte zunächst einen kleinen Film aus Einzelaufnahmen der Mondfinsternis vom 28.09.2015 und ging dann auf das eigene Projekt des Selbstbaus eines 130/520 mm-Refraktors für Kameras mit Vollformatchips ein. Am Ende hatte er noch diverse Aufnahmen von NGC 6888, M 16, M 42, M 8 und M 20, dem Sternfeld rund um die Hyaden, den H-alpha-Gebieten in der Cassopeia oder dem Irisnebel im Gepäck, die mit sehr unterschiedlichen Schmaldbandfiltern (H-Alpha, SII und OIII) in Hamburg und Namibia aufgenommen worden waren.

Nach einer weiteren, kleinen Pause stellte Michael Theusner aus Hannover ein außergewöhnliches Projekt vor: ein „Spektrographisches Polarlicht-Warnsystem“. Hierzu verwendet er einen Selbstbauspektrograph mit Kollimator und Gitterfolie sowie eine DSLR. Erste damit aufgenommene Spektren wiesen nicht nur die bekannten Sauerstoff-, Natrium- und weitere -linien nach, sie ermöglichten auch die Kategorisierung in fünf unterschiedliche Warnstufen. Ein weiterer Punkt war die Vorstellung eines neuartigen chinesischen Filters gegen Lichtverschmutzung, die derzeit nur über einen österreichischen Händler bezogen werden können. Es handelt sich dabei um den Hoya Didym-(Red Enhacer, Intensifier)-Objektivfilter. Er filtert die Natriumlinien heraus (gut gegen Natriumdampflampen, schlecht gegen Quecksilberdampflampen), lässt aber die Polarlichtlinien durch, sodass er hervorragend für das Warnsystem einzusetzen ist. Doch auch für normale astrofotografische Zwecke aus der Großstadt heraus scheint er überaus geeignet zu sein, wie die hier gezeigten Beispielbilder belegten. 

Im letzten Beitrag schilderte Thorsten Lohf aus Lübeck die auf den ersten Blick betrübliche Situation der dortigen Sternwarte. Diese befindet sich in den Räumen der Johannes-Kepler-Schule, die im kommenden Sommer abgerissen und mit einer anderen Schule zusammengelegt werden soll. Die ganze Gegend soll zu einer neuen Wohngegend, dem Johannes-Kepler-Quartier umgestaltet werden und wie es nach dem letzten Stadium des Bebauungsplanes aussieht, bekommen die Lübecker zwar ab 2018 eine neue Heimat in Form eines eigenen Gebäudes, müssen diese aber selber bauen und finanzieren. Daher laden die Lübecker Sternfreunde zum nächsten NAFT im Frühjahr 2016 ein, das letzte am alten Standort.

Kurz nach 18:30 Uhr endete das Herbst-NAFT und wir fuhren wieder nach Hamburg zurück, während andere noch in einem nahegelegenen Restaurant das Treffen ausklingen ließen.

Sonntag, 1. November 2015

Die 34. Bochumer Herbsttagung


Dieses Mal einen Monat früher als sonst fand am 31. Oktober 2015 in Bochum die 34. BoHeTa statt. Ein attraktives Programm riet dringend zu einer Teilnahme und so entschlossen André Wulff und ich uns schon frühzeitig, wieder an der an der Ruhr-Universität stattfindenden Tagung teilzunehmen.

Zum ersten Mal nach vielen Jahren wieder mit dem Auto zur BoHeTa unterwegs waren wir nach den Bahn fahrenden Vereinskollegen losgefahren und vor ihnen angekommen. Ein großer Lacher auf der Hinfahrt war die Meldung der WDR 2-Wissenschaftsredaktion, dass der Asteroid 2015 TB145 ein „erloschener Komet“ sei, der „seinen Schweif verloren“ habe. Dabei war bei dem erst am 10. Oktober 2015 von den Pan-STARRS-Kameras entdeckten Himmelskörper aufgrund seiner Bahnform (Exzentrizität: 0,8603, Bahnneigung: 3,9260, Angaben: wikipedia) zunächst wohl wirklich unklar, um was für ein Objekt es sich handelte. Nach dem Vorübergang in rund 480.000 km – woraus die Medien ein „Vorbeischrammen an der Erde machten“, wird er bei einem Durchmesser von 600 m und einer Rotationsperiode von rund 5 Stunden zur Gruppe der Erdbahnkreuzer gezählt.

So eingestimmt kamen wir gegen 9:30 Uhr an der Uni und ein paar Minuten später beim Hörsaal der Medizinischen Fakultät an und wurden dort gleich durch den Organisator Peter Riepe begrüßt. Man traf alte Bekannte wieder und begab sich dann in den bekannten Hörsaal, wo pünktlich um 10 Uhr die Tagung mit kurzen Ansprachen von Peter Riepe und Prof. Ralf-Jürgen Dettmar begann.

Im ersten Fachvortrag stellte Dr. Helena Relke aus Essen die „Radioastronomie an der Walter-Hohmann-Sternwarte Essen“ vor, ging kurz auf die Geschichte dieses Wissenschaftszweiges ein und stellte dann die Arbeit der Essener Sternfreunde der Walter-Hohmann-Sternwarte vor. Bereits seit 1990 verfügt man dort über ein 3m-Radioteleskop, das inzwischen modernisiert wurde. Die meisten Ergebnisse erzielten sie jedoch mit Stabantennen, mit denen sie 2009 Sternschnuppen erfassten, Asteroiden, ausgebrannte Raketenstufen beobachteten. Seit 2012 wurde eine VLF-Antenne verwendet, mit der der indirekte Nachweis von Gammastrahlung der Sonne gelang. Außerdem beteiligt will man sich am „E-Callisto Radiospektrometer-Netzwerk“ und die beobachtet Sonne im VHF- und UHF-Bereich.

Claudia Henkel aus Oberhausen und Harrie Rutten aus Arcen/Niederlande, sprachen danach über „Das Projekt 'Sterne funkeln für jeden'“, 
bei dem in Schulen Kindern mit Behinderung im Rahmen der Inklusion die Astronomie näher gebracht werden sollen. Das Projekt, dem die WHS jetzt beigetreten ist, soll schrittweise europaweit betrieben werden und wer z.B. 100 EUR spendet, sorgt dafür dass ein kleines Teleskop mit Holzmontierung, die in Eigenbau herzustellen ist, angeschafft werden und an entsprechende Schulprojekte ausgegeben werden kann. Mit der Spende übernimmt man dann auch für 1 Jahr einen Teil der Betreuung von Instrument und Projekt.

Über eine Reise zur Beobachtung der "Polarlichter über dem Bardarbunga/Island" berichtete Bernd Gährken aus Rheda-Wiedenbrück und präsentierte eine Vielzahl sehenswerter Aufnahmen des Vulkans inkl. 3D-Bilder (für die alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer rot-grüne Brillen erhalten hatten, die aber bei mir generell nicht funktionieren). Als Ergebnis einer Reise nach Kiruna konnte er aus Aufnahmen von Polarlichtern deren Höhen und Entfernungen vom Standort bestimmen. Die weiteste Entfernung betrug dabei 661 km. Ein Video mit Musik rundete den Vortrag ab.



Kurz vor der Mittagspause sprach Stefan Krause über die "Beobachtung von Polarlichtern", verwendete dabei Aufnahmen verschiedener Autoren und konnte einige beeindruckende Zeitraffer- und Echtzeitvideos, etwa von einem Beobachtungsflug am 22.11.2004, vom 14.3.2015 und aktuell vom September 2015 vorführen.

Die Mittagspause verbrachten wir im nahen Uni-Center bei Hähnchen und Softdrinks. Man hätte auch an Führungen in der Fakultät für Physik und Astronomie teilnehmen können. Aber bei so einem langen Tag wie diesem war Verpflegung wichtiger.

Im ersten Vortrag erläuterte Prof. Dr. Thomas Hebbeker aus Kelmis in Belgien die Grundlagen der "Bahnbestimmung am Kometen Lovejoy 2014" und wie man anhand eigener Aufnahmen und mit Hilfe des Programms Astrometrica auch als Amateur mit entsprechendem Hintergrundwissen Bahnen von Schweifsternen berechnen kann.

Die folgenden drei Vorträge bildeten den Schwerpunkt der diesjährigen BoHeTa: „Entdeckungen durch Amateure“. Ein „Neuer, variabler Nebel bei NGC 1333" wurde von Rainer Spaeni aus Urnäsch in der Schweiz und Dr. Sighard Schräbler aus Frankfurt per Zufall entdeckt. Ersterer gehört dem astroteam CERES an, das in der Schweiz ein kleines Observatorium betreibt. Das Ziel dieser Sternfreunde ist eher das Erstellen von „Pretty Pictures“, vereinfacht gesagt, schönen Aufnahmen von Himmelsobjekten. Auf Aufnahmen des 1855 von Eduard Schönfeld entdeckten (1828-1891) Reflexionsnebels NGC 1333 im Perseus entdeckten sich auf verschiedenen Aufnahmen einen anscheinend in der Helligkeit variablen Nebel. 





Danach folgte ein wahre Odyssee der Prüfungen und das Hoffen auf Bestätigung einer Entdeckung, die schließlich durch die Professorin Lynne Hillenbrand vom CALTECH erfolgte, die für Beobachtungen sogar den 5m-Spiegel auf dem Mt. Palomar einsetzte. Überdies suchte man nach Aufnahmen des verdächtigen Objektes bei anderen Sternfreunden und wurde auch fündig. Schließlich wurde die Entdeckung im IAU-Telegramm Nr. 7982 am 2. September 2015 veröffentlicht. Auf extrem langbelichteten Aufnahmen im Umfeld der Balkenspiralgalaxie NGC 4725 in der Coma Berenices, die bereits 1785 von keinem geringeren als Wilhelm Herschel (1738-1822) entdeckt worden war fand man eigenartige Strukturen, die auf eine Verbindung zur Nachbargalaxie NGC 4747 einer face-on Spiralgalaxie hinweisen und das führte direkt zum nächsten Vortrag von. Dr. Mathias Straube aus Bielefeld.



Unter der Überschrift „Erstbeobachtung eines Sternstroms bei NGC 4725: Kombinierte Belichtungen bei moderater bis starker Lichtverschmutzung“ referierte er über Sternströme generell und dem zwischen den genannten Objekten im Besonderen. Sie sind definiert als Überreste ehemaliger Zwerggalaxien, die durch Schwerkrafteinwirkungen einer größeren Galaxien in ihrer Umgebung auseinander gerissen wurden. Da sie im allgemeinen sehr schwach sind, sind sie nur schwer zu fotografieren und nur mit sehr langen Belichtungszeiten jenseits der 20 bis 30 Stunden nachzuweisen. Die Entdeckung und der Nachweis des Sternstromes führte zur Zusammenarbeit mit der TBG-Gruppe, über die Peter Riepe im nachfolgenden Beitrag im Beitrag über „Neue Zwerggalaxien im Local Volume“ referierte.

Dabei handelt es sich um ein Raumgebiet von etwa 30 Megaparsec um uns herum, das systematisch nach schwachen Begleitgalaxien abgesucht wurde, wie hier exemplarisch am Beispiel von M106 gezeigt werden konnte. Während der Arbeit kam es zu einer Kooperation mit dem „Special Astrophysical Observatory“ der „Russian Academy of Science“, die die Beobachtungen der TBG-Gruppe weiterführten und hierzu sogar das 6m-Teleskop in Selentschukskaja einsetzten. Die gemeinsame Arbeit wurde bereits im Astronomical Bulletin 2015, Vol. 70, No. 4 unter dem Titel „New Low Surface Brightness Dwarf Galaxies Detected Around Nearby Spirals“ veröffentlicht. Die Projektgruppe „Tief belichtete Galaxien“ der VdS-Fachgruppe Astrofotografie hat sich zum Ziel gesetzt, Sternströme und Zwerggalaxien in der unmittelbaren Umgebung von großen Welteninseln aufzuspüren und nachzuweisen. Das ist ihr mit dieser Arbeit in herausragender Weise gelungen.


Kurz vor der Kaffeepause präsentierte Dr. Carolin Liefke aus Heidelberg die diesjährigen Preisträger des Reiff-Preises 2015 in der Kategorie „Projekte von Arbeitsgruppen in Amateurvereinen und Schulen“ - den ersten Preis erhielt die Jugendorganisation „VEGAe.V.“ sowie den Reiff-Förderpreis 2015, den die Johann-Christian-Senckenberg-Schule in Runkel für die Aufführung eines astronomischen Musiktheaters erhielt, an dem alle Schülerinnen und Schüler und alle Lehrkräfte mit einbezogen waren. Im Anschluss daran gedachten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der BoHeTa dem vor kurzen verstorbenen Tübinger Astrophysiker Hanns Ruder (1939-2015).





Im traditionellen Reiff-Vortrag erzählte Dr. Harald Krüger vom Max-Planck-Institut für Sonnensystemforschung in Göttingen über „Kometenforschung heute und was Amateure dazu beitragen können“. Darin griff er Ergebnisse der ROSETTA-Mission zum Kometen Tschurymow-Gerassimenko über Oberflächenstruktur, Staubentwicklung, Oberflächenveränderung durch Annäherung an die Sonne und bodengebundene Beobachtungen des Kometen auf. Im zweiten Teil ging er auf wichtige Fragen der aktuellen Kometenforschung (Entstehung, Aufbau, Aktivit#t, Koma, Schweif und Meteorströme ein, bevor er im dritten Teil die Möglichkeiten der Amateure vorstellte, zur aktuellen Forschung beizutragen. Er ging dabei besonders auf die Photometrie der Koma ein, wo Amateure im Rahmen des CARA-Projektes (Cometary ARchive for Afrho, früher: previously named Cometary Archive Amateur Astronomers) Messergebnisse einreichen können.

Anschließend berichtete Gerald Rhemann aus Wien über seine 28jährige Erfahrung bei der „Kometenfotografie“. Er zeigte ein großes Repertoire seiner herausragenden Fotografien diverser Kometen, stellte seine Sternwarte und das ihm zur Verfügung stehende Instrumentarium vor, gab Tipps zur Bildbearbeitung und führte zum Schluss ein Musik untermaltes Videos aus Einzelbildern seiner besten Kometenbilder auf.

Zu vorgerückter Stunde ein sehr anspruchsvolles Thema: Dr. Burkhard Steinrücken aus Recklinghausen berichtete von der „Jahrhundertflut vom März 2015 - eine Exkursion nach Frankreich“, wobei es nicht etwa um organisierten Katastrophentourismus, sondern um dem Marée du Siécles“ am 21. März 2015 ging. Er vermittelte kenntnisreich die Grundlagen der Gezeiten und besonders die einzigartige Situation im Hafen von Saint Malo, wo der maximale Tidenhub 13 m betragen kann. Dazu sind allerdings einige Voraussetzungen wie der Äquinoktialtide, also dem Hochwasser zum Zeitpunkt der Erdnähe des Mondes, erforderlich, die einen Tag nach der totalen Mondfinsternis gegeben waren. Beeindruckend waren die hier gezeigten Bilder und die Videos von Rainer Sparenberg, die in Real-Time zeigten, wie schnell das Hochwasser in den Hafen strömte.



Späte Vorträge auf der BoHeTa sind immer undankbar und so berichtete Daniel Spitzer aus Münster recht amüsant und in geraffter Form über die „Visuelle Beobachtung kleiner Planetarischer Nebel“ und präsentierte dazu eine Auswahl von Zeichnungen. Im letzten Vortrag zeigte Jens Leich aus Wies die „Spannung am Sonnenrand - solare Aktivitäten in Zeitraffer“: Video jüngster Protuberanzen und ausgewählter Fleckengruppen im Weißlicht und H-alpha. Echte Hingucker für den Sonnenbeobachter.




Ziemlich genau um 19 Uhr war die BoHeTa wieder beendet. Die Zeit war wie im Fluge vergangen und wir machten uns auf den Heimweg. Die Auswahl der Themenbeiträge war dieses Mal sehr viel weiter gestreut als sonst und bot fast das ganze Spektrum aktueller amateurastronomischer Tätigkeit. Einen Durchhänger gab es bei keinem der Vorträge und es wurden viele Anregungen für die eigene Arbeit gegeben. Man müsste nur sehr viel mehr Geld und noch viel mehr Zeit haben. Wir waren nach unserer Ankunft in Hamburg gegen 23 Uhr froh, wieder dabei gewesen zu sein und freuen uns schon auf die nächste BoHeTa, die nach einer Abstimmung im Plenum voraussichtlich am 12.11.2016 stattfinden wird.

Donnerstag, 1. Oktober 2015

Peenemünde: Historische Rundfahrt

Ein paar Tage, nachdem ich das Historisch-Technische Museum Peenemünde besucht hatte, kehrte ich dorthin zurück, genauer gesagt, auf den Flugplatz, der heute von Kleinflugzeugen genutzt wird und früher zum Testgelände Peenemünde-West gehörte, der nach dem 2. Weltkrieg zerstört, von der Roten Armee wieder aufgebaut, von der NVA von 1955 bis 1990 genutzt und von der Bundeswehr binnen zwei Jahren abgewickelt wurde. Dort beginnen nämlich die Historischen Rundfahrten, auf die im Museum immer noch nicht so richtig hingewiesen werden. Nur durch Zufall und Internet-Recherchen bin ich darauf gestoßen, dass der Museumsverein Peenemünde e.V. jetzt sogar 3x täglich Rundfahrten (im Winterhalbjahr 2x am Tag) und auch Sonderfahrten unternimmt. Diese ging jedoch nicht, wie beim letzten Mal, nur zu den Stätten der V1 und dem berühmten, aber zerstörten und nicht wieder aufgebauten Prüfstand VII, sondern zu anderen Orten, die auf die früher immer verschwiegenen Seiten der faustischen Geschichte der „Geburtsstätte der Raumfahrt“ hinwiesen. In dem zur gesamten Museumslandschaft gehörenden Areal rund um die ehemalige Heeresversuchsanstalt sind heute noch sehr viele Überreste ehemaliger Prüfstände und Gebäude vorhanden, die man aber tunlichst nicht ohne fachkundige Begleitung erkunden sollte, weil es an vielen Stellen Bodensenken, Löcher, eingestürzte Tunneleingänge oder gesprengte Unterstände gibt, an denen man sich verletzen kann. Auch ist anhand der Trümmerberge und zusammengestürzten Gebäude nicht immer deren ehemalige Bedeutung zu erkennen.

Die Fahrt ging zunächst am Müggenhof, dem künftigen Standort des Museumsvereins und den Überresten des KZ-Außenlagers Karlshagen 1 vorbei – von denen die alten Peenemünder angeblich nichts wussten – bis zu einer kleinen Toreinfahrt an der Landstraße zum Flugplatz, wo wir in einen alten militärgrünen Robur-Bus der ehemaligen ostdeutschen VEB-Robur-Werke Zittau umstiegen, der für das unebene und teilweise überflutete Gelände bestens geeignet war, uns aber dennoch an manchen Streckenabschnitt ordentlich durchschüttelte.

Bei der Fahrt durch den dichten Wald sah man beiderseits des Fahrzeugs Hügel und viele Mauersteine und Gebäudereste auftauchen, die man aus Sicherheitsgründen nur vom Bus aus sehen und fotografieren konnte. Erst die Erläuterungen während der Fahrt ließen erahnen, was sich hier im Wald verbarg. So fuhren wir an den kläglichen Überresten des Entwicklungswerks, der alten Halle der Werkbahn und dem Standort des seinerzeit ersten und größten Windkanals der Welt vorbei, der sich heute in den USA in einem Museum befindet, bis wir am Prüfstand VIII anhielten, von dem aus die ersten Boden-Luft-Raketen verschossen wurden. Übrig geblieben sind davon die hier überall vorhandenen Mauerreste, Gesteinsauftürmungen sowie eine Treppe, die in die Tiefe führt und wo man vermutet, dass es sich um den Zugang zu einem unterirdisch angelegten Unterstand handeln könnte. Hier befand sich einstmals auch ein Beobachtungsposten, von dem aus die vom Prüfstand VII aufsteigenden Testraketen verfolgt werden konnten. 

Bereich um den Prüfstand VIII
Von dieser Stelle aus kann man auch heute noch zur Greifswalder Oie, dessen markantestes Objekt der 49m hohe Leuchtturm ist, der von Peenemünde aus auch als Peiler für Raketenflüge verwendet wurde. Auf der Insel selbst wurden 1937 mehrere erfolglose Starts des Aggregats 3 durchgeführt, später 28 A4/V2- und einige A5 verschossen sowie am 24. Januar 1945 der erste – und einzige – erfolgreiche Teststart einer A4b mit Flügeln – durchgeführt. Dem waren zwei Fehlversuche am 27.12.1944 und 13.01.1945 vorausgegangen.

Vor dem Wall auftauchende Gleise, über die die Raketen in den Prüfstand geschoben wurden

Tafel am Eingang zum Prüfstand VII


Überreste im Eingangsbereich zum Prüfstand VII
Danach ging es zum legendären Prüfstand VII, vom dem aus am 3. Oktober 1942 der erste Start einer V2 gelang. Vorhanden ist davon so gut wie nichts mehr. Vom großen Prüfturm sind nur noch schwer auszumachende Stellen im Boden zu sehen, die Gleichanlagen, auf denen die Raketen ins Innere des umgebenden Walls befördert wurden, kommen scheinbar aus dem Boden und verschwinden im Nirgendwo. Der Wall ist durch die dichte Bewaldung nur noch schwer als solcher zu erkennen. Und neben der breiten, von Grundwasser gefüllten Abgasschurre, die den Feuerstrahl der Rakete auffangen soll, befindet sich noch ein zweiter Kanal. Dieser war damals begehbar und enthielt vor allem für die Startanlage wichtige Kabelschächte. Durch Sprengungen sind die Decken aufgewölbt und mit Wasser gefüllt. Da sich im Innern der beiden Wasserkanäle dicke Strahlträger befinden, wird dringend von irgendwelchen Tauchversuchen abgeraten. Ein Gedenkstein erinnert heute übrigens an den (angeblich) exakten Ort, wo die Rakete im Oktober 1942 aufstieg. Allerdings wurde dieser schon mehrfach verschoben …

Blick auf die weitgehend zugewucherte Abgasschurre

Aufgesprengter Untergrund am Prüfstand
Immerhin ist das Gebiet inzwischen museumspädagogisch soweit erschlossen, dass Hinweisschilder auf die ehemaligen Gebäude aufmerksam machen. Überdies sind die Anlagen gegenüber meinen früheren Besuchen Anfang der 1990er Jahre mittlerweile weitgehend zugewuchert und man muss hier auf die allgegenwärtige Tierwelt Acht geben. Neben zahlreichen Kriechtieren versammeln sich an den Tümpeln Myriaden von Insekten und so manches Wildschwein. Schließlich wurde das ganz Gelände, nachdem die militärische Nutzung beendet war, sich selbst überlassen und stellt heute ein einzigartiges Biosphärenreservat dar.

Danach fuhren wir wieder zurück zum Ausgangsort im Wald, stiegen in den Bus um und wurden zur Ausgangspunkt am Flugplatz zurückgebracht. Auf dem Rückweg hielt ich noch kurz am Haltepunkt Werk-Ost der Peenemünder Werkbahn an, der rechtsseitig bei der Fahrt in Richtung des Flugplatzes auftaucht. Ein Stückchen weiter in Richtung Süden ist ein Teil der unterirdischen Haltestelle Karlshagen heute noch vorhanden, aber nicht mehr begehbar.

Überreste der Werkbahnstation Werk-Ost

Mittlerweile sind heute – trotz Verbote an anderer Stelle – viele historische Stätten der ehemaligen Heeresversuchsanstalt begehbar gemacht worden. Nur eines sollte sicher sein: man arbeitete hier keineswegs an Raketen, die den Mond oder den Mars erreichen sollten, sondern an Waffensystemen, auch wenn in mancher Biografie der alten Peenemünder über diesen Aspekt ihrer Tätigkeit gerne hinweggesehen wurde.